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Medien machen süchtigSmartphones sind die neuen Zigaretten

In Zukunft werden auf Handys Hinweise prangen, die vor den Gefahren der Mediensucht warnen. Natürlich mit Schockbildern.

Früh übt sich: Vielleicht dienen dereinst die schrecklichen Bilder von Kindern, die auf Smartphones starren, als Warnhinweise Foto: Monika Skolimowska/dpa

G ern wüsste ich, ob meine Enkelkinder eines Tages zu Filmaufnahmen aus den 20er-Jahren ihren Kindern erklären, dass es zu dieser Zeit – also heute – völlig normal war, dass sich die Leute durchgängig an kleine Bildschirme geklammert haben. Sogar Kinder! Man wusste halt nicht, wie schädlich das war.

Sie schauen darauf vielleicht ähnlich fassungslos wie ich heute auf Zigaretten in Filmen aus den 60ern: rauchende Menschen bei der Arbeit, in Flugzeugen und Bahnen, mit Kindern am Esstisch und beim Fernsehen auf dem Sofa. Widerlich!

Wie lange es wohl dauert, bis auch auf Handys und Hüllen Sätze prangen wie: „Mediensucht verursacht Angst-, Essstörungen und Depressionen.“ Dazu natürlich die furchtbaren Bilder von Achtjährigen, die auf Smartphones starren. Oder von deren Eltern, die daneben sitzen und dasselbe tun. Wahrscheinlich wird es dann auch den Warnhinweis geben: „Handys verursachen Behinderungen.“

„Digitaler Autismus“ wird das Krankheitsbild genannt, obwohl es gar kein Autismus ist. Der ist nämlich nie hausgemacht. In den Arztpraxen tauchen sie immer mehr auf: schwer entwicklungsverzögerte Kinder, die kaum sprechen oder spielen, keinen Blickkontakt halten. Statt sozialer Fähigkeiten haben sie nur einen Wunsch: Bildschirm!

Vorsätzlich demokratiegefährdend

Eigentlich gesunde Kinder, krank gemacht, indem sie in den ersten Lebensjahren schon beim Füttern Handys auf den Tisch oder in ihre Bettchen bekommen, die sie mit unendlich vielen Reizen überfluten, bevor sie überhaupt ihre eigene kleine Welt entdecken.

Statt einer fetten Aufklärungskampagne bekommen Eltern bei Telegram sogar noch Falschinformationen darüber, dass Autismus durch Impfungen verursacht wird – ohne dass jemand dafür haftbar gemacht wird.

Ich fürchte, von den gesamtgesellschaftlichen Folgen des Massenmedienkonsums auf Internetplattform-Monopolen ohne Faktenprüfung – die sich an Desinformation und Hassrede legal bereichern und deren schwer mehrfach reichen Eigentümern auch mal ein Hitler-Grüßlein entfährt (wie Elon Musk bei Donald Trumps Amtseinführung) – kann ich mir keine Vorstellung machen.

Warum eiern wir herum beim Thema Social-Media-Verbot für Minderjährige? Es soll ja nicht das Internet abgeschaltet werden!

Warum eiern wir herum beim Thema Social-Media-Verbot für Minderjährige? Es soll ja nicht das Internet abgeschaltet werden. Über Foren kann man sich weiterhin austauschen, sogar deutlich konstruktiver. Laut einer Bertelsmann-Studie informieren sich drei Viertel aller jungen Menschen bei Tiktok, Instagram und Co über Politik – wo das Verbreiten von Lügen unter Meinungsfreiheit läuft! Ich halte das für demokratiegefährdend, und zwar mit Vorsatz.

Sobald wir entsprechende Gesetze haben und die Plattformen Kinder- und Jugendschutz umsetzen und ihre suchtverstärkenden Faktoren und Gehirnwäsche-Algorithmen abgestellt haben, können wir sie ja wieder erlauben. Das massive Problem von Gaming- und Unterhaltungssucht ist dann aber immer noch nicht gelöst.

Viele Erwachsene sind selber ziemlich unfähig

Alkohol und Zigaretten sind für Kinder auch verboten. Das verdeutlicht die Gefahren und gibt Eltern und Behörden etwas an die Hand. Natürlich müssen wir zusätzlich Kindern und Jugendlichen Medienkompetenz vermitteln – ehrlicherweise sind aber viele Erwachsene dabei selber ziemlich unfähig.

Ohne Regulierung wird es nicht gehen. Ein Internetriese wird genauso wenig einer freiwilligen Selbstverpflichtung nachkommen wie meine 17‑jährige Tochter. Nur ist sie Opfer und nicht Täter.

