Autobauer investieren in Osteuropa: Die Krise der Einen ist die Werkseröffnung der Anderen
Mercedes-Benz und BMW sind mit ähnlichen Problemen wie VW konfrontiert. Auch die Strategien zulasten der hiesigen Beschäftigten ähneln sich.
Foto: Marton Monus/dpa
Statt weiterer Krisentreffen mit Wirtschaftsvertretern hätten Kanzler Friedrich Merz und seine Wirtschaftsministerin Katherina Reiche so einen Termin vermutlich auch mal gern: Am Montag durften Ungarns frisch gewählter Ministerpräsident Péter Magyar und sein Wirtschaftsminister István Kapitány der feierlichen Eröffnung neuer Werkhallen beiwohnen. Mercedes-Benz investiert in die Zukunft der 110.000-Einwohner-Stadt Kecskemét: Der Konzern will das dortige Werk, in dem bereits rund 4.500 Menschen arbeiten, zu einem seiner weltweit größten Produktionsstandorte ausbauen. 1 Milliarde Euro investierte er in den vergangenen vier Jahren.
Auch am Stuttgarter Autobauer geht die Krise der deutschen Automobilindustrie nicht vorbei. Wie VW und BMW leidet Mercedes-Benz unter den internationalen Handelskonflikten, der verschärften Konkurrenz aus China und einer verschlafenen Antriebswende. Der Umsatz des Konzerns sank in den ersten drei Monaten des Jahres 2026 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 5 Prozent auf 31,6 Milliarden Euro, der Gewinn vor Zinsen und Steuern brach um 30 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro ein.
Zwar zieht dank neuer Modelle das Geschäft mit Elektroautos an, der Nobelkarossenbauer verkauft in Europa und den USA wieder mehr Autos, doch gleicht das den Einbruch auf dem chinesischen Markt nicht aus. Deutsche E-Modelle spielen auf dem weltweit größten E-Auto-Markt keine Rolle – und jetzt werden auch Verbrenner dort zum Ladenhüter.
Für das gleiche Geld mehr arbeiten
Aus diesem Grund musste auch die bayerische Konkurrenz ihre Ziele für dieses Jahr nach unten schrauben. Fürs Kerngeschäft rechnet BMW mit einer Gewinnmarge von 1 bis 3 Prozent vor Steuern und Zinsen, zuvor waren es 4 bis 6 Prozent.
Auch bei den Münchnern konnte das Wachstum in Nordamerika und Europa nicht das Schrumpfen in China und Südostasien kompensieren. In den ersten sechs Monaten des Jahres verkaufte BMW rund 1,15 Millionen Fahrzeuge. Das ist ein Minus von 4,2 Prozent. Die neuen E-Modelle kommen für den chinesischen Markt zu spät, sind Analysten überzeugt.
Das Mercedes-Management hat ein Rezept zur Lösung der Krise. „Wir sollten in allen Bereichen für das gleiche Geld mehr arbeiten“, fordern Konzernchef Ola Källenius und sein Team die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche. Die Beschäftigten in Deutschland sollen bei gleichem Lohn fünf Stunden pro Woche mehr arbeiten, damit der Konzern wettbewerbsfähiger wird. In Ungarn investiert er, weil dort die Produktionskosten deutlich unter dem deutschen Niveau liegen.
Auf der Seite der Arbeitnehmer*innen hält man von dieser Strategie nichts. „Verlagerungen nach Osteuropa zulasten der deutschen Standorte sind kein nachhaltiges Geschäftsmodell“, sagt Sebastian Fay der taz. Er ist Unternehmensbetreuer der IG Metall für Mercedes-Benz. Wichtiger als Lohnkosten seien Produktivität, Innovation und Qualität, sagt der Gewerkschafter. Deswegen sieht er auch die Forderung nach einer Ausweitung der Arbeitszeit kritisch. „Wenn es schon heute zu wenig Arbeit für die Beschäftigten gibt, bringt die unbezahlte Erhöhung der Arbeitszeit auf eine 40-Stunden-Woche nur Arbeitslosigkeit“, warnt Fay.
Stattdessen fordert er von der Unternehmensleitung ein Bekenntnis zu Investitionen in die deutschen Standorte und sieht den Staat in der Pflicht: „Angesichts der multiplen Krisen ist auch eine aktive Industriepolitik gefordert: von besserer Lade-Infrastruktur über die Ansiedlung von Batteriezellfabriken bis hin zu Local-Content-Regelungen für Konkurrenten aus Fernost.“
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„Die Ursachen der aktuellen Herausforderungen liegen nicht bei den Beschäftigten“, heißt es auch in einer Stellungnahme des Gesamtbetriebsrats von Mercedes-Benz, die der taz vorliegt. Weder die Entwicklung in China, geopolitische Spannungen noch steigende Energiepreise seien von ihnen verursacht. Der Vorstand habe in den letzten Jahren strategische Entscheidungen getroffen, „die sich im Nachhinein als nicht nachhaltig erwiesen haben und das Unternehmen viel Geld kosten“.
Der Handlungsdruck wächst
Auch bei der Münchner Konkurrenz wächst angesichts schlechter Geschäftszahlen der Handlungsdruck. „Neben den Belastungen im operativen Geschäft wird die BMW Group die laufenden Kostensenkungen durch weitere Struktur- und Effizienzmaßnahmen intensivieren und beschleunigen“, schreibt BMW in seiner Gewinnwarnung. Mit dem Betriebsrat werden Gespräche geführt.
Ob und in welchem Maße es etwa zu Stellenabbau kommen kann, darüber schweigt man in München derzeit. „Wie bei BMW üblich werden Themen nicht öffentlich diskutiert, sondern zunächst intern und gemeinsam mit der Unternehmensführung beraten“, teilt die Arbeitnehmervertretung der taz mit. Weltweit beschäftigt BMW rund 150.000 Menschen.
Wie Mercedes lässt BMW auch in Ungarn produzieren. Im September 2025 eröffnete der Konzern im ostungarischen Debrecen, 30 Kilometer von der rumänischen Grenze entfernt, ein neues Werk. Mit dabei bei der feierlichen Einweihung: der damalige ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán.
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