Marian Markel

In Surinam geboren, gegen Rassismus aktiv: Marian Markel vor dem antikolonialen Mahnmal Foto: Erik Veld

Kolonialismus-Debatte in den Niederlanden:Sklavenhändler sind out

In den Niederlanden wurde die ­koloniale Vergangenheit oft als gute alte Zeit verklärt. Nun werden auch dort Rassismus und Denkmäler zum großen Thema.

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30.6.2020, 15:50 UHR

Marian Markelo wird in diesem Jahr dabei sein. Gehüllt in ein weißes Gewand wird sie bedächtigen Schrittes um das Denkmal im Amsterdamer Oosterpark wandeln, eine Schale mit Wasser in der rechten Hand. Hier und da wird sie ein paar Tropfen daraus auf den Boden fallen lassen, ein Opfer zur Ehre der Vorfahren, „unfreiwillig zu Sklaven gemacht“. Ihre Stimme wird glockenhell sein, wenn sie singt, und scharf, wenn sie an den institutionellen Rassismus erinnert, als Erbe der Sklaverei. Und daran, dass man immer erntet, was man gesät hat. In diesem Fall „Tausende afrokaribische, afrosurinamische Niederländer, die ein Recht haben, hier zu sein.“

Marian Markelo, 65, in Surinam geboren und seit mehr als 30 Jahren in den Niederlanden lebend, spricht am Dienstagnachmittag, wenn in den Niederlanden der Abschaffung der Sklaverei gedacht wird. Nur wird es dabei kein Publikum geben. Auch das anschließende Festival ist aufgrund der Coronapandemie abgesagt worden. Aber man wird Markelo trotzdem hören. Die Veranstaltung wird live im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen.

Seit Wochen hängen die Plakate aus. „Gemeinsam gedenken“, steht darauf. Wie aber gedenkt ein Land, in dem Rassismus schon vor dem Mord an dem Schwarzen US-Amerikaner George Floyd ein mehr als heikles Thema war, seiner eigenen dunklen Vergangenheit?

Ein paar Tage vor keti koti, wie die Feierlichkeiten am 1. Juli offiziell genannt werden, ist Marian Markelo an den Ort des Geschehens gekommen. Sie sitzt auf einer Bank und blickt auf das von dem surinamischen Künstler Erwin de Vries geschaffene Monument, das sie, die Aktivistin und Priesterin der afrosurinamischen Winti-Religion, 2002 mit eingeweiht hat. Eben hat sie noch in einem Rundfunkstudio ihre Sendung zum Thema präsentiert. Am Revers ihrer Jacke ist der Button mit der Jahreszahl „1873“ befestigt. Das ganze Jahr trägt Marian Markelo ihn, um daran zu erinnern, dass die Sklaverei erst in diesem Jahr wirklich zu Ende war. „Es geht um die Verbreitung von Wissen und Bewusstsein“, sagt sie.

Einerseits, findet Marian Markelo, verändert sich in letzter Zeit die Art, wie in den Niederlanden über Kolonialismus und Sklaverei diskutiert wird. „Was daran liegt, dass mehr jüngere Intellektuelle dabei allmählich andere Perspektiven aufzeigten und ihren Platz in dieser Debatte einforderten.“ Beigetragen hat dazu auch das NiNsee-Institut, als wissenschaftliches Pendant des Monuments im Oosterpark gegründet. Marian Markelo sitzt dort im Vorstand und kümmert sich um die Bereiche Bildung und Gedenken.

Marian Markelo, in Surinam geborene Niederländerin

„Endlich gehen die Ohren auf. Wir sagen das schon lange, aber dann heißt es: ‚Das ist nur in eurem Kopf!‘“

Auch dass Mark Rutte, der Premierminister, vor einigen Wochen zugab, dass es in den Niederlanden durchaus institutionellen Rassismus gebe, bemerkt sie als einen ersten Schritt. „Endlich gehen die Ohren auf, denk ich mir dann. Wir sagen das schon lange, aber dann heißt es: ‚Das ist nur in eurem Kopf!‘ Aber für Veränderung braucht es auch Taten. Denn die jungen Generationen werden nicht nur diplomatisch auf dem Stuhl sitzen und hoffen, dass die Niederlande den Dingen endlich ins Auge sehen. Nein, die Jugend erwartet, dass man sich aktiv mit den Folgen der Vergangenheit auseinandersetzt.“

Die Black-Lives-Matter-Proteste, findet Marian Markelo, seien ein Beschleuniger dieser Entwicklung. Überrascht ist sie darüber nicht. „Ich war überzeugt, dass so etwas passiert. Noch einmal: Du erntest, was du gesät hast. Wenn du eine Gerbera in die Erde steckst, kommt dort keine Dahlie heraus.“

Zur niederländischen Ernte im Sommer 2020 zählt, dass auch hier eine Diskussion um Kolonialdenkmäler entbrannt ist. „Was das betrifft, bin ich eher lieb veranlagt“, sagt Marian Markelo. „Ich bin zufrieden, wenn dort Extrainformationen angebracht werden, die eine andere Perspektive bieten.“

Den Kolonialdenkmälern geht es an die Sockel

Für zusätzliche Informationen sorgen in den vergangenen Wochen Aktivistengruppen. In Amsterdam haben sie das Denkmal des Generalgouverneurs von Niederländisch-Indien, Joannes van Heutsz, auch bekannt als „Schlächter von Ahec“, mit antirassistischen Losungen besprüht. In Rotterdam bedachte die Gruppe „Helden van nooit“ – „Helden von nie“ – die Staue von Piet Hein, Kommandant der Westindischen Kompanie, mit den Worten „Killer“ und „Dieb“.

In Den Haag trat die neu gegründete Aliansi Merah Putih“ – „Rot-Weiße-Allianz“, eine Anspielung auf die indonesische Flagge – unübersehbar in Erscheinung. Am Standbild Johan van Oldenbarnevelts, des Mitbegründers der Vereinigten Ost-Indischen Kompanie, brachten sie Parolen an: „Kami belum lupa“ („Wir sind bereit“) und „Kami bersiap“ („Wir haben es nicht vergessen“) ist dort nun zu lesen. Die Gruppe stellte sich als „Töchter und Söhne“ einer Guerillagruppe der indonesischen Revolution und als „direkte Nachkommen“ von Menschen vor, die „350 Jahre von den Niederländern unterdrückt wurden“.

Denkmal in Amsterdam

Das Denkmal für den Widerstandskämpfer Anton de Kom in Amsterdam Foto: Erik Veld

Nach dieser Erklärung sollen die Parolen am Denkmal von Johan van Oldenbarnevelts nur der Anfang sein. Im Namen der Gerechtigkeit für die „Greueltaten während der illegalen Besetzung Indonesiens“ kündigt die Gruppe an: „Wir werden alle euren geliebten Denkmäler mit der Farbe des Bodens während der Banda-Morde gleichmachen“, heißt es in Anspielung an die blutige Eroberung der indonesischen Banda-Inseln durch die Niederlande im Jahr 1620.

Die radikale Rhetorik sorgt durchaus für Aufregung. Weniger dagegen die Begründung: In der niederländischen Geschichtsschreibung werde viel unter den Teppich gekehrt und die ­koloniale Vergangenheit noch immer als „gute alte Zeit“ verklärt.

Einen Tag später zeigte sich im Ijsselmeer-Städtchen Hoorn welches Konfliktpotential die Denkmalfrage inzwischen gewonnen hat. Einige Hundert Menschen demonstrieren gegen das Monument von Jan Pieterszoon Coen, früherer Gouverneur der Niederländischen Ostindien-Kompanie, und die „Verherrlichung der Kolonial- Vergangenheit “. Eine andere, beinahe zeitgleiche Kundgebung bekannte sich zu Coen und der niederländischen Geschichte. Es kommt zu Auseinandersetzungen und Festnahmen, die Innenstadt wird geräumt.

Rechtspopulisten bleiben bei ihrer Verehrung

Am Beispiel der Niederlande lässt sich zeigen, wie sich das zentrale Motiv der Black-Lives-Matter- Bewegung im Kontext des jeweiligen Landes darstellt. Der Konflikt um Denkmäler steht überall im Vordergrund. Hier aber hat er den gesamten Juni geprägt, der zumal in Amsterdam als “keti koti-Monat“ begangen wird. Was just in Hoorn deutlich wurde, wo das Standbild von Gouverneur Coen wenige Tage vor den Demonstrationen ganz anderen Besuch bekam: Thierry Baudet, Chef der rechtspopulistischen Partei Forum voor Democratie, legte einen Blumenstrauß am Sockel ab, um, so seine Worte, einen „nationalen Helden“ zu ehren. Die Bürger forderte er auf, Blumen zu weiteren Monumenten zu bringen.

Kevin Burney, als Baby in die Niederlande gekommen

„Natürlich, der Groschen fällt spät. Aber immerhin fällt er“

Auch ohne die Black-Lives-Matter-Bewegung findet der Kulturkampf in den Niederlanden ein immer wieder gleiches Symbol: Es ist die Brauchtumsfigur „Zwarte Piet“. Ob der schwarze Helfer von Sinterklaas, des niederländischen Nikolaus, nun rassistisch ist oder nicht, hält das Land inzwischen das ganze Jahr über auf Trab. Bei einer Demonstration in Amsterdam kündigte der Rapper und Aktivist Akwasi an, er werde Zwarte Piet – also entsprechend verkleidete Personen – im Winter „höchstpersönlich ins Gesicht treten“. Was Akwasi eine Anzeige und Bedrohungen in den sozialen Medien einbrachte.

Noch heftiger in der Schusslinie geriet Jerry Afriyie, ein bekanntester Aktivist der Gruppe Kick Out Zwarte Piet. Mitte Juni erhielt er einen Brief voller rassistischer Beleidigungen, unterzeichnet mit „Pegida Abteilung Nord“. “Rund um Sinterklaas, und nicht nur dann, werden wir dich überall bekämpfen“, steht dort. Auch Afriyies Mitstreiter, Frau und Kind seien fortan „nicht mehr sicher“. Am Ende des Schreibens, in Großbuchstaben am Computer erstellt, droht man Afriyie ihn und seine Familie mit Genuss „abzuschlachten“. Die Patrioten distanzierten sich umgehend, die Polizei jedoch riet dazu, das Ganze sehr ernst zu nehmen.

Angesichts dessen ist es wenig überraschend, dass viele verschiedene Gruppierungen am 1. Juli gegen Rassismus protestieren wollen. In ihrem Aufruf heißt es: „Hunderte Jahre kolonialer Geschichte haben unverkennbare Spuren hinterlassen. Darum stellen wir am 1. Juli die Frage, inwiefern die Ketten eigentlich gebrochen sind, wenn wir im öffentlichen Raum mit Monumenten für koloniale Verbrecher konfrontiert werden, in den Schulbänken mit Diskriminierung und eurozen­trischem Lehrstoff, auf der Straße mit ethnischem Profiling und Polizeigewalt.“

Anton de Kom zählt jetzt zum niederländischen Kanon

Immerhin: Eine Woche vor dem Gedenktag kommt ein frischer Impuls in die Debatte. Er stammt von der Kommission, welche die 50 Themen des offiziellen historischen „Kanon der Niederlande“ zusammenstellt, der für alle Schulen verbindlich ist. In dessen Neuauflage hat es nun mit Anton de Kom erstmals ein Surinamer geschafft: ein Kommunist, Widerstandskämpfer und Autor, dessen 1934 erschienenes Werk „Wir Sklaven von Surinam“ ein Klassiker der antikolonialen Literatur ist.

Eines warmen Frühsommerabends machen die Zuschauer des Senders KRO die Bekanntschaft mit einer über 90-jährigen Frau. Sie hat ein sanftes Gesicht und spricht klare Worte: Judith Allard-de Kom, die Tochter des Pioniers gegen den Rassismus. „Das Unrecht, das ihm angetan wurde, trage ich eigentlich das ganze Leben bei mir“, sagt sie. 1933 verwies das koloniale Regime Surinams de Kom des Landes und schiffte ihn mit seiner Familie in die Niederlande aus, wo er ohne reguläre Arbeit in Armut lebte. Später schloss er sich dem Widerstand gegen die Nazis an, wurde verhaftet und starb 1945 in Sandbostel, einem Außenlager des KZ Neuengamme.

In Amsterdam-Zuidoost, wo viele Bewohner surinamische Wurzeln haben, steht ein Denkmal de Koms. Hoch oben auf den Treppenstufen errichtet, scheint es, als wache es über den Markt, der sich zu seinen Füßen ausbreitet. Obst und Gemüse wird hier verkauft und afrikanische Kleider. Frauen mit rollbaren Einkaufstaschen ziehen am Standbild vorbei. „Freiheitskämpfer, Widerstandsheld, Schreiber, Gewerkschafter, Aktivist, Verbannter“ ist in den Sockel graviert. „Kämpfen werde ich. Erst nach dem Sieg komme ich zurück.“ Das Denkmal, der Platz – sind das Anzeichen, dass Anton de Kom spät, aber doch noch gewinnen wird?

Erica Moens, die gerade ihre Einkäufe beendet hat, ist eine der wenigen weißen Kundinnen des Markts. Die Berufsschullehrerin, die in der Nähe wohnt, hat de Koms Bücher gelesen. Auch bei keti koti-Gedenkfeiern war sie schon. Sie begrüßt es, dass man de Kom ein Denkmal errichtet hat, gerade hier“, wo viele Leute eine Geschichte mit Sklaverei haben. Wobei: Das haben wir ja eigentlich alle.“ Woran es fehlt im Land, findet Erica Moens, sei mehr Bewusstsein dafür, dass es überhaupt eine gemeinsame und doch geteilte Geschichte gebe. Eine Entschuldigung der niederländischen Regierung, das wäre zumindest ein guter Anfang.

Kam als Baby in die Niederlande: Kevin Burney Foto: Erik Veld

Für einen anderen Marktbesucher wiederum ist dieser Schritt weniger zentral. „Meine Vorfahren hätten davon mehr gehabt. Mir ist es wichtiger, dass die Niederländer durch ihr Handeln zeigen, dass sie bereuen, was sie uns angetan haben.“ Kevin Burney, an diesem drückend warmen Vormittag in Unterhemd, Shorts und Badeschlappen unterwegs, trägt seine langen Dreadlocks nicht umsonst. Vor 20 Jahren, als er zwölf war, lernte er die Eternity Percussion Band kennen, die aus dem Stadtteil stammt und sich längst einen Namen weit darüber hinaus gemacht hat. „Durch sie kam ich mit Black Empowerment in Kontakt.“ Gleich darauf begrüßt Burney einen Mann in buntem Anzug. „Und er war mein Lehrer.“

Kevin Burney wurde in Surinam geboren und war noch ein Baby, als seine Familie nach Amsterdam kam. Von Diskriminierungserfahrungen will er gar nicht beginnen. Weil es ihm zu stereotyp klingt. „Na klar haben sie mich Zwarte Piet gerufen, nicht nur einmal.“ Was er in seiner Percussion Band gelernt hat, ist, nach vorne zu schauen.

Sein Fazit zu keti koti? „Wir haben uns nicht dafür entschieden hierherzukommen“, sagt Burney mit Blick auf die Geschichte. „Und wenn ich mir die sozialen Medien angucke, denke ich, die Rassisten sind immer noch in der Mehrheit. Aber langsam stellt sie sich ein, die Anerkennung. Ich sehe in meiner Umgebung, dass Menschen sich der Situation bewusst werden.“

Als Beispiel nennt Burney den Premier, dessen Sinneswandel in Sachen populäres Brauchtum neulich weithin für Überraschung sorgte. „Ich hätte nie gedacht, dass Mark Rutte einmal sagt, dass Zwarte Piet rassistisch sei. Natürlich, der Groschen fällt spät. Aber immerhin fällt er.“

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