Ich freue mich schon auf die Zeit, in der es kleine, gelb markierte Handybereiche am Ende der Bahnhöfe gibt. Daneben ein Plakat für die Kampagne: „Diesen Mai werde ich handyfrei.“

Hoffentlich passiert das noch, bevor die Bahn in den Zügen die Fenster aufgrund mangelnder Nutzung abgeschafft hat. Das ist nämlich mein Rezept gegen die Social-Media-gemachte Negativhetze: den Kopf heben und schauen, wie wunderschön das echte Leben ist. Besonders jetzt im Frühling.

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Birte Müller
Freie Autorin
Geboren 1973 in Hamburg. Seit sie Kinder hat schreibt die Bilderbuchillustratorin hauptsächlich Einkaufszettel und Kolumnen. Unter dem Titel „Die schwer mehrfach normale Familie“ erzählt sie in der taz von Ihrem Alltag mit einem behinderten und einem unbehinderten Kind. Im Verlag Freies Geistesleben erschienen von ihr die Kolumnensammlungen „Willis Welt“ und „Wo ein Willi ist, ist auch ein Weg“. Ihr neuestes Buch ist das Bilderbuch „Die Kartoffel und der Sinn des Lebens“. Birte Müller ist engagierte Netzpassivistin, darum erfahren Sie nur wenig mehr über sie auf ihrer veralteten Website: www.illuland.de
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9 Kommentare

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  • „Das ist nämlich mein Rezept gegen die Social-Media-gemachte Negativhetze: den Kopf heben und schauen,"



    Ja, das wäre toll. Aber beobachten Sie mal E-Biker. Die blicken auch ständig auf ein Display am Lenker und heben selbst in schönsten Landschaften den Blick nicht...

  • Teilweise sehr "hintergründig witzig", aber ich hatte schon gehört und gelesen:



    "Die unterschätzte Wirkung des Stehens: Warum Sitzen das neue Rauchen bleibt"



    Bei barmer.de



    Also Smartphone-Nutzung im Sitzen doppelt schädlich!



    Im ÖPNV finden sich immer Leute, die sich unterhalten wollen. Man muss sie nur suchen und erkennen, das bereichert viele Tage und "verkürzt" viele Fahrten mit Verspätung.

    • @Martin Rees:

      Mich wundert, dass bei der Bahn noch niemand auf die Idee gekommen ist, diese Begründung als Werbeslogan zu nutzen!

      "Wir verspäten uns sogar für Sie … und Sie — damit Sie Ihr Gespräch in Ruhe beenden können."

      • @Neo Joker:

        Mit den üblichen "Wahlbekanntschaften" ist es bald hintergründig, manchmal schicksalhaft auch im Kurztrip (zunächst) vordergründig:



        "Der Reiz banaler Gespräche



        Small Talk ist ganz furchtbar? Das denkt Ihr Gegenüber auch. Dabei ist das Geplauder besser als sein Ruf. Sagt die Wissenschaft."



        Neulich traf ich per Zufall im RRX eine "Fernsehtierärztin" aus Ahlen, ein wunderbares Gespräch am Abend über das "neue" Tierschutzgesetz und die Qualzucht-Liste für Hunde.

  • Ein toller Artikel, großartig!

  • Ich glaube wir sind Menschen, die eigenständig denken können. Ein Smartphone nutzen wir und wir sind mit Bewusstsein ausgestattet, also könn(t)en wir damit adäquat umgehen.



    Womit wir nicht adäquat umgehen können, sind die ganzen Gifte (PFAS…) in der Umwelt.

    Eine Unterscheidung dieser Arten von Gefahren wäre sehr hilfreich, dann merken Menschen, was sie selber in der Hand haben und was nicht und was davon wirklich gefährlich ist.

    Handyverbot, Zuckersteuer…. Aber weiter PFAS in die Umwelt einspeisen… Die Verwirrung wird nur größer.



    Das gleiche betrifft das CO2 und Plastik. Während wir, jeder Einzelne, dazu aufgerufen werden, kleine Plastikschnipsel einzusammeln, haut es die Industrie auf der andern Seite doppelt raus.



    Ariel wirbt mit: „Spare Strom“ und ist selbst der größte Energiefresser.



    So kann man es sich einfach machen.

    Die wirkliche Gefahr wird immer verschleiert…

    • @Marc Seeger:

      Tschuldigung, meine Brille liest "...die eigentlich eigenständig denken können sollten".



      Könnten "wir" das, könnten wir auch mit den ganzen Giften umgehen sowie die Verschleierung der Gefahren erkennen.