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Inklusion an Hamburgs Schulen„Die Kinder werden dann mehr verwaltet als gefördert“

Vor dem neuen Hamburger Schuljahr: Noch immer wissen viele Eltern nicht, wie viel Schulbegleitung es geben wird, kritisieren zwei Elternsprecherinnen.

Kaija Kutter

Interview von

Kaija Kutter

taz: Frau Spallek, in Hamburg beginnt das neue Schuljahr. Wie steht es um die Schulbegleitung? Wissen alle Eltern, welche Unterstützung ihr Kind bekommt?

Marietheres Spallek: Das wissen wir nicht. Wir nehmen an, dass nur ein Bruchteil der Eltern informiert ist. Die Schulbehörde hat zwar in den Sommerferien Fälle überprüft. Aber nach unserem Eindruck sind das vor allem Fälle, in denen Eltern sich beschwerten.

taz: Frau Ecke, warum ist es für Eltern wichtig zu wissen, welche Schulbegleitung ein Kind bekommt?

Im Interview: Marietheres Spallek

53, ist Mutter eines behinderten Kindes und Vorsitzende des Kreiselternrats der speziellen Sonderschulen und Regionalen Bildungs- und Beratungszentren (Ker-So) in Hamburg.

Kerstin Ecke: Sie wollen wissen, dass ihr Kind verlässlich betreut wird und nicht das Risiko besteht, dass sie angerufen werden, um es abzuholen. Eltern wollen sicher sein, dass ihr Kind keinen Gefahren ausgesetzt ist und beim Bildungsangebot der Schule gut unterstützt wird.

taz: Welche Kinder brauchen die Begleitung?

Spallek: Bei autistischen Kindern zum Beispiel kann es ohne passenden Schulbegleiter zu einem Meltdown, einem innerlichen Zusammenbruch kommen, aus dem sie allein nicht wieder herausfinden. Dann kann ein Kind zum Beispiel aggressiv werden. Sind die begleitenden Menschen im Umgang nicht geschult, kann es zu Überforderungssituationen kommen. Eltern werden dann oft angerufen: „Holen Sie Ihr Kind bitte früher aus der Schule ab.“

Ecke: Es ist auch wichtig, für wie viele Stunden ein Schulbegleiter gestellt wird. Sind es nur zehn pro Woche, steht er dann denn auch zur Verfügung, wenn es eskaliert und ein Kind wegläuft?

Im Interview: Kerstin Ecke

55, ist Mutter von zwei Schulkindern mit Behinderung, Vorständin im Kreiselternrat der speziellen Sonderschulen und Regionalen Bildungs- und Beratungszentren Hamburg (Ker-So) sowie Mitglied der Hamburger Elternkammer.

taz: Wurde die Schulbegleitung reduziert?

Spallek: Ganz klar ja. Nach unserem Eindruck wurde erheblich reduziert. Gut möglich, dass der Schulbehörde selbst nicht klar war, zu welchen umfangreichen Kürzungen und Folgen ihre Maßnahmen führen würden. Oft traf es die Falschen.

taz: Die Behörde beteuert, der Etat sei gar nicht gekürzt. Es ging nur in diesem Jahr erstmals jede Entscheidung über ihren Schreibtisch.

Ecke: Die Frage ist: Haben sie dort wirklich jeden Einzelfall angeschaut, oder wurde schulweise entschieden und pauschal gekürzt? Nach dem Motto: Diese Schule hat 1.000 Stunden beantragt, sie kommt auch mit 300 Stunden aus.

Spallek: Das Problem ist, dass die Behörde keine Transparenz schafft. Wir haben nur Zahlen von ein paar Schulen. Auf unsere Fragen, was in welchem Umfang bewilligt wurde, fehlt immer noch die Antwort.

taz: Es gibt auch eine Kürzung in der Qualität. Was sagen Sie dazu, dass das Gros der Arbeit junge Freiwilligendienstler (FSJler) übernehmen sollen, und zwar im „Pool“ für mehrere Kinder?

Spallek: Das wäre eine Katastrophe. Schon in der Vergangenheit fehlten ausreichend FSJler. Sie sind zudem sehr jung und können schnell überfordert werden, wenn sie mehrere schwerbehinderte Kinder gleichzeitig betreuen sollen. Das sehe ich gerade in der Ferienbetreuung meines Sohnes. Um auffällige Kinder wird sich zuerst gekümmert. Diese Aufmerksamkeit fehlt dann bei Kindern, die dringend Unterstützung und Förderung brauchen, aber ruhiger sind. Man muss mit manchen Kindern täglich das Laufen, selbständige Essen oder den Toilettengang trainieren. Nichtsprechende Kinder wie mein Sohn müssen Kommunikation über einen Talker erlernen. Wie beim Erlernen einer Fremdsprache muss hier konsequent geübt werden, damit er sich später auch mit Personen, die ihn nicht kennen, verständigen kann.

taz: Und das passiert nicht?

Spallek: Ich fürchte, die Kinder werden dann mehr verwaltet als gefördert. Doch so erreichen sie ihre Bildungsziele nicht. Es gibt nur einen kurzen Zeitraum, in dem die Kinder Grundlegendes erlernen, um in die Selbstständigkeit zu kommen. Den müssen wir ausschöpfen. Sonst haben wir später viel höhere Folgekosten – in der Eingliederungshilfe und für Familien, wenn Eltern nicht mehr arbeiten können und in die Sozialhilfe abrutschen.

taz: Die Schulsenatorin sagte, es gebe nicht weniger Geld. Stimmt das?

Ecke: Ja, es gibt für 2026/27 vom Haushalt her keine Kürzung. Mit 46 Millionen Euro sind noch mal mehr Mittel als zuletzt vorgesehen. Aber von 2028 bis 2030 sind durchgängig nur noch rund 40 Millionen Euro eingