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Israel, die UN und die SSStreit um Mitarbeiter mit Nazi-Tattoos

Ein UN-Mann in Gaza mit Nazi-Tattoos soll in ein Krankenhaus in Israel eingeliefert worden sein. Dann war von Fake die Rede, doch das stimmt so nicht.

Ein UN-Gästehaus in Deir al-Balah nach der Explosion, am 19. März 2025 Foto: Abdel Kareem Hana/ap

Die Meldung ist so sensationell wie skandalös: Ein UN-Mitarbeiter in Gaza mit Nazi-Tattoos soll in ein Krankenhaus in Israel eingeliefert worden sein. Auf einem Arm soll der SS-Spruch „Meine Ehre heißt Treue“ prangen; auf dem anderen: eine Gestalt mit Sonnenbrille und SS-Schirmmütze samt Totenkopf. Nun wird er ausgerechnet im jüdischen Staat behandelt.

Das vermeldete das Jewish News Syndicate (JNS) am 20. März mit Bezug auf eine Quelle, die mit der Situation vertraut sein soll. Laut der israelischen Zeitung Jedi’ot Acharonotgeht es um einen französischen Staatsbürger. Verletzt wurde er offenbar durch eine Explosion am Tag davor auf einem UNOPS-Gelände in Deir al-Balah. Er soll Mitarbeiter des Minenräumdienstes der UN sein.

Fotos von den Nazi-Tattoos verbreiteten sich schnell in den sozialen Medien. Die Empörung war groß. „Leider ist dies kein Einzelphänomen“, sagte der kanadische Jurist und Direktor der NGO „UN Watch“ Hillel Neuer. „Will Annalena Baerbock wirklich Vorsitzende bei einer Organisation werden, deren Mitarbeiter sich SS-Losungen und Symbole tätowieren lassen?“, schrieb Julian Reichelt, Chefredakteur der rechtspopulistischen Plattform Nius.

Einen Tag später will der X-User Haroon Khan die Meldung jedoch als Fake enttarnt haben. Am 21. März kommentiert er auf X: „Eine einfache Google-Suche wird Ihnen zeigen, dass dies ein zwei Jahre altes Bild aus dem Ukraine-Konflikt ist.“ Als Beweis teilt er einen Screenshot einer Google-Lens-Suche, die vier Treffer zeigt – der älteste soll ein Reddit-Beitrag von vor zwei Jahren sein. Dieser vermeintliche Faktencheck macht auf Social Media schnell die Runde, wird hunderttausendfach angeschaut. In Deutschland wird er etwa von dem Bestseller-Autor Ole Nymoen geteilt, der schreibt: „Keine Propagandalüge ist blöd genug in diesem Krieg.“

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Faktencheck stimmt so nicht

Doch der Faktencheck stimmt so nicht. Es gibt bislang keine Beweise dafür, dass die Fotos der Nazi-Tattoos zwei Jahre alt sind oder aus dem Ukraine-Krieg stammen: Mit einer umgekehrten Bildsuche durch Google Images und TinEye konnte die taz jedenfalls keine Belege dafür finden. Der betreffende Reddit-Post wurde erst am 21. März dieses Jahres veröffentlicht, der russische Titel bezieht sich auf den Fall eines UN-Mitarbeiters mit Nazi-Tattoos. Die Bettwäsche in den zwei Fotos ähnelt außerdem stark denen des israelischen Krankenhauses Soroka in Be’er Scheva, unweit des Gazastreifens, wie Fotos belegen.

Wer steht hinter diesem „Faktencheck“? Haroon Khan ist nach eigener Darstellung ein „Citizen Journalist“ aus Afghanistan mit rund 2.600 Followern, er teilt ansonsten auch Posts mit antisemitischen Verschwörungserzählungen oder Holocaustrelativierung. Hinter dem JFK-Attentat wittert er das Mossad.

UN ermittelt

Inzwischen ermittelt die UN zum Vorfall mit den Nazi-Tattoos, wie ein Sprecher der UNOPS auf taz-Anfrage bestätigt: „Wir nehmen diese Vorwürfe sehr ernst. Die Bekämpfung von Hass, Diskriminierung, Rassismus und Ungleichheit gehört zu den Grundprinzipien der UN“, sagt ein Sprecher. Danny Danon, der israelische Botschafter bei der UN, hat inzwischen einen Brief an den Generalsekretär António Guterres geschrieben, in dem er eine „gründliche Untersuchung“ fordert.

Nach Danons Brief soll laut Jedi’ot Acharonot die UN die Evakuierung des Mitarbeiters aus Israel angeordnet haben, trotz seines gesundheitlichen Zustands, weil er dort nicht mehr sicher sei. Bestätigen konnte die taz das bislang nicht.

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26 Kommentare

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  • "Nun wird er ausgerechnet im jüdischen Staat behandelt."

    Das israelische Krankenhaus hat seine Pflicht getan, nämlich den Verwundeten ohne Ansehen der Person ärztlich versorgt:

    "Ich werde nicht zulassen, dass Erwägungen von Alter, Krankheit oder Behinderung, Glaube, ethnischer Herkunft, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, politischer Zugehörigkeit, Rasse, sexueller Orientierung, sozialer Stellung oder jeglicher anderer Faktoren zwischen meine Pflichten und meine Patientin oder meinen Patienten treten."



    Quelle: Genfer Deklaration des Weltärztebundes

    Die Beweislage ist unklar, die üblichen Verdächtigen kochen ihr bekanntes Süppchen, um bei der Gelegenheit gleich die ganze Organisation an den Pranger zu stellen und die UN ermittelt. So weit, so erwartbar.



    Sollte sich die Meldung als korrekt erweisen, wird dem Nazi hoffentlich gekündigt werden. Ob er darüber hinaus Konsequenzen zu tragen hat, entscheidet die (französische?) Rechtslage, nehme ich an.

    Das Ganze zu einem "so sensationell(en) wie skandalös(en) Vorgang hochzuschreiben, finde ich überzogen.

    • @Klabauta:

      Das bisschen SS Tattoo…

      Geht’s noch?

  • Faschisten sind überall Scheisse, ob als Mitarbeiter der UN oder als Mitglied der israelischen Regierung.



    Das Fass, das Herr Potter hier jedoch aufzumachen versucht, wäre nicht so offensichtlich, wenn er bloß darauf verzichtet hätte, Julian Reichelt zu zitieren: „Will Anna-Lena Baerbock wirklich Vorsitzende einer Organisation werden, deren Mitarbeiter sich SS-Losungen und Symbole tätowieren lassen?“



    Irgendwas wird schließlich schon hängenbleiben.

  • Ob die Gedanken und Haltungen eines Menschen auch außen auf der Haut sichtbar gemacht sind oder nur unsichtbar aber gleich wirksam existieren, scheint mir hier sekundär. Niemand, nicht einmal die ausgewiesenen Israelfeinde bezweifelt, der Verletzte erhält im Krankenhaus die bestmögliche Behandlung ohne Ansehen der Person. Wie wohl wäre es einem israelischen Soldaten ergangen, der verletzt und wehrlos auf einer arabischen Krankenstation in Gaza landet? Genauso?



    Das ist hier der entscheidende Punkt.



    Was UN-Mitarbeiter unter ihren Hemdsärmeln verbergen, ist mir egal, was sie in Schulbücher schreiben und arabischen Kindern im prägenden Alter vermitteln, nicht.

  • Was wiegt schwerer, Worte oder Taten?



    Losungen einer abscheulichen Epoche oder das Retten von Menschen durch die direkte oder indirekte Arbeit beim Minenräumdienst?



    Möglicherweise hat er auch den rechten Pfad verlassen und sieht die UN als Wiedergutmachung.



    Und nicht jeder tilgt und schönt seine Vergangenheit.



    Außer man möchte Außenministerin werden mit Aussicht auf einen schicken UN Posten.

  • Ließ sich eigentlich irgendetwas aus diesem Bericht belegen? Ich lese hier nur Behauptungen von Stellen, deren Seriosität und unparteilichkeik ich nicht einschätzen kann. Im wesentlichen werden hier nur Reaktionen auf einen Tweet dargestellt. Wo ist die Substanz?

  • Solche Vollhonks mit rechtsradikalen Ansichten gäbe es leider auch in der israelischen Armee, jedenfalls, wenn man das Verhalten als Maßstab nimmt.



    Recht durchsichtiges Propagandamanöver, selbst wenn es stimmen würde und dann Monsieur X wirklich an der falschen Stelle wäre.

  • Da es massive Angriffe der USA und Israels auf die Reputation der UN gibt und die Homepage der Organisation sowie eine Google-Suche nach "UN Watch" ausschließlich Artikel zutage fördern, die sich mit dem Israel-Palästina-Konflikt befassen und grundsätzlich die Israelische Position verteidigen, wäre es interessant zu wissen, ob es sich um eine seriöse Organisation oder eine Art Think-Tank zur Diffamierung der UN handelt.

    Die Organisation schreibt sich folgendes auf die Fahnen: "UN Watch is a non-profit organization dedicated to holding the United Nations accountable to its founding principles. Through its regular monitoring, UN Watch is a key resource for information and analysis about the UN."

    Das passt aber kaum zu der oben genannten Beobachtung. Hier ist eine journalistische Einordnung im Rahmen dieses Artikels dringend notwendig!

  • Letzendlich ist ein Mensch beim Arbeiten rund ums Minenräumen verletzt worden.



    Soll ihm jetzt wegen seiner Tatoos die Hilfe versagt werden?



    Oder ist es wichtiger die UN zu diskreditieren weil jemand mit den falschen Tatoos die Drecksarbeit vor Ort macht?

  • Warum sollten die Israelis solche Falschmeldung lancieren? Dass die Hamas Nazis sind wissen wir spätestens seit dem 7. Oktober. Das geht historisch schon auf den Mufti zurück.

    • @womzie:

      Es könnte darum gehen, jegliche Kritik an der israelischen Staatsführung und/oder den IDF als antisemitisch zu framen. Und von Seiten der UN gibt es diese Kritik. Angeblich einseitig und parteiisch gegen Israel als Ganzes. Wird auch hier gerne von den üblichen Verdächtigen so behauptet. You know who you are...

  • Ein UN-Mitarbeiter hat eventuell ein Nazi-Tattoo auf dem Unterarm.



    Das reicht aus, um die ganze UN als antisemitisch zu diskreditieren, wie es interessierte Kreise gerade praktizieren?



    Es gibt in jeder großen Organisation mit Zehn- oder Hunderttausenden Mitgliedern , in jedem Großunternehmen oder in jeder größeren Gesellschaft einen Bodensatz an Rechtsextremen im Promillebereich.



    Auch bei der UN wurden nur ganz wenige Fälle bekannt, deren prozentualer Anteil sich im Zehntausendelstenbereich bewegt.



    Warum diese Skandalisierung eines Einzelfalles?



    Cui bono?

  • Für Nazitatoos muss man hier nicht weit gehen. Wohlverdient wäre in der Logik, wenn Putin hier einmarschiert, Deutschland nicht zu helfen. Weil: hier ist ein Hotspot für derlei Tätowierungen. Oder, Herr Reichelt und Kollegen?



    Sind zwar Kacke, aber angesichts von mehr als 50,000 Toten, ein großer Teil Kolateralschaden, und hunderttausend Menschen, die Hilfe derzeit nicht erreicht, auf einer UN- Organisation herumzuhacken wegen Tatoos ist typische Bigotterie.



    Das Krankenhaus handelt richtige wenn es so handelt. Man behandelt Personen, nicht gesinnungen. (Und: dadurch behandelt man indirekt die Gesinnung, kleine Nebenwirkung, Freundlichkeit kann anstecken.)

    • @sachmah:

      Richtig, Freundlichkeit KANN anstecken. Allerdings nicht immer. Jahia Sinwar, Hamaschef und Chefplaner des genozidalen Massakers vom 7. Oktober wurde in einem israelischen Krankenhaus das Leben gerettet: www.tagesspiegel.d...eute-10698811.html



      Als "Freundlichkeit" dafür wurde der Neffe des, ihn damals behandelnden, Chirurgen am 7. Oktober aus seinem Kibbutz Nir Oz entführt und später ermordet.

  • Ich würde es eher so formulieren:



    „Keine Anekdote ist belanglos genug, um die UN nicht damit zu diskreditieren.“

  • Ekelhaft wie jedes Nazi-Tatoo (unabhängig davon, was sich jetzt auch immer als wahr herausstellt). Die Frage bleibt natürlich, was man daraus schlussfolgert. Ist der Typ Teil der großen antisemitischen UN-Verschwörung? Oder könnte es sein, dass, wenn es um die gefährliche Arbeit des Minenräumens geht, beim dafür notwendigen Fachpersonal nicht so genau hingeschaut wird?

    • @My Sharona:

      Das notwendige Fachpersonal wird mit Sicherheit zu einem großen Teil auch aus dem militärischen Bereich rekrutiert, und da haben manche sicher auch sehr fragwürdige Einstellungen. Was allerdings bei diesem Tatoo-Getöse meiner Meinung nach völlig untergeht, ist die Frage, wie und durch was dieser Mann verletzt wurde.

  • Ist Israel nicht ein freies Land? Da könnte man ja mal im Krankenhaus nachfragen. Ansonsten sind solche Skandalmeldungen einfach nur widerlich und (meistens) unwahr.

    • @Joachim Kappert:

      Ich bezweifle, dass in der Frage das Krankenhaus weiterhelfen darf. Es gibt dort bestimmt auch Patientenrechte, so dass das Krankenhaus ohne Zustimmung der in Frage kommenden Person nicht preisgeben darf, welche Tätowierungen er hat oder nicht hat.

      Wenn die Nachricht überhaupt wahr ist, wurden also wahrscheinlich durch Anfertigung und Weitergabe der Fotos die Rechte jener Person verletzt - wahrscheinlich durch einen Krankenhausmitarbeiter.

    • @Joachim Kappert:

      Und wie kann es sein, dass Fotos eines Patienten den Weg in die Medien und das Internet finden?

    • @Joachim Kappert:

      Gerade in einem freien Land plaudern Krankenhäuser nicht über die Tätowierungen ihrer Patienten.

      Wie wäre es mit der UN?

    • @Joachim Kappert:

      Deutschland ist auch ein freies Land, hier darf man aber Hakenkreuz Tatoos nicht öffentlich zeigen.

    • @Joachim Kappert:

      Kein demokratisches Land würde Auskunft über Patientendaten geben.

      Was für eine ignorante Bemerkung, mehrfach.

    • @Joachim Kappert:

      Richtig. man sollte sich mal fragen, wieso die Story von nicht einem der großen Medienhäuser aufgeschnappt wurde (BBC, CNN, New York Times, Washinton Post, France 24- ich hab geschaut und nichts)- vielleicht liegt es ja an der mehr als dünnen Informationslage. Sorry, aber das ist für mich kein verantwortungsvoller Journalismus, dann hätte man eine Untersuchung abgewartet oder eben vor Ort recherchiert (bzw. Auskünfte eingeholt) statt einfach mehr oder minder nur Gerüchte zu verbreiten, denn mehr ist das im Moment nicht. Und ich persönlich habe noch nie etwas von dieser Art von Journalismus gehalten, denn wenn sich heraus stellt, dass dies nichts mehr als ein Gerücht bzw. eine Lüge ist, dann ist der Schaden bereits angerichtet.

      • @Momo Bar:

        Zumindest bei Arutz Sheva finde ich nichts darüber.

        • @Axel Berger:

          Stimmt nicht. Es war einfach, als die Taz es aufgreift, schon fast zehn Tage alt. Über JNS und den die JNS zitierenden Arutz Sheva ging es aber anscheinend nicht hinaus. Eine unabhängige Bestätigung oder Widerlegung wäre wünschenswert.