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Die Wirtschaftsweisen und SozialpolitikWählerfrust ist unvermeidbar

Barbara Dribbusch

Kommentar von

Barbara Dribbusch

Die Wirtschaftsweisen schlagen Sparmaßnahmen für die Sozialkassen vor, die für Ärger sorgen würden. Das allein sollte aber nicht ausschlaggebend sein.

D ie Alarmglocken schrillen: Hilfe, die Beiträge zu den Sozialversicherungen steigen! In 16 Jahren könnten fast 50 Prozent des Bruttolohns draufgehen für die Beiträge zu Renten-, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung. So mahnen die Wirtschaftsweisen in ihrem aktuellen Gutachten.

Man wird an die Debatte vor mehr als 25 Jahren erinnert, als die Grenze von 40 Prozent als Limit galt für die Sozialversicherungen. Damals kam dann Hartz IV, diverse Gesundheitsreformen und die Rente mit 67.

Sparvorschläge bedeuten immer Zumutungen und Umverteilung, die Frage ist: welche Umverteilung?

Die Idee, mehr Steuermittel für nicht beitragsgedeckte Sozialleistungen einzusetzen, wie das Gutachten fordert, ist richtig. Höhere Steuern auf Tabak, Alkohol und Zuckerwaren sind eine gute Idee. Aber schon der Vorschlag, dass Ar­beit­neh­me­r:in­nen künftig mehr Geld für eine private Altersvorsorge aufwenden müssen, bedeutet eine Benachteiligung der schlecht Bezahlten, die nichts beiseitelegen können.

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Ohne Wählerfrust wird es nicht gehen

Heikel wird es bei den Verteilungsfragen in den Mittelschichten. So sollen laut Gutachten womöglich Be­am­t:in­nen in die gesetzliche Krankenversicherung und sich von ihrer privaten Krankenkasse verabschieden. Ehepaare sollen auf die Vorteile des Ehegattensplittings und die kostenfreie Mitversicherung der Ehe­part­ne­r:in verzichten. Der Vermögensschutz für Pfle­ge­heim­be­woh­ne­r:in­nen soll abgeschwächt werden. Das erzeugt Wut bei den Betroffenen. Aber das kann kein Kriterium sein für die Politik.

Die Vorschläge der Gut­ach­te­r:in­nen wären in Abmilderungen umsetzbar, etwa indem sie abgeschwächt oder nur für neu geschlossene Ehen, nur für neu Verbeamtete gelten und der Vermögensschutz von Pfle­ge­heim­be­woh­ne­r:in­nen nur etwas eingeschränkt wird.

Ohne Wählerfrust wird es nicht gehen. Das zu akzeptieren, würde die aktuellen Blockaden auflösen. Am Mittwoch sollte übrigens der Entwurf für die Pflegereform von der Gesundheitsministerin vorgelegt werden. Das wurde vertagt. Weil jetzt schon alle dagegen sind.

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Barbara Dribbusch

Barbara Dribbusch Redakteurin für Soziales

Redakteurin für Sozialpolitik und Gesellschaft im Inlandsressort der taz. Schwerpunkte: Arbeit, soziale Sicherung, Psychologie, Alter. Bücher: "Schattwald", Roman (Piper, August 2016). "Können Falten Freunde sein?" (Goldmann 2015, Taschenbuch). Kontakt: dribbusch@taz.de
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12 Kommentare

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  • Der politische Streit tut oft so, als ließen sich Sozialausgaben unabhängig von der Haushaltsrealität sichern. Das ist eine Illusion. Der finanzielle Spielraum schrumpft: Demografie, Zinslasten, Verteidigungsausgaben und Investitionsrückstände konkurrieren real um begrenzte Mittel. Daraus folgt zwangsläufig: Nicht alles kann auf dem bisherigen Niveau fortgeführt werden.

    Entscheidend ist: Diese Einsicht ist längst keine Elitenposition mehr. Umfragen zeigen seit geraumer Zeit, dass eine wachsende Zahl von Bürger:innen davon ausgeht, dass der Staat künftig priorisieren und auch kürzen muss – selbst im Sozialbereich. Laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage von Anfang 2026 halten 64 % der Deutschen den Sozialstaat in seiner heutigen Form nicht mehr für finanzierbar. Nur 34 % widersprechen dieser Einschätzung. Die Erwartung, Leistungen könnten dauerhaft steigen, während Einnahmen stagnieren oder sinken, verliert an Rückhalt. „Wählerfrust“ entsteht nicht durch Sparvorschläge, sondern durch das Verschweigen von Zielkonflikten.

    Politisch verantwortungslos ist nicht das Reden über sinkende Sozialausgaben, sondern so zu tun, als sei Sparen vermeidbar.

  • Im letzten Gutachten wurde noch auf die katastrophale Vermögensungleichheit und ihre Folgen in Deutschland hingewiesen und eine Reform z. B. Der Erbschaftssteuer angemahnt. Diesmal kein Mut der WEisen?

  • Das kommt dabei raus, wenn "Wirtschaftsweise" sich zu sozialen Themen äußern. Vielleicht sollte man Sozialweise einführen, die Ahnung von dem Thema haben und Expertise mitbringen.

    • @Ingo Knito:

      Der ökonomische Aspekt ist eben sehr entscheidend!



      Deshalb muss das Geld im Sozialbereich auch zielführend und richtig eingesetzt werden.

  • Wo ist denn eigentlich das Problem? Einfach mal die Beitragsbemessungsgrenzen aufheben und schon ist mehr Geld da und es ist auch tatsächlich mal etwas fairer verteilt. Wenn das dann immer noch nicht reicht, kann man weiter überlegen

    • @Fckafd Somuch:

      Wie die Fachleute dargelegt haben, liegt das Problem nicht auf der Einnahmeseite (da ist das Deutsche Gesundheitssystem schon das teuerste in der EU), sondern auf der Ausgabenseite. Mit den Sozialausgaben ist es zT ähnlich.

    • @Fckafd Somuch:

      Man sollte dann aber auch die Bezeichnung wechseln. Statt Krankenversicherung müsste es dann Krankensteuer heißen.

      Im Prinzip aber durchaus überlegenswert.

  • Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ist in Deutschland derartig niedrig, dass es Rückwirkungen auf das Sozialwesen geben muss.



    Die möglichen Beiträge könnten sogar höher ausfallen.



    Das Wichtige ist, dass jetzt nicht asozial den Durchschnittsarbeitnehmern die Rechnung präsentiert wird, während andere privilegiert werden.



    Lösungen für alle wären der beste Weg, den will aber eigentlich nur die Partei die Linke, selbst die Grünen klemmen sich nicht wirklich daher.



    Vielleicht wollen das ein paar Jusos, die CDU/CSU will Leistungen kürzen, also das Leistungspaket einschränken und zurückbauen. Dann bezahlt der Arbeitnehmer sehr viel und erhält weniger.



    Das ist der Weg von Friedrich Merz, obendrauf werden die Leute dann noch als faul klassifiziert und Angst vor Ausländern soll einem ein warmes Gefühl geben.



    Diese Probleme hier sind lösbar.



    Wenn aber die Regierung die Wirtschaft in den Keller fährt, was sie gerade macht, dann wird es brutal werden (müssen). Zwei Jahre Minuswachstum, nur Impulse in der Rüstungsindustrie, kaum neue Ansätze und Ideen, niedrige Investitionen, 120.000 (stand heute) Industriearbeitsplätze sind weg = Das ist ein Fiasko.



    Die Politik muss investieren.

    • @Andreas_2020:

      Lösungen für alle wären der beste Weg, den will aber eigentlich nur die Partei die Linke...

      Sind den die Vorschläge der die Linke wirklich "der beste Weg"? Das wäre nur der Fall, wenn die davon Betoffenen überhaupt nicht reagieren. Tatsächlich würde es bei einer Umsetzung der Vorschläge der die Linke zu einer erheblichen Abwanderung kommen. Damit wandert dann auch das Steuersubstrat dementsprechend an.

      Eine Verbesserung für den Fiskus würde sich damit dann nicht einstellen. Das ist der die Linke ganz offensichtlich vollkommen egal. Nur ist das dann auch "der beste Weg"?

  • Was sind das eigentlich für "Weise", die immer nur über Umverteilung bei den unteren und mittleren Schichten reden? Auf deren Weisheiten kann ich getrost verzichten.

    • @Il_Leopardo:

      Die würde man nach dem heutigen Verständnis besser in "Smarte" umbenennen, "weise" war mal positiv belegt.

      • @Erfahrungssammler:

        Offiziell heißt es *Sachverständigenrat für Wirtschaftsfragen*.







        ..warum auch taz und ZON den *Euphemismus* der sog. "Wirtschaftsweisen" verwenden, ist wohl deren Geheimnis und bleibt derweil ein ungelüftetes Mysterium..

        ..oder.??.. liebe taz-Redaktion...