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Jacob-Grimm-Preis für Annette Humpe„Da bleib ich kühl, kein Gefühl“

Annette Humpe erhält den Jacob-Grimm-Preis für ihre Verdienste um die deutsche Sprache. Songs wie „Berlin“ und „Blaue Augen“ machten sie bekannt.

So blaue Augen: Annette Humpe hat Songzeilen geschrieben, die bleiben Foto: AEDT/action press

„Mit dem musikalischen Werk von Annette Humpe wurde die deutsche Sprache cool, lässig und emotional“: So begründete Wolf Peter Klein am Dienstag die Entscheidung der Jury für den Jacob-Grimm-Preis, die Sängerin Annette Humpe auszuzeichnen. Vergeben wird die Auszeichnung von der Eberhard-Schöck-Stiftung und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Orientiert an der Ausdruckskraft der Alltagskommunikation habe Humpe eine natürliche und unprätentiöse Popsprache entwickelt, die von Direktheit und unmittelbarer Eindringlichkeit geprägt sei.

Natürlich ist an Humpes Popsprache natürlich nichts, sie ist große Kunst, durch und durch artifiziell. Das Schöne an Humpes Texten ist allerdings in der Tat, dass sie gesprochenes Deutsch auf eine so lässige wie poetische Weise in ihre eingängigen Lyrics einfließen lässt. Ihre wohl immer noch bekanntesten Stücke stammen vom ersten Album ihrer Band Ideal aus dem Jahr 1980: „Berlin“ und „Blaue Augen“.

Letzteres übernahm Ideal aus dem Repertoire der Neonbabies, die Annette Humpe mit ihrer Schwester Inga 1979 in Westberlin gegründet hatte: „Der ganze Hassel um die Knete / Macht mich taub und stumm / Für den halben Luxus / Leg ich mich nicht krumm / Nur der Scheich ist wirklich reich“, heißt es da. Auch „Berlin“ ist voller Zeilen, die einem nicht wieder aus dem Kopf gehen: „Kottbusser Tor, ich spring vom Zug / Zwei Kontrolleure ahnen Betrug / Im Affenzahn die Rolltreppe rauf / Zwei Türken halten die Beamten auf.“

Humpe wuchs in Hagen und Herdecke auf, studierte an der Kölner Musikhochschule sechs Semester Komposition und zog 1974 nach Berlin, wo sie auch heute lebt.

Das Westberlin der 1970er

Niemand hat das Westberliner Lebensgefühl der späten 1970er und frühen 1980er besser eingefangen als Humpe in diesem Lied. Cool und nebenher ließ sie die Namen angesagter Cafés und Discos fallen, das Morgenrot, den Dschungel, und die Bar von Romy Haag: „Ein Taxi fährt zu Romy Haag / Flasche Sekt hundertfünfzig Mark / Für’n Westdeutschen, der sein Geld versäuft / Mal seh’n, was im Dschungel läuft“.

Humpe interpretierte ihre Texte mit einer scharfen Kälte, die in der neonerleuchtenden Welt der Neuen Welle zu Hause war

Humpe interpretierte ihre Texte mit einer scharfen Kälte, die in der neonerleuchtenden Welt der Neuen Welle zu Hause war: „Komm, wir lassen uns erschießen / Sonntag morgens 5 vor 10 / Ich kann den Sonntag nicht ertragen / Und ich will keinen Montag seh’n.“

Nach Ideal trat Humpe zusammen mit Adel Tawil unter dem Namen Ich & Ich noch einmal als Interpretin ihrer eigenen Songs in Erscheinung. Sie schrieb und produzierte in den vergangenen Jahrzehnten vor allem aber viele erfolgreiche Titel für Kollegen wie Rio Reiser, Udo Lindenberg oder die Prinzen.

Mit dem Punk im Rücken

Ihr gesamtes Wirken habe maßgeblich dazu beigetragen, dass sich die deutsche Sprache in der populären Musik durchsetzen konnte, meint die Jury des Jacob-Grimm-Preises. Das ist korrekt, wäre aber kaum möglich gewesen, hätte Punk nicht eine ganze Generation junger Mu­si­ke­r*in­nen dazu angestiftet, auf Deutsch zu singen. Nur wenigen ist es aber gelungen, wahre Popsongs zu schreiben. Lieder also, die das Potenzial haben, alle anzusprechen.

So oder so ist es nur zu begrüßen, dass der leicht verschlafene deutsche Literaturbetrieb und seine preisverleihenden Institutionen langsam zu begreifen scheinen, dass Poplyriker wie Annette Humpe eventuell mehr zur deutschen Literatur beigetragen haben als manch hochdekorierter Autor.

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