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Kanzlerfrage – oder doch nicht?Das kann noch wüst werden – oder öder als Söder

Lukas Wallraff

Kommentar von

Lukas Wallraff

Die Sehnsucht nach dem Erlöser im Kanzleramt wächst. Aber erst mal müssen die Drängler sich gedulden – zumindest bis nach den Wahlen im September.

Zumindest hier keinen Spahn im Auge: Merz und Wüst beim CDU-Parteitag 2025 Foto: Florian Gärtner/imago

J ens Spahn hat ein schier unglaubliches Kunststück vollbracht, das ihm auch seine größten Fans nicht zugetraut hätten: Er hat sich noch unbeliebter gemacht als Friedrich Merz. Offenbar ist die Bevölkerung doch etwas nachtragender als die Unionsfraktion, die Spahn gerade erst mit satter Mehrheit wiedergewählt hat. Das sture Aussitzen von Affären und Vorwürfen der Milliardenverschwendung im Maskenskandal mag bei der CDU als machtpolitische Cleverness bewundert werden. Bei den Steuerzahlenden eher nicht.

Weil Spahn bei Umfragen im kaum noch messbaren Bereich hinter dem Kanzler rangiert, spielt er bei den aktuellen Spekulationen über einen möglichen Kanzlerwechsel bisher nur eine Nebenrolle, die allerdings noch sehr wichtig werden könnte.

Kaum vorstellbar ist auch, dass die SPD Spahn mitwählen würde. So muss der Mann mit dem vielleicht größten Machtwillen in der Union erst einmal mit ansehen, wie der beliebte nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst und andere Kandidaten aufs Schild beziehungsweise auf die Titelseite der Bild gehoben werden, die am Mittwoch fragte: „Kommt ein Kanzler-Tausch?“

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Auch seriöse Nachrichtenagenturen tickern inzwischen ernsthaft, welche Szenarios möglich wären, um Merz abzulösen. Seine Autorität schwindet dahin. Noch nie war ein Kanzler dermaßen unten durch. Zuletzt waren 83 Prozent mit ihm unzufrieden. Weil auch seine Partei inzwischen konstant hinter der AfD liegt, steigt die Nervosität spürbar von Tag zu Tag. Nicht nur in der Union. Da es der Koalitionspartnerin SPD noch schlechter geht und beide häufig streiten, wirkt die gesamte Regierung wie ein verstimmtes Panikorchester – und deutlich fragiler als Udo Lindenberg mit 80.

Einig ist sich Deutschland nur im Merz-Verdruss

Logisch, dass die Sehnsucht nach einem Erlöser wächst, Doch wer könnte das sein? Ein Mann, so viel scheint klar, Frauennamen werden bisher nicht genannt. Ansonsten ist das Anforderungsprofil noch diffizil. Allen ist ja klar, dass die Malaise nicht nur an Merz liegt. Auch die Weltlage und ihre Folgen für die deutsche Wirtschaft drücken erheblich auf die Stimmung. Bei jedem Reformvorschlag kommt Kritik von allen Seiten. Wirklich einig ist sich Deutschland nur im Merz-Verdruss.

In der Union hält der Glaubenskrieg an, ob man angesichts der AfD-Gefahr selbst noch mehr als bisher nach rechts abdrehen sollte. Wer darauf setzt, kommt schnell doch wieder auf Spahn. Nur ihm ist die Brutalität zuzutrauen, Merz wegzuputschen, gleich die ganze Koalition platzen zu lassen und sein Heil irgendwo hinter der Brandmauer zu suchen. So weit ist die Union zum Glück noch lange nicht. Es kann aber sein, dass Spahn auf einen solchen Moment wartet und deshalb andere Aspiranten ausbremst.

Das Gegenextrem zu Spahn ist Daniel Günther, der in Schleswig-Holstein fröhlich mit den Grünen regiert und sogar eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei denkbar findet. Ein netter Liberaler, aber gerade deshalb für den rechten Flügel der Union ein Albtraum. Außerdem müsste ihn die CSU mitwählen, was ausgeschlossen ist, solange Günthers Intimfeind Markus Söder noch etwas zu sagen hat.

Der ewige Kandidat aus Bayern versucht gerade händeringend, ohne Bart und Bratwurst irgendwie seriös zu wirken. Falls ihn jemand fragt, stünde der CSU-Chef sicher zur Verfügung. Aber weil das bisher niemand tut, muss Söder erst mal froh sein, wenn er sich in München halten kann, wo an seinem eigenen Stuhl gesägt wird.

Verschandelung des Stadtbildes

Der goldene Mittelweg zwischen „zu links“ und „zu rechts“ scheint deshalb momentan zu Hendrik Wüst zu führen. Der aktuell am häufigsten genannte Aspirant ist mit 50 im besten Kanzleralter, sieht aber immer noch so aus wie ein Streber von der Jungen Union und hat einen Trumpf: Über sein fünfjähriges Wirken als Ministerpräsident ist außerhalb von NRW absolut nichts bekannt – also auch nichts Schlechtes. Dass man von ihm nie hört, wird von seinen Fans damit begründet, dass er geräuschlos regieren kann.

Langweilig? Umso besser! Nach einem Jahr Merz klingt das wie ein Traum. Wüst hat noch niemanden vergrault und kann nett lächeln. Das reicht, um Favorit zu sein. Weil es ja wirklich schon ein großer Fortschritt wäre, wenn ein Kanzler freundlich mit den Leuten reden würde, statt ihnen Faulheit oder die Verschandelung des Stadtbildes vorzuwerfen. Wenn er sich vorher absprechen würde, statt solo vorzupreschen. Wenn er bei Konflikten diplomatisch bleiben würde.

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Dass ein CDU-Mann all das schafft und Ruhe reinbringt, müsste sich selbst die SPD wünschen, weil schnelle Neuwahlen aussichtslos und für die Demokratie gefährlich wären. Dass Wüst bald Kanzler wird, ist trotzdem unwahrscheinlich. Er selbst hat die Spekulationen am Freitag als „Quatsch“ bezeichnet und Merz seine volle Unterstützung zugesichert. Seine Rivalen werden ihm den Job nicht gönnen. Merz wird kaum freiwillig abtreten. Kurz vor den Landtagswahlen im September wäre ein Putsch kaum ratsam, weil der Nachfolger höchstwahrscheinlich mit Niederlagen starten würde. Aber danach ist alles möglich.

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Lukas Wallraff
taz.eins- und Seite-1-Redakteur
seit 1999 bei der taz, zunächst im Inland und im Parlamentsbüro, jetzt in der Zentrale. Besondere Interessen: Politik, Fußball und andere tragikomische Aspekte des Weltgeschehens
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2 Kommentare

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  • Merz kann es einfach nicht, so einfach ist das. Er hatte die Qualitäten eines Oppositionsführers, allerdings fehlen ihm die taktische Cleverness, das politische Gespür und die Ausstrahlung, die das Amt des Kanzlers verlangt. Zusammenführen, geduldig Kompromisse ausverhandeln, niemanden ohne Not vor den Kopf stossen, all das kann das Holterdipoltermännchen Merz nicht. Kein Wunder, dass die Union ihn erst wählte, als er sich oft genug am Buffet angestellt hatte und keiner mehr da war, der ihm hätte Konkurrenz machen können, AKK und Laschet waren jetzt auch keine Überflieger, die auch schnell an der großen Aufgabe scheiterten, trotzdem wurden sie Merz vorgezogen.



    Spätestens am Ende der Amtszeit muss Schluss sein, auch wenn es Merz nicht einsieht. Aber selbst schlimme AfD-Ergebnisse im Herbst kann der Kanzler nicht ignorieren, die Übergabe an Wüst oder Günther wäre dann das Vernünftigste. Die Union wäre dann in der Mitte anschlussfähiger, die Koalition bekäme vielleicht das eine oder andere Problem vom Tisch und die blaue Apokalypse bliebe (hoffentlich) aus.

  • Das hat alles einen Beigeschmack von Endzeit.... eine Regierung nach der anderen die nur schlecht dasteht, ein fröhlicher, wenn auch noch rein spekulativer Kanzlerwechselreigen, die Problem bleiben dieselben, die öffentlich Wahrnehmung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch.



    Die Ursachen für die Misere, die Rezession, die Existenzängste vieler Menschen sind eben nicht durch ein weiter so zu lösen, auch mit Wüst nicht oder auch nicht mit Günther. Nur das Gesicht und der Tonfall wären fiel erträglicher.



    Kommt Dtl nicht aus der Rezession und vor allem, kommt dies nicht bei den Menschen an, wird sich nichts ändern.