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Kampf um ArbeitnehmerrechteKrank zur Arbeit oder kein Geld

Gastkommentar von

Nikolai Huke

Die Union will Ar­beit­neh­me­r:in­nen­rech­te abbauen. Und nutzt dafür die schon teilweise praktizierte rechtswidrige Praxis von Unternehmen.

Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um für die Verteidigung und den Ausbau historisch erkämpfter Schutzrechte aktiv zu werden Foto: Sascha Steinach/imago

S eit einiger Zeit setzen sich Teile der Union vehement dafür ein, Kernelemente des Arbeitsrechts aufzuweichen oder sogar abzuschaffen. So konstatierte CDU-Chef Friedrich Merz zu Jahresbeginn beim IHK-Empfang in Sachsen-Anhalt: Wenn er ein Gesetz streichen könne, wäre es das Arbeitszeitgesetz. Fast zeitgleich forderte ein Unions-Antrag für den CDU-Parteitag, dass für Saisonkräfte in der Landwirtschaft vom Mindestlohn abgewichen werden könne. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche spricht sich derweil dafür aus, die Lohnfortzahlung am ersten Krankheitstag zu streichen.

Hier offenbart sich eine interessante Dynamik der Debatten um Arbeitsrechtsreformen: Konflikte zwischen Rechtsnormen auf der einen und Interessen von Unternehmen auf der anderen Seite sind ein zentraler Orientierungspunkt der Reformbestrebungen. Es geht der Union dabei jedoch nicht darum, wie das geltende Arbeitsrecht besser durchgesetzt, sondern wie die Rechtsnormen stärker an die Interessen und die – teils rechtswidrige – Praxis von Unternehmen angepasst werden können.

Bild: privat
Nikolai Huke

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Hamburg im Projekt Arbeitsrechte in prekären Lebenslagen. Er befasst sich auch mit der Frage, warum Beschäftigte ihre Rechte oft nicht in Anspruch nehmen, wenn sie von Arbeitsrechtsverletzungen betroffen sind.

Das Arbeitsrecht in Deutschland besteht primär aus Schutzrechten für Beschäftigte. Es sorgt unter anderem dafür, dass sie nicht krank zur Arbeit müssen und trotzdem Geld erhalten, schränkt die Arbeitszeit ein, um Erholung und Freizeit zu ermöglichen, garantiert einen Mindestlohn. Entsprechende Arbeitnehmerrechte begrenzen die unternehmerische Freiheit und leisten so einen Beitrag zur Humanisierung der Arbeitswelt.

In der betrieblichen Realität wird dieser Kompromiss gegenwärtig alltäglich von Unternehmen aufgekündigt. Ob unrechtmäßige Kündigungen, verweigerter Lohn, unbezahlte Überstunden, Arbeitszeiten jenseits der Vorgaben des Arbeitszeitgesetzes – Beschäftigte sind vielfältigen Rechtsbrüchen ausgesetzt. Die Liste der Branchen, in denen Rechtsverletzungen zum Alltag gehören, ist lang: Leiharbeit, Bau, Gebäudereinigung, Landwirtschaft, Gastronomie, Fleischindustrie, Transport- und Lagerlogistik.

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Lukrative Arbeitsrechtsverletzungen

Arbeitsrechtsverletzungen sind dabei für Unternehmen oft durchaus lukrativ: Sie senken Ausgaben, machen Arbeitskräfte flexibler verfügbar, erhöhen den Leistungsdruck und unterbinden kollektive Gegenwehr. Aufseiten der Beschäftigten hingegen führen sie oft zu psychischem und physischem Verschleiß. „24 Stunden auf Arbeit. Das macht dich kaputt“, fasst etwa eine häusliche Betreuerin ihre entsprechende Erfahrung zusammen.

Das Kostenrisiko für Unternehmen, die Arbeitsrechte verletzen, ist in Deutschland überschaubar – und wird einkalkuliert. Beschäftigte machen ihre Ansprüche nur selten geltend. Viele Betroffene kennen ihre Rechte nicht oder sehen sich zeitlich, emotional und finanziell außerstande, gegen den Arbeitgeber vorzugehen. Zudem riskiert, wer Rechte einfordert, (rechtswidrige) Vergeltung – etwa den Ausschluss von Schichten, eine Strafversetzung auf belastendere Arbeitsplätze oder die Kündigung.

Selbst wenn Beschäftigte den juristischen Weg wählen, droht Unternehmen nicht unbedingt eine Strafe – das Gegenteil ist teilweise der Fall. Verfahren enden regelmäßig mit einem Vergleich in der Güteverhandlung: Der Arbeitgeber willigt ein, einen Teil der rechtmäßigen Ansprüche, beispielsweise ausstehende Löhne, zu zahlen, während die Beschäftigten auf ein aufwendiges Gerichtsverfahren mit ungewissem Ausgang verzichten. Der rechtswidrig agierende Arbeitgeber spart also selbst im unwahrscheinlichen Fall einer Klage potenziell noch Kosten ein.

Vor diesem Hintergrund der alltäglichen Rechtsbrüche in der Arbeitswelt erscheinen die Unions-Forderungen zur Reform des Arbeitsrechts in einem neuen Licht. Es wird sichtbar, dass sie teils relativ passgenau Praktiken legalisieren, die in einigen Branchen bereits rechtswidrig üblich sind, etwa die Überschreitung von Arbeitszeiten, Mindestlohnverstöße oder die verweigerte Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Was bisher in Teilbereichen der Arbeitswelt illegale Praxis ist, soll für alle Branchen rechtskonform ermöglicht werden. Alltägliche Erfolge von Arbeitgebern beim Unterlaufen des Arbeitsrechts treffen derzeit auf eine politische Konjunktur, in der marktradikale Positionen an Bedeutung gewinnen – sei es durch den Aufstieg rechtsextremer Parteien wie der AfD, durch libertären Autoritarismus oder programmatische Verschiebungen innerhalb konservativer Parteien in Richtung eines radikalisierten Konservatismus.

Für Unternehmen und ihre Verbände öffnet dies ein Möglichkeitsfenster, um rechtswidrig durchgesetzte Terraingewinne im Kampf gegen das Arbeitsrecht zu konsolidieren, zu legalisieren und auf weitere Beschäftigtengruppen auszuweiten.

Für Gewerkschaften und Beschäftigte ist die Situation schwierig. Angesichts struktureller ökonomischer Krisen in Deutschland und infolge notwendiger Abwehrkämpfe, etwa in der Metall- und Elektroindustrie, sowie der bestehenden Machtungleichgewichte in der Arbeitswelt ist die Ausgangslage ungünstig.

Dass die Union für ihre Entrechtungsvorschläge „Klassenkampf ernten“ wird, wie es taz-Volontär Tobias Bachmann hoffnungsvoll formuliert, ist daher momentan eher unwahrscheinlich. Vielmehr droht sich arbeitsrechtlich ein neues Kompromissarrangement durchzusetzen, das Beschäftigte deutlich schlechter stellt, bestehende Machtasymmetrien im Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeit verschärft und somit weitergehende Arbeitsrechtsverletzungen ermöglicht. Gewinnmaximierung von Unternehmen würde dadurch perspektivisch noch deutlich stärker als bisher auf Kosten der Gesundheit, des Privatlebens und des Einkommens der Lohnabhängigen erfolgen.

Es ist also ein guter Zeitpunkt für alle Beschäftigten, um sich gewerkschaftlich zu organisieren, Betriebsräte zu gründen und selbst für die Verteidigung und den notwendigen Ausbau historisch erkämpfter Schutzrechte aktiv zu werden.

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12 Kommentare

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  • "Das Kostenrisiko für Unternehmen, die Arbeitsrechte verletzen, ist in Deutschland überschaubar"



    ... dieser Zustand dauert schon viel zu lange.



    Bei der CDU hat man manchmal den Eindruck, dass eine sehr empathielose Generation den Kurs bestimmt. Ich frage mich, warum die CDA sich nicht zu Wort meldet.

  • Die Union wird keinen Klassenkampf ernten, sondern wir alle miteinander eine AfD-Regierung, weil Deutschland sich immer noch lieber komplett an die Wand fährt als sich gegenseitig auch nur eine freie Minute zu gönnen.

  • Ehrlich gesagt frage ich mich, warum die Krankenkassenverbände keine Meinung dazu haben. Wenn ich mir anschaue, wer bereits jetzt aus falsch verstandenen Gründen krank mit dem öPNV zur Arbeit schleppt und die Krankheit "sozialisiert", werden die Kosten für die hierdurch bedingten Arbeitsausfälle in der Zukunft nicht gerade kleiner werden. Mich nervt das Thema schon seit Jahren und ich wünschte mir, es gäbe eine Maskenpflicht für infektiöse Menschen, die - aus welchen Gründen auch immer - in der Öffentlichkeit unterwegs sind.

    • @Thilmo Toradt:

      Das kann doch den Krankenkassen egal sein. Dann werden eben die Beiträge erhöht.

  • Betriebsräte sind bei solchen Auseinandersetzungen wichtig, der Druck ist enorm. Gerade bei Überstunden die plötzlich "weg" sind oder " Attestauflagen" die die Norm werden. Ein guter BR steht für den MA im Feuer -ein Widerspruch des BR bei Kündigung hat aufschiebende Wirkung usw. Die Gewerkschaften profitieren vielleicht von den neuen Schmutzeleien, die das Kapital vorbereitet.

    • @Hildebrand Felixflash:

      Es gibt wahrscheinlich mehr Firmen ohne als mit Betriebsrat. Ich kenne hier in der Gegend kein einziges Unternehmen mit Betriebsrat. Ich kenne auch niemanden, der in der Gewekschaft ist. Im Umkreis von locker 50km ist hier alles Mist. Bei mir waren bei meinem ersten Arbeitgeber nie Überstunden weg. Im Gegenteil: sie wurden sogar erwartet. Und halt einfach nicht bezahlt oder mit Freizeit ausgeglichen. Da half nur Bummelstreik, solange man nicht weg konnte oder wollte. Im Büro geht sowas ja durchaus auch mehr oder weniger sinnvoll.

  • Es ist viel versäumt worden. Gewerkschaften, die jahrelang meist nur Lohnforderungen stellten, während Arbeitsbedingungen- und Rechte vernachlässigt wurden. Arbeitnehmer, die meinten, sie bräuchten keine Gewerkschaft, sie könnten alles besser allein regeln (jeder für sich, ein Spaltpilz innerhalb der Belegschaften). Ein DGB, der scheinbar erst kürzlich herausfand, dass inzwischen nur noch jeder zweite Arbeitgeber tarifgebunden ist. Die Regierung beschuldigt derweil lieber eine zu faule, zu oft kranke, zu "lifestyle-süchtige" Arbeitnehmerschaft, für schlechte Wirtschaftsdaten verantwortlich zu sein. Die bis dahin gewohnt war, als "die Fleißigen, die morgens aufstehen", von Politikern angesprochen zu werden, noch vor ganz kurzem, als es gegen die "Bürgergeld"-Schmarotzer ging ...



    Die nächsten Jahre werden vermutlich Massenentlassungen bringen, dank KI und weiterer Automatisierung. Es hat längst begonnen, - aber scheinbar gibt es keinen Plan, wie das gesellschaftlich geregelt werden soll.

    • @Woodbine:

      "nur noch jeder zweite Arbeitgeber tarifgebunden" halte ich für sehr optimistisch geschätzt.

      "KI" darf man aber auch nicht überbewerten. Es gibt sie schlicht nicht. Das sind alles nur LLMs. Bessere Papageien.

  • Wem jetzt immer noch nicht klar ist, was für eine Regierung an der Macht ist, der ist fanatisch und ohne jedes Gerechtigkeitsgefühl. Dieser Verein ist ganz allein lobbygesteuert. Christlich ist das ganz und gar nicht, sozial auch nicht. Nutznießer solcher gefährlichen Spielchen wird die AgD sein. Die Leute werden immer unzufriedener ob ihrer Ohnmacht, ob der Gleichgültigkeit der Regierenden und genau das ist der Wind in den Segeln der Faschisten. Die wiederum werden - wenn sie erst mal mit der csdU in einer Koalition sind, diese Unrechtsideen mit vertreten.

  • Wir haben uns doch diese schwarze Schande selbst zuzuschreiben.



    Oder gab es auf dem Wahlzettel nur eine Partei zum Ankreuzen ?

    Und jetzt haben wir den Salat.

    Ich frage mich allerdings, was diese Lichtgestalten reitet.

    Merkt Merz denn nicht, dass er die Wähler so scharenweise in die Arme der Rechten treibt ? Oder ist das gar perfide Absicht ?

    • @Bolzkopf:

      Es gibt kein "wir". Ich wähle sowas nicht.

    • @Bolzkopf:

      Von über Jahrzehnte liebgewonnenen Merksätzen kann man eben nicht so einfach abrücken, auch wenn sich die Welt schon lange weiter gedreht hat. Das gelingt vor allem vielen älteren Menschen nicht.