Jubel nach Lulas Sieg: Brasilien im Freudentaumel
Mit 80 Jahren gewinnt Lula da Silva noch einmal eine Präsidentschaftswahl. Sein Gegner, Flávio Bolsonaro, will das Ergebnis nicht anerkennen.
Brasiliens Lula hat es erneut geschafft. Am Sonntag besiegte er den rechten Flávio Bolsonaro deutlich und tritt im Januar seine vierte Amtszeit an. Er gewinnt die Präsidentschaftswahl mit 51,8 Prozent der Stimmen gegen Flávio Bolsonaro, der 48,2 Prozent der Stimmen bekam. Sobald Lula bei der Auszählung führte, begannen die Menschen zu feiern.
Bolsonaro teilte umgehend mit, er wolle seine Niederlage gegen Lula nicht anerkennen. Er fordere die Annullierung der Wahl. Bolsonaro begründete seine Forderung mit der kurzfristigen Verlängerung der Wahlzeit durch einen Richter des Obersten Gerichtshofs. Die Entscheidung sei beispiellos gewesen, erklärte er. Es sei unmöglich, das Ergebnis zu akzeptieren.
Wahl wurde verlängert
Am Wahltag meldeten Städte in acht Bundesstaaten den verminderten Einsatz von Nahverkehrsbussen, die laut Gesetz Wähler kostenlos zu den Wahllokalen bringen müssen.
Zudem hat schlechtes Wetter in Teilen des Landes das Wählengehen erschwert. Die Entscheidung zur Verlängerung fiel erst drei Minuten vor dem regulären Wahlschluss. Einige Wahllokale wurden informiert, nachdem sie bereits geschlossen hatten. Unklar ist, wie viele Stimmen während der zusätzlichen Wahlzeit abgegeben wurden.
„Verarschung“, schimpfte der Wahlverlierer, der sich seines Sieges so sicher war, dass er bereits über Ministerposten spekulierte und eine Siegesparty in Brasília organisierte. Er lehnte das Wahlergebnis ab und kündigte an, die Wahl annullieren zu lassen. Unerwähnt ließ er die Tatsache, dass auch seine Partei PL eine Verängerung der Wahlzeit beantragt hatte – allerdings nur im Südwesten des Landes, wo die größte rechte Wählerschaft zuhause ist.
Der Präsident des Wahlgerichts, Kássio Nunes Marques, der vom ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro für den Obersten Gerichtshof ernannt worden war, erklärte, die Verlängerung der Wahlzeit habe keinen Einfluss auf das Ergebnis gehabt.
Einige der Obersten Richter kritisierten laut der Tageszeitung Folha de São Paulo zwar, dass der Entscheidungsprozess zu lange gedauert habe, es sei aber nicht zu erwarten, dass eine Annullierung akzeptiert würde. Die Daten sowohl für die Präsidentschafts- als auch für die Stichwahl sind in der brasilianischen Verfassung verankert und unveränderlich.
Im ersten Wahlgang lag Flávio Bolsonaro zwei Punkte vor Lula, und kaum jemand rechnete ernsthaft mit dem Sieg des fast 81-Jährigen. Zu wenig Jugend in der Partei, zu wenig Präsenz in sozialen Medien, zu wenig Wandel, lautete die Kritik. Doch es kam anders.
Obwohl in der Arbeiterpartei PT viele Über-Sechzigjährige das Sagen haben, gingen plötzlich massenhaft Studenten für das Recht auf Bildung auf die Straßen.
Wahlkampf auf Whatsapp
Der Abgeordnete André Janones, der 2022 Lulas digitalen Wahlkampf leitete, mobilisierte auf einem Whatsapp-Kanal 11 Millionen Menschen, die mehrmals täglich seine „Missionen“ erfüllten: Flávios zweifelhafte Vergangenheit und Lulas Vorzüge sollten möglichst effektiv ins Rampenlicht rücken.
Vielen, vor allem jüngeren Brasilianern, war nicht bewusst, wie viele Sozialprogramme auf Lula zurückgingen. Dass der Jurist Bolsonaro einen Polizisten verteidigt hatte, der ein fünfjähriges Mädchen erschossen hatte, war ebenso wenig bekannt wie seine Teilnahme an Partys mit Prostituierten für politische Gefälligkeiten.
Lula und seine Anhänger dominierten die sozialen Netze mit ihren Themen, obwohl laut Untersuchungen der PT die Inhalte der Rechten bei Meta selbst von Konten mit weniger Followern größere Reichweite erzielten als die der Linken. Der Präsident des Obersten Wahlgerichts ließ den WhatsApp-Kanal „Exército do Lula“ mehrfach blockieren, doch die Entscheidungen wurden stets aufgehoben, da weder Falschmeldungen noch der Einsatz von Bots nachgewiesen werden konnten. Stattdessen engagierten sich Influencer, Musiker, Schauspieler und andere Prominente für Lulas Wahlkampf.
In TV-Debatten fiel der Bolsonaro-Spross, der sich als gemäßigte Version seines rechtsradikalen Vaters präsentierte, durch Arroganz und Mangel an Sachkenntnis auf. Viele Wähler wurden davon verschreckt. Wenige Tage vor der Stichwahl lag der 80-jährige Lula in Umfragen gleichauf mit seinem 35 Jahre jüngeren Konkurrenten.
Der Cowboy und Landwirt Zé Vieira aus Serra Branca im Bundesstaat Paraíba, der 2022 noch Vater Bolsonaro unterstützt hatte, erzählt in einem Instagram-Video, das Hunderttausende erreichte: „Ich hatte erwartet, dass mein Kandidat Beweise vorlegen würde, dass er den Mörder des kleinen Mädchens nicht verteidigt hatte. Dass er Nachweise dafür vorzeigen würde, was mit den 134 Millionen passiert war, die der Banker ihm gegeben hatte“. Im Hintergrund des Videos laufen Kühe vorbei. „Aber er sagte gar nichts! Ich sah Mut in den Augen eines 80-Jährigen und Feigheit in den Augen eines Mannes in der Blüte seiner Jugend. Ich werde am 25. Oktober die 13 wählen.“ Der Sinneswandel des Landwirts inspirierte unzählige Nachahmer aus dem konservativen Milieu.
Bei der Stichwahl, bei der Lula im Vergleich zum ersten Wahlgang mehr als 10 Millionen mehr Stimmen erzielte, wandte er sich in einer emotionalen Rede an seine Wähler. „Diese Wahl war eine Niederlage für den Negationismus und die Lüge“, erklärte er in klarer Anspielung auf seinen Gegner. Vize Geraldo Alckmin sagte zu Lula, dieser habe „die Demokratie zum zweiten Mal gerettet“. Als dann das Oberste Wahlgericht das Ergebnis bestätigte, brach der Jubel aus: Autokorsos, Menschenmassen, ohrenbetäubender Siegestaumel überall. Lula ist der erste Präsident, der für eine vierte Amtszeit gewählt wird, der erste, der in der Stichwahl gewonnen hat, nachdem er beim ersten Wahlgang verloren hatte.
Während in São Paulo Menschenmassen auf der Avenida Paulista mit Sprechchören, Fahnen und Böllern Lulas Wahlsieg feierten, musste Flávio Bolsonaro die Bühne für seine geplante Ansprache in Brasília ungenutzt abbauen lassen.
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