Krawalle in den Niederlanden: Die Covid-Zentrifuge
Die Gewalt in den Niederlanden offenbart Bruchlinien einer Gesellschaft, die in der Pandemie drastisch zutage treten.
D ass sich in einer Krise wie dieser bestimmte Probleme potenzieren, etwa die Verschlankung des öffentlichen Gesundheitssektors, haben die letzten Monaten überall gezeigt. In den Niederlanden, wo man ums Millennium herum besonders lautstark das Credo „Mehr Markteffekt im Pflegebereich“ anstimmte und nicht lange vor dem Ausbruch der Coronavirus-Varianten noch unrentable Kliniken geschlossen wurden, wird dies in der Pandemie besonders deutlich.
Die aktuelle Zuspitzung der Lage im Nachbarland – Querfront-Tendenzen, sich radikalisierende Proteste gegen coronabedingte Maßnahmen und die Welle nihilistischer Zerstörung zu Wochenbeginn – offenbart die Bruchlinien einer Gesellschaft, die unter dem Druck von elf Monaten „nieuw normaal“ (der „neuen Normalität“) besonders drastisch zutage treten.
Umfang und Eigendynamik der jüngsten Gewaltausbrüche verstellen den Blick darauf, dass diese vor genau einer Woche ihren Anfang in Urk nahmen. Das winzige Fischerstädtchen am IJsselmeer, streng calvinistisch und konsequent gegen die EU eingestellt, ist geprägt von der Mentalität, sich gegen die feindliche Außenwelt behaupten zu müssen. Schon länger gibt es hier Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und der Polizei, zuletzt als wegen der Coronakrise das Feuerwerk verboten wurde.
Die derzeitigen Spannungen in den Niederlanden sind nicht zuletzt eine Revolte der Peripherie. So fügen sich die Demonstrationen gegen die Coronamaßnahmen ins Muster der jüngsten Proteste ein, die ebenfalls vom platteland kommen oder dort stark unterstützt werden: Bauernbewegung, Gelbwesten, Klimawandelleugner. Es gibt nicht nur personelle Schnittmengen, sondern auch solche in Inhalt und Symbolik: die umgedrehte Landesfahne, die in der Seefahrt einst „Blau-Weiß-Rot, Schiff in Not“ bedeutete und heute eine Notlage des Landes ausdrücken soll, die feindliche Einstellung zu Medien, der Hang zum Komplottdenken.
Das Zerstören, Plündern und die Attacken auf Polizisten in dieser Woche wiederum schließen an zahlreiche Vorfälle der vergangenen Jahre an, bei denen auch Feuerwehrleute oder Sanitäter von Jugendlichen angegriffen wurden. Die Symbolik einer Uniform, egal welcher, ist dabei offenbar Anlass genug, um ins Visier zu geraten. Ein simples Reaktionsschema, doch Ausdruck einer tiefen Entfremdung zwischen dem Staat und einem Teil seiner zivilen Bevölkerung.
Freilich gibt es auch innerhalb Letzterer immer stärkere Spaltungstendenzen. In dem seit Jahren schwelenden Konflikt um die rassistische Brauchtumsfigur des Zwarte Piet etwa gehören Gewalt und Drohungen inzwischen zu den gängigen Diskurstechniken. Im Sommer machten die „Black Lives Matter“-Kundgebungen schmerzhaft das Konfliktpotenzial der unaufgearbeiteten Kolonialvergangenheit klar.
Diese Entwicklungen stehen in Wechselwirkung mit dem Zerfall der einstigen sozialdemokratischen Milieus. Seit 20 Jahren zieht es viele aus der weißen Unterschicht zu den Rechtspopulisten. Jene, deren Vorfahren als Gastarbeiter kamen, tendieren zusehends zu sogenannten migrantischen Parteien, die sich gerne links und „multikulturell“ geben, bisweilen aber eine bedenkliche Nähe zur türkischen AKP oder anderen islamistischen Akteuren pflegen. In beiden Fällen werden Identität und Herkunft zum bestimmenden politischen Faktor.
All diese Entwicklungen haben Ursachen, die weit hinter den Beginn der Pandemie zurückreichen. In einer derart zerklüfteten Gesellschaft jedoch erweist diese sich als Zentrifuge: Sie verstärkt die Tendenz zum Rückzug in die eigene Nische mit ihren Denkbildern und Erklärungsmustern. Wenn im weiteren Verlauf der Krise, zumal nach den Parlamentswahlen Mitte März, Verteilungsfragen gestellt werden, werden sich diese Konflikte weiter verschärfen. Der nun beginnende Wahlkampf wäre der beste Zeitpunkt, dem entgegenzuwirken.
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