Comiczeichnerin über die USA: „Wir wollen Trump loswerden, das ist das Entscheidende“
Wie schafft man es, aktivistisch zu bleiben? Wie umgehen mit MAGA-Fans in der eigenen Familie? Ein Gespräch mit Alison Bechdel über den Zustand der USA und ihr neues Buch „Kaputt“.
taz: Alison Bechdel, Ihr neues Buch „Kaputt“ ist kein Memoir, sondern ein fiktiver Comic-Roman über eine Comiczeichnerin, die versucht, ein Memoir zu schreiben. Viele Leser:innen möchten wissen, welche Elemente biografisch und welche erfunden sind. Warum, glauben Sie, ist dieses Bedürfnis so stark?
Alison Bechdel: Als ich in den Nuller-Jahren entschied, die Geschichte meiner Familie, meines heimlich homosexuellen Vaters und seines Suizids in „Fun Home“ zu erzählen, war das für meine Familie sehr schwierig. Es ging um Tabus, wir redeten nie darüber. Aber ich hatte immer stärker das Gefühl, dass ich diese Geschichte erzählen will. Meine Mutter war zunächst dagegen, respektierte aber meinen Wunsch. Sie fragte mich dann, warum ich die Geschichte nicht einfach als Fiktion schreibe. Ich erklärte ihr: Mama, wenn ich das tue, wird jeder annehmen, dass sie wahr ist.
Ich habe keinen Ziegen-Gnadenhof und fünf Katzen, wie die Alison in „Kaputt“, auch wenn ich das gerne hätte, und kann verstehen, wenn Leser:innen darüber enttäuscht sind. Ich bin es auch oft, weil ich persönlich davon ausgehe, dass das, was ich in Büchern lese, auf den eigenen Erfahrungen der Autor:innen basiert. Wir hungern alle danach, die Erlebnisse anderer zu verstehen und sehnen uns nach einem direkten Einblick in ihr Leben. Das mag voyeuristisch sein, aber es hilft uns, unsere Gemeinsamkeiten zu erkennen.
geboren 1960 in Lock Haven, Pennsylvania, ist Comiczeichnerin und Graphic-Novel-Autorin. Bekannt wurde sie durch ihren Comicstrip „Dykes to Watch Out For“, der von 1983 bis 2008 erschien, und durch den sogenannten „Bechdel-Test“ über die Darstellung von Frauen in Filmen. Internationale Anerkennung erhielt sie auch mit ihren autobiografischen Graphic Novels, insbesondere „Fun Home“ (2006), das später erfolgreich als Musical adaptiert wurde. In ihren Arbeiten setzt sie sich mit Identität, Geschlechterrollen und queerer Lebensrealität, aber auch mit der politischen Lage in den USA und der Welt auseinander. Seit 2024 lehrt sie an der Yale-Universität in den Bereichen Literatur und Filmwissenschaft.
taz: Dennoch haben Sie sich entschieden, keinen neuen autobiografischen Comic zu zeichnen, sondern die fiktiven Figuren aus „Dykes to Watch Out For“ nach fast 20 Jahren Pause wieder zum Leben zu erwecken. Warum?
Bechdel: Ich musste zu diesen Figuren einfach zurückkehren. Als mir klar wurde, dass ich eine Fiktion schreibe und mir alles erlauben kann, waren sie sofort wieder da. Oh mein Gott, ich liebe diese Charaktere! Ich habe mir überlegt, wie alt sie heute sind. Wie sie heute aussehen. Sie sind die perfekten Begleiter:innen für diese schwierigen Zeiten, weil sie engagierte Aktivist:innen sind, die nie aufgehört haben zu kämpfen. Anders als meine Hauptfigur, die bequem geworden ist und ihren früheren Idealismus verloren hat. Über diese Figuren zu schreiben, war ermutigend.
taz: Wie ist es bei Ihnen: Sind Sie wie die Alison im Buch bequemer geworden, oder halten Sie an den Idealen fest, die Sie vor 20 Jahren hatten?
Bechdel: Im Grunde habe ich immer noch dieselben Ideale wie damals und finde gerade sogar wieder stärker zu ihnen zurück. Viele Menschen wünschen sich mit dem Älterwerden ein schönes, ruhiges Leben, ohne den Druck, sich immer mit allem auseinandersetzen zu müssen. Auch mein Leben ist ruhiger und privater geworden, aber gleichzeitig weiß ich, wie wichtig es ist, verbunden zu bleiben, mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten und Räume zu teilen, auch mit denen, die eine andere Meinung als ich haben.
taz: So wie die fiktionale Alison und deren Schwester im Buch? Diese Schwester unterstützt Donald Trump als Teil der MAGA-Bewegung. Alison liebt sie trotzdem und versucht, mit ihr auszukommen. Halten Sie es für wichtig, auch mit solchen Menschen im Gespräch zu bleiben?
Alison Bechdel: „Kaputt. Ein Comicroman“. Aus dem Englischen von Katharina Erben. Reprodukt, Berlin 2026, 272 Seiten, 24 Euro
Bechdel: Das ist nicht nur wichtig, sondern notwendig und es passiert nicht genug. Fast jede Person, die ich in den USA kenne, hat einen „Trumpisten“ in der Familie. Auch bei meiner Frau ist das so und das ist natürlich sehr schwierig. Man muss mit diesen Menschen umgehen. Also spricht man vielleicht nicht über Politik. Man findet etwas, das man teilen kann. Auch innerhalb der linken Szene ist es gerade tragisch, wie zersplittert alles ist. Entweder man hat dieselbe Meinung oder jemand wird „gecancelt“. Wir müssen einen Weg finden, besser zusammenzuhalten, denn die Rechte hat sich darauf verständigt, uns zu spalten und zu polarisieren. Und das funktioniert.
taz: Gibt es Entwicklungen in den USA, die Ihnen besonders Angst machen?
Bechdel: Am meisten Angst macht mir der Oberste Gerichtshof der USA. Dessen Entscheidungen prägen unseren Alltag. Das Recht auf Abtreibung wurde massiv eingeschränkt und ich fürchte, dass als Nächstes die gleichgeschlechtliche Ehe dran ist. Beunruhigend finde ich auch, wie lange Konservative darauf hingearbeitet haben. Seit den Reagan-Jahren haben sie gezielt Jurist:innen in Machtpositionen gebracht und damit eine ideologische Mehrheit aufgebaut. Diese konservative Mehrheit gibt heute dem Präsidenten immer mehr Macht. Diese Entwicklung finde ich antidemokratisch. Diese Leute mögen keine Demokratie. Sie mögen es nicht, Macht mit Menschen zu teilen, mit denen sie nicht einer Meinung sind.
taz: Bleiben Sie trotzdem optimistisch?
Bechdel: Das englische Original von „Kaputt“ ist 2025 erschienen. Ich habe das Buch kurz vor den Wahlen fertiggestellt. Damals wusste ich nicht, wer gewinnt und war eher optimistisch. Heute bin ich pessimistisch, aber ich habe Hoffnung … Je schlimmer die Situation wird, desto mehr hoffe ich, dass Menschen sich auflehnen. Vielleicht passiert das erst in zehn Jahren, was schrecklich wäre, weil diese politischen Veränderungen wie Gletscher sind: Sie bewegen sich, haben ihren eigenen Verlauf, und es ist schwer, ihnen etwas entgegenzusetzen. Aber sie werden nicht durchhalten. Die Frage ist nur, wie viel Schaden bis dahin entsteht.
taz: Haben Sie ein Rezept, um in diesem System nicht kaputtzugehen?
Bechdel: Was mich persönlich rettet, ist, dass ich eine Arbeit habe, die ich liebe. In dieser Welt ist es schwer, für etwas bezahlt zu werden, wofür man eine Begabung hat und was man gerne macht. Auf einer höheren Ebene geht es darum, ein Gleichgewicht zu finden. Die schönen Dinge im Leben zu genießen, ohne all das zu ignorieren, was in der Welt passiert.
taz: Die Alison im Buch tut es sich damit schwer. Sie versucht Karl Marx zu lesen und schwankt zwischen politischem Bewusstsein und dem Gefühl, angesichts der Krisen nicht genug zu tun. Fühlen Sie sich manchmal schuldig, weil Sie „nur“ Comics zeichnen? Haben Sie heute andere Formen von Aktivismus?
Bechdel: Ich habe mich selbst dazu gedrängt, mehr rauszugehen und zu protestieren. In den USA gibt es gerade die „No Kings“, eine dezentral organisierte Bewegung, bei der an bestimmten Tagen lokal auf der Straße protestiert wird. Immer mehr Menschen machen mit. Ich auch. Es sind vor allem ältere Personen, aber hoffentlich steigen die Jüngeren irgendwann ein. Es geht darum, öffentlich für etwas einzustehen. Und wenn diese gleichgültigen Bürger:innen der gesellschaftlichen Mitte sehen, dass es immer mehr Protestierende gibt, fühlen sie sich vielleicht ermutigt, selbst mitzumachen. Vielleicht wecken die hohen Preise im Land einige dieser Menschen auf.
taz: Wie ist es für Sie, wieder auf Demonstrationen zu gehen?
Bechdel: Es tut gut, mit meinem kleinen Pappschild zur Rushhour die Straße zu blockieren und dort mit Menschen zusammenzustehen, die ich kenne und mag. Vielleicht sind wir uns nicht in allem einig, aber wir wollen Trump loswerden. Und das ist das Entscheidende.
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