Medien in Israel: Propaganda für den Krieg und für Netanjahu
Immer weiter nach rechts driftet die Berichterstattung im israelischen Rundfunk. Wer kritisch berichtet, riskiert Ächtung und Sanktionen.
G ut eine Woche nach Kriegsbeginn strahlte Israels beliebtester Nachrichtensender, Kanal 12, ein Interview mit einem Psychiater aus, der Israelis kritisierte, die aufgrund des Konflikts psychische Probleme äußerten. Der renommierte Professor und Buchautor sprach von einer „Bande Primadonnen“. Anstatt sich zu beklagen, sollten sie den israelischen Kampfpiloten dankbar sein. Derselbe Sender strahlte auch Interviews aus mit Familien, die in zu Schutzbunkern umfunktionierten Tiefgaragen Zuflucht gesucht hatten und heldenhaft darauf bestanden, dass ihre Kinder weiterhin Spaß haben.
Seit dem 7. Oktober 2023 sendet das israelische Fernsehen keine kritischen Analysen mehr zu den politischen Entwicklungen und der Regierung. Mit einer Ausnahme: Kanal 13. Das Unternehmen wurde kürzlich von einer Gruppe linksorientierter israelischer Technologieunternehmer übernommen und vertritt seither eine distanzierte Haltung gegenüber der israelischen Regierung, auch und vor allem mit Blick auf den jüdischen Terror im Westjordanland.
Die große Mehrheit der Bevölkerung konsumiert eine unkritische Berichterstattung. So ist es wenig verwunderlich, dass laut einer Mitte März vorgenommenen Umfrage 93 Prozent der jüdischen Israelis den Krieg gegen Iran befürworten. 74 Prozent gaben an, die Entscheidungen von Premierminister Benjamin Netanjahu zu unterstützen. Die jüdischen Israelis vertrauen auch nach mehreren Wochen des zerstörerischen Krieges, der weder in Iran noch im Libanon erkennbare Sicherheitsgewinne brachte, weiterhin dem Regierungschef.
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Und das, obschon Netanjahu Zahlungen an die Hamas tätigte, Geld aus Katar annahm und die Verantwortung für das Massaker vom 7. Oktober sowie den längsten Krieg in der Geschichte Israels trägt. Diese Themen werden in den etablierten Nachrichtensendern kaum erwähnt. Die Regierung beharrt darauf, dass die Verantwortlichen für das Scheitern der Ereignisse vom 7. Oktober nahezu ausschließlich in den Reihen der israelischen Verteidigungskräfte (IDF) zu finden sind.
Unbequeme Fragen unerwünscht
Der Krieg in Iran wird derweil dauerhaft thematisiert. Die Sender hatten einen möglichen US-Angriff erwartet und loben nun regelmäßig den Mut der Piloten sowie die militärischen Erfolge der israelischen Streitkräfte. Die Diskussionsteilnehmer vermeiden ungemütliche Fragen wie die, ob die Zerstörung Irans und Libanons überhaupt der Sicherheit Israels nützt. Regelmäßig zu sehen ist stattdessen der Armeesprecher, wenn er vor Journalisten die offiziellen Stellungnahmen vorträgt.
Nach den Attentaten auf hochrangige Offiziere der Revolutionsgarden beanspruchte Netanjahu diese militärischen Erfolge zunächst für sich. Als klar wurde, dass das iranische Regime durch den Krieg nicht gestürzt werden würde, schob Netanjahu die Schuld für die Kriegsentscheidung auf Mossad-Chef David Barnea. Die Methode ist banal: Wenn die israelischen Streitkräfte oder andere Sicherheitskräfte versagen, trägt Netanjahu keine Verantwortung. Wenn sie siegreich sind, erntet er die Lorbeeren.
Todesfälle und Vertreibungen in Iran und Libanon sind selbstredend kein Thema im israelischen Rundfunk. Ähnlich wie während des Krieges im Gazastreifen werden die etablierten Medien instrumentalisiert. Nach dem Massaker vom 7. Oktober besteht ihre Aufgabe darin, die öffentliche Moral und die Einheit im Volk zu stärken. Externe Experten kommen nicht zu Wort. Es sind jüdische Israelis, die über die Entwicklungen in Israel berichten. Nachrichten aus dem Ausland spielen eine untergeordnete Rolle.
Gleichzeitig wird politischer Druck ausgeübt, wenn Medien nicht die offizielle Regierungslinie vertreten. Während und nach dem Gaza-Krieg starteten regierungsnahe Aktivisten Kampagnen, um Journalisten zu schikanieren, die die Regierung oder die israelischen Streitkräfte kritisierten. So erhielt der Journalist Guy Peleg von Kanal 12 nach seinem Bericht über die Misshandlung eines palästinensischen Gefangenen durch israelische Reservisten Morddrohungen von Anhängern der nationalistischen Koalition.
Krieg für Netanjahus Wahlkampf
In einem anderen Fall geriet Yonit Levi, Chefmoderatorin von Kanal 12, die es wagte, der Regierung mit Blick auf das Aushungern der Menschen im Gazastreifen „moralisches Versagen“ vorzuwerfen, ins Visier von rechtsgerichteten Aktivisten und Journalisten. Im Januar 2026 kündigten Minister von Netanjahus Likud-Partei und andere Knesset-Abgeordnete sogar einen Boykott von Kanal 12 an wegen der Berichterstattung über den Missbrauchsskandal im fraglichen Gefängnis. Kommunikationsminister Schlomo Karhi bezeichnete den Sender als „Propagandaorgan“, das dazu diene, „Lügen“ zu verbreiten und Israel in Kriegszeiten zu diffamieren.
Infolge dieser politischen Zwänge, darunter aktuell die geplante Kürzung der Mittel für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die mögliche Schließung des eher linksgerichteten Armeeradios sowie mehr Kontrolle über die Berichterstattung von staatlicher Seite, gleiten gemäßigtere und verlässlichere Sender (wie Kanal 12) immer weiter nach rechts und gleichen zunehmend Kanal 14, dem ultranationalistischen Propagandaorgan der Regierung. Kanal 14 nahm 2021 den Sendebetrieb auf und erreichte während des Krieges im Gazastreifen höchste Einschaltquoten.
Kommentatoren und sogar rechtsgerichtete Minister forderten so häufig die Zerstörung Gazas, dass eine Gruppe israelischer linker NGOs versuchte, den Sender wegen „Anstiftung zu Kriegsverbrechen, Gewalt und Rassismus“ zu verklagen – natürlich erfolglos. Der Sender empfängt den Premierminister regelmäßig zu schmeichelhaften Interviews in einer seiner Flaggschiff-Sendungen, „Die Patrioten“.
Die Chancen auf eine objektive oder kritische Analyse der Regierungsmaßnahmen und der darauffolgenden Proteste in Israel schwinden zusehends. Der aktuelle Krieg zwischen Iran, Libanon und Israel dient Netanjahu als Wahlkampfinstrument und Ablenkungsmanöver. Er will seine militärischen Erfolge bei den Wählern vermarkten und sich von seinem Korruptionsprozess sowie dem Versagen am 7. Oktober 2023 distanzieren.
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