Musikgeschmack im Wahlkampf: CDU ist wie Mark Forster

Der „Rolling Stone“ hat die Spitzenkandidat_innen nach ihrem Musikgeschmack befragt. Die Antworten machen derweil kaum Hoffnung.

Publikum bei Konzert in der Thüringenhalle in Erfurt 2016

Eines der letzten Konzerte, das Armin Laschet besucht hat, war Mark Forster. Das passt ja Foto: imago

Ist Christian Lindner wirklich ein Liberaler wie aus dem Bilderbuch? Schafft es Armin Laschet, immer und überall den unfreiwilligen Clown zu geben – selbst bei unverfänglichen Fragen aus dem Bereich Pop? Und kann man bei Annalena Baerbock orakeln, ob sie jetzt eher ein Faible für Schwarz-Grün als für R2G hat? Ich behaupte: Ja! Das Musikmagazin Rolling Stone hat die Spitzenkandidat_innen zu ihren ersten Platten, den letzten Konzerten und den besten Songtexten für den Wahlkampf befragt. Daran lässt sich einiges ablesen.

FDP-Chef Christian Lindner hält „Freiheit ist das Einzige, was zählt“ aus Marius Müller-Westernhagens bekanntem Gassenhauer für einen perfekten Slogan für den FDP-Wahlkampf. Damit wäre die allseits bekannte FDP-Ausrichtung auch schon perfekt zusammengefasst: Schlechte Phrase aus einem nervigen Song – aber Hauptsache, man hat „Freiheit“ gesagt!

Und dass Lindner als letzte Platte „1995“ von Kruder & Dorfmeister auf – wie er betont – ­Vinyl gekauft hat, ist ein richtiger FDP-Move: Es muss auch dem Letzten klar werden, dass man am Zahn der Zeit mit total hippen Inhalten operiert und seiner Zeit weit voraus ist. Auch wenn es niemanden juckt.

Eines der letzten Konzerte, das CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet (vor der Pandemie) besucht hat: Mark Forster. Das steht für den langjährigen CDU-Erfolg: Von Mark Forster behaupten alle, dass sie seine Musik eigentlich scheiße finden, rennen aber trotzdem in Massen auf die Konzerte. CDU-Politik und die runtergesülzten Nerv-Songs von Mark Forster verbindet eines: Man könnte es besser haben, ist sich aber zu bequem, mal die Komfortzone der Schlechtheit zu verlassen. Deswegen wählen die Deutschen immer wieder die Union, so wie sie immer wieder auf mittelmäßige Konzerte rennen. Es ist eine chronische Selbstbestrafung.

Pink Floyd riecht nach Schwarz-Grün

Laschet, dem irgendwann einfällt, dass man beim Rolling Stone vielleicht auch ein bisschen edgy als Interviewpartner rüberkommen muss, sinniert in einem verzweifelten Anflug von Rebellentum, dass es Zeiten gab, „da war man als Christdemokrat in Nordrhein-Westfalen durchaus Teil einer Subkultur“. Lol. Das ist ungefähr genauso stichhaltig, wie in der ersten Reihe eines Mark-Forsters-Konzert zu behaupten, man sei auf einem Underground-Geheimtipp-Gig eines unterbewerteten Songschreibers gelandet, den die Welt erst noch entdecken muss.

Annalena Baerbock hingegen legt eigentlich stabil vor (erste CD: wahrscheinlich von ­Roxette), geht aber mit den Aussagen zu ihrer Lieblingsplatte („Wish you were here“ von Pink Floyd) dann wieder wie gewohnt langweilig auf Nummer sicher: Ein Pink-Floyd-Album als Leib-und-Magen-Musik, das riecht nach Schwarz-Grün und nach dem Wunsch, so viele Menschen wie möglich zu erreichen – vom jungen Musik-Nerd bis hin zur Fraktion älterer Wähler_innen, die schon Ende der 1980er Jahre zu alt waren, um zu schnallen, wie geil Roxette eigentlich waren. Es riecht nach „leave no Wähler_innen behind“ und dem unbedingtem Willen zum Erfolg.

Annalena Baerbock wird langfristig einfach wissen, was sie sagen muss, um die Leute für sich zu gewinnen. Würde mich nicht wundern, wenn sie in den nächsten Jahren „Ænima“ von Tool für sich entdeckt, um den Massen passgenau zu verklickern, wie progressiv, avantgardistisch, cool und gleichzeitig massentauglich sie ist!

Janine Wissler (Die Linke) gibt sich stabil. Letztes Konzert: Feine Sahne Fischfilet in Paris. Dezidiert linke Mucke bei den Streik-Champions im Nachbarland: Das ist linker Bürgi-Lifestyle vom Feinsten. Und natürlich ist auch ihr aus einem Songtext generierter Lieblingswahlkampfslogan der Schlagkräftigste: „Eat the rich“. Da hat jemand aufgepasst!

Die Beatles-Koalition

Auf die Frage, ob sie mal Teil einer Subkultur war, erinnert sie sich an eine Hippie-Phase und Engagement in der globalisierungskritischen und ihrer Meinung nach „eher anti­kapitalistischen“ Bewegung um die Jahrtausendwende mit den Protesten gegen den G8-Gipfel.

Das ist ehrlich links – und das ist auch das, was viele Menschen da draußen scheiße finden. Leider wird der Hinweis auf ihr Faible für The Doors nix mehr ausrichten können. Dabei sind die Gemeinsamkeiten mit anderen Parteien größer, als man vielleicht annimmt: Genau wie bei Scholz war Wisslers erste selbst gekaufte Platte von den Beatles – sie sollten sich zusammentun.

Doch SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz wirkt neben Wissler gewohnt farblos, was vielleicht auch den Verzweiflungsmove erklärt, den ehemaligen Bill Clinton-Wahlkampfsong „Don’t stop“ von Fleetwood Mac als gut geeignet für den SPD-Wahlkampf zu identifizieren: „Don’t stop thinking about tomorrow“ ist ja praktisch seit 16 Jahren das Lebensmotto der SPD.

Scholz gibt den klassischen SPD-Mann, der sich auch politisch oft nicht so recht fest­nageln will. Nach dem Motto „alles kann, nix muss“ gibt er an, dass er „Rock, Jazz, Klassik“ mag – wie ein unentschlossener Dödel, der auf Musik eigentlich gar nicht so richtig Bock hat, aber überall mitmischen will. Scholz sieht aus wie einer, der seit 1993 ungefähr eine Milliarde Mal „’74–’75“ von The Connells im Lokalradio gehört hat, aber weder die Band noch den Song so richtig kennt.

Das deckt sich mit der scheinbaren Ahnungslosigkeit über die unerkannte und versteckte potenzielle SPD-Wähler_innenmasse, die man auch eher nebenher laufen lässt – weil man sich lieber Larifari widmet und lieber in allen möglichen Töpfen (auch in denen, die eher CDU- und AfD-Geschmäckle haben) herumrührt, anstatt an der eigenen sozialdemokratischen Ausrichtung zu feilen.

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