Kitas und Co nach dem Hitzesommer: Soziale Kälte wird heißes Thema
Die Klimakrise macht keinen Halt vor Kitas, Heimen und Beratungsstellen. Soziale Einrichtungen berichten von Ausnahmezuständen – und fordern Hilfe.
Heiß wurde es zum Beispiel in den Kinderheimen. Julia Köster ist Geschäftsführerin eines Trägers, der in Ostfriesland mehrere Wohngruppen betreibt. Manche der dafür gemieteten Häuser seien auf dem neuesten Stand der Technik, andere auf dem der Achtzigerjahre. „Nach mehreren Tropennächten hintereinander kann man keinem mehr zumuten, im Zimmer unter dem ungedämmten Dach zu schlafen“, sagt sie. „Dann machen wir Übernachtungsparty im Wohnzimmer.“
Diskussionen gebe es nach solchen Hitzeperioden bisweilen mit Eltern: Sie würden zu Recht erwarten, dass es ihren Kindern im Heim gut geht. Die Behörde haben die Kinder schließlich mit der Begründung aus den Familien genommen, dass es ihnen dort nicht gut geht.
Über solche Erfahrungen tauscht sich Köster am Mittwoch mit Personal aus anderen sozialen Einrichtungen in einer Videokonferenz des Paritätischen Wohlfahrtsverbands aus. Das „Hitze-Hearing“ schließt an eine Umfrage des Verbands an: Nach den Rekordtemperaturen Ende Juni hat er deutschlandweit 2.900 Einrichtungen nach ihren Problemen in der Klimakrise gefragt.
Die Antwort helfen dem Paritätischen laut deren Geschäftsführerin Katja Kipping schon jetzt bei Lobbygesprächen mit der Politik: Die Schilderungen gingen nahe. „Die Umfrage gibt dem Thema noch mal eine andere Autorität“, so Kipping.
Popcorn und Ventilatoren
Die Bandbreite der Herausforderungen wird im Austausch der Betroffenen am Mittwoch deutlich. So erzählt eine Kitaleiterin von 34 Grad im Schlafraum. „Da kann man sich vorstellen, wie die Krippenkinder schlafen. Sie haben nur noch Windeln an und schwitzen trotzdem ohne Ende. Die sind fix und fertig.“
Eine Mitarbeiterin der Lebenshilfe erzählt vom Angebot an Kinder einer Einrichtung, ins Freibad zu gehen. „Aber schon die 20 Minuten Fußweg dahin sind eigentlich zu viel.“ Die Alternative: einen Film anmachen und Popcorn ausgeben – „damit die sich nicht so viel bewegen“.
Die Geschäftsführerin einer Beratungsstelle für Frauen, die Opfer von Gewalt sind, berichtet von mehr häuslicher Gewalt und entsprechend mehr Arbeit in diesem Sommer. Dabei falle es in der Hitze den Beraterinnen schwer, in Gesprächen konzentriert zu bleiben. Zudem belasteten die Temperaturen die Klientinnen zusätzlich. Bei Personen mit posttraumatischer Belastungsstörung könnten zum Beispiel Stresssituationen schwere Symptome auslösen. Wenn im Beratungsraum mehrere Ventilatoren laufen und Lärm machen, könne das der entscheidende Faktor zu viel sein.
Es geht ums Geld
Ähnlich breit wie die Probleme sind die Lösungsvorschläge aus den Einrichtungen. Immer wieder geht es um bauliche Maßnahmen wie Dämmung, Verschattung oder Klimaanlagen. Manche wünschen sich entsprechende Verpflichtungen für Vermieter, andere mehr öffentliche Mittel für Umbauten – oder einen leichteren Zugang zu schon vorhandenen Fördertöpfen, die bislang mit zu viel Bürokratie verbunden seien.
Aber auch mit Umbaumaßnahmen wird nicht alles gut. Der Leiter eines Pflegeheims erzählt, wie seine Einrichtung vor drei Jahren aus eigenen Mitteln den Einbau von Klimaanlagen finanzierte. Die Belastung sei zuvor groß gewesen: Bei Hitze sei es vorgekommen, dass Mitarbeiter*innen „regelrecht umgefallen“ sind.
Heute sei die Situation zwar besser. Die Bewohner*innen aber seien „teilweise verwirrt“ und könnten mit der Technik nicht richtig umgehen. Fürs Personal habe es aufwendige Schulungen gebraucht. Das Fazit des Heimleiters: „Unsere Klimaanlage ist eine echte Bereicherung. Aber auch eine Herausforderung.“
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