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Internationaler Comicsalon in ErlangenVon bunten und von grauen Hunden

Graphic Novels vom Metzger deines Vertrauens: In Erlangen präsentierte sich die Comickunst in all ihren Facetten – von Walter Moers bis Ligne Claire.

Ein gelbes Pferd scheint vor dem Betrachter davonzuspringen. Erst beim näheren Hinsehen erkennt man, dass sich dessen gewaltiges Hinterteil aus zwei fotografierten Bananen zusammensetzt. Die hat der Zeichner mithilfe von gelber Tusche zum ganzen Pferd erweitert.

Wenn Christoph Niemann den Pinsel schwingt, sollte man also auf der Hut sein. In „Sunday Sketches“ wie diesen greift er auf Alltagsgegenstände zurück und brüskiert Sehgewohnheiten. Niemann ist ein weltweit gefragter Illustrator. Obwohl im strengen Sinne kein Comiczeichner, ist die ihm gewidmete Ausstellung eines der Highlights des diesjährigen Internationalen Comic-Salons in Erlangen.

Die mittelfränkische Stadt mit ihren 116.000 Einwohnern richtet alle zwei Jahre das größte Comicfestival Deutschlands aus – diesmal trotz angespannter Haushaltslage, wie die Bürgermeisterin Eva Linhart während der Preisverleihung im Markgrafentheater bemerkte.

Weiterhin geöffnete Ausstellungen in Erlangen

Walter Moers: Stadtmuseum, bis 13. September; Christoph Niemann: Kunstpalais, bis 7. Juli; Isabel Kreitz, Silent Comics: Kunstmuseum, bis 5. Juli; Lisa Neun – Der Traum ist aus, Charly P.: El ARTElier, bis 17. Juli; Enten, die sich in Raketen retten (Florian Satzinger): Aktions- und Schauraum des Comicmuseums Erlangen bis 26. Juli. Weitere Informationen unter comic-salon.de

Richtige Entscheidung! Vier Tage lang ist Erlangen dieses Jahr zum 22. Mal zum Comicmekka geworden. Über 35.000 Be­su­che­r*in­nen wurden gezählt – ein neuer Rekord! Rund um das Stadtschloss und den Schlossgarten waren mehrere Messehallen in Zelten aufgebaut worden, in denen Verlage ihre Stände aufbauen und Be­su­che­r*in­nen deren reichhaltiges Angebot studieren konnten.

Panels, Talks, Diskussionen

Auf einer Bühne gaben Mangaka ihre Techniken preis und animierten Kinder zum Mitzeichnen. In der Orangerie und in Hörsälen der benachbarten Universität wurde auf zahlreichen Panels, Talks und Diskussionsrunden über Comics philosophiert – etwa zu „#iceoutcomics“, einer Initiative dreier Zeichner in Minneapolis, die mit dem Stift gegen Trumps brutale Abschiebepolitik kämpfen.

Überschattet wurde der Salon von zwei Todesfällen: Paul Derouet, Förderer junger Zeichentalente und Initiator des Internationalen Comic-Seminars Erlangen, verstarb am 22. Mai mit 79 Jahren. Am Tag der Eröffnung dann die Nachricht vom Tod der iranisch-französischen Zeichnerin Marjane Satrapi. Ihr früherer Atelierkollege Lewis Trondheim sagte im taz-Gespräch, dass sie die Künstlergruppe „L´ Association“ mitgeprägt und den gleichnamigen Verlag mit dem weltweiten Erfolg ihres Buches „Persepolis“ einst vor dem Bankrott gerettet hatte.

Beeindruckend die thematische Bandbreite in Erlangen, wie sich nationale und internationale Tendenzen der Comickunst verfolgen ließen. Während eine betagte Legende des modernen Comics wie der Argentinier José Muñoz („Alack Sinner“) in einer Talkrunde eindringlich von seiner Flucht nach Europa in den 70ern berichtete, stellte die junge Zeichnerin Katharina Kulenkampff ihr erstes Comicbuch „Wie ich ein grauer Hund wurde“ (Rotopol Verlag) in einer liebevoll gestalteten kleinen Ausstellung vor.

Auf skurril-komische Weise fabuliert die Leipzigerin von inneren Zweifeln und einer in zwei Dackel-Menschen aufgeteilten Persönlichkeit. Der zweite Hund fungiert dabei mit seinen bissigen Kommentaren als innerer Teufel. Die Dialoge sind spitz wie Messerstiche, die Zeichnungen schräg und originell.

Anarcho-Ikone mit dem Kleinen Arschloch

Ein allseits Bekannter ist der Comic- und Romanautor Walter Moers, der mit einer umfangreichen Schau im Stadtmuseum geehrt wird. Zunächst hatte der 1957 geborene Künstler mit satirischen Comics und dem schrulligen „Käpt'n Blaubär“ im Fernsehen Erfolg. Mit seinen rotzig-obszönen „Kleines Arschloch“-Comics (ab 1986) wurde er zur Anarcho-Ikone. Handwerklich gekonnt sind seine Verballhornungen bekannter Kunstwerke, die auf irrwitzige Weise mit Moers bekannter Figur konfrontiert werden. Henri Matisses Gemälde „La danse II“ wird zum Ringelpiez kleiner Arschlöcher und umbetitelt in „Nach dem Absinthgenuss“.

Etwas platt wirken hingegen manche seiner „Adolf, die Nazi-Sau“- Comics (1998) und Filme heute – für Moers waren sie Satiren gegen heutigen Starkult. Das „Zamonien“-Universum zeigt eine ganz andere Seite des vielseitigen Künstlers: Bisher 12 Fantasy-Romane drehen sich um Moers´Alter Ego, den Lindwurm Hildegund von Mythenmetz. Ein unendliches Netz literarischer Verweise hat Moers hier eingeflochten, das mit den dazugehörigen, vor Details überquellenden Illustrationen von seiner zügellosen Fantasie zeugt.

Besonders gelungen sind auch die beiden Ausstellungen im Kunstmuseum. Die eine, „Der Stift ist mein sechster Finger“, ist dem umfangreichen Werk der 1967 geborenen Comiczeichnerin und Illustratorin Isabel Kreitz gewidmet. Seit den Neunzigern wählt sie in ihren zahlreichen Graphic Novels und Erich-Kästner-Adaptionen gerne das Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts („Haarmann“, „Die letzte Einstellung“) und die Nachkriegszeit als Hintergrund. Kreitz lässt sich auch von den unvergesslichen Illustrationen des Kästner-Zeichners Walter Trier inspirieren, von den virtuosen Comics des Amerikaners Will Eisner wie auch von den expressiven Szenenbildern deutscher Stummfilme.

Schöne Idee: Der Dachboden ihres Großvaters wird nachgestellt, auf dem sie als Kind alte Comics und Cartoons des Addams-Family-Schöpfers Chas Addams finden konnte. Ihre eigene aufwändige Zeichentechnik wird anhand von Skizzen, Vorzeichnungen und fertigen Seiten veranschaulicht. Seltene Arbeiten sind zu bewundern, und ihre erste Arbeit als Herausgeberin wird vorgestellt: Mit „Die Unheimlichen“ kuratierte sie von 2018 bis 2021 für den Carlsen Verlag eine originelle Buchreihe, für die ausgesuchte Kolleginnen und Kollegen klassische und moderne Genrestücke (Poe, Shelley, Jelinek) adaptieren und interpretieren durften.

Weibliches Begehren

Gleich nebenan befindet sich die Ausstellung „Silent Comics“, die ganz den Möglichkeiten der Kunstform Comic gewidmet ist. Hier sind sieben Beispiele zu sehen, die komplett auf Text verzichten und ihre Geschichten ganz über Bilder erzählen. In der in feinen Tuschelinien gezeichneten Geschichte „Comtesse“ (2010) zitiert die Französin Aude Picault die erotischen Fantasien in Rokokonovellen und erzählt zugleich explizit von weiblichem Begehren. Ihr Landsmann François Avril wiederum verzaubert mit ähnlicher Leichtigkeit (Szenario von Philippe Petit-Roulet) in „Soirs de Paris“ das fröhliche Treffen zweier Paare an einem trubeligen Pariser Abend, der ernüchternd endet.

Der zeitlose Ligne-Claire-Stil Avrils harmoniert perfekt mit der poppigen Farbgebung. Avantgardistisch ist Hendrik Dorgathens Herangehensweise, der in „Space Dog“ (1993) die tragikomische Odyssee eines Straßenköters ins All erzählt und dabei bis an die Grenzen der Abstraktion geht.

Gesellschaftlicher Höhepunkt des Salons war die Max-und-Moritz-Preisverleihung. Der prestigeträchtige Sonderpreis für ein Lebenswerk ging dieses Jahr an die Grande Dame des britischen Comics, Posy Simmonds (*1945). Die Cartoonistin wurde mit Strips für „The Guardian“ bekannt und später mit literarisch grundierten Graphic Novels wie „Gemma Bovery“ (Reprodukt Verlag) auch international erfolgreich.

Als bester deutschsprachiger Künstler wurde der Österreicher Franz Suess für seine eigenwilligen Graphic Novels („Jakob Neyder“, avant-verlag) prämiert, bester Comic wurde Mikael Ross´ „Der verkehrte Himmel“ (avant), bester internationaler Comic „In den trüben Gewässern Istambuls“ von Özge Samancı (Helvetiq), das beste Debüt stammt vom jungen Schweizer Metzger Martin Oesch, der sein Handwerk in der Graphic Novel „Fleischeslust“ (Edition Moderne) zum Thema macht. Eine in eine Metzgerei verwandelte Galerie stellte sein Buch über einen gealterten Metzger in der Sinnkrise vor. Doppeltalent Oesch produzierte, dazu passend, einige Meter Wurst.

Nach dem Besuch des 22. Comic-Salon hat nun niemand mehr Zweifel, dass der Comic mit all seinen Spielarten fortlebt und weiterhin begeisterte Leserinnen und Leser finden wird.

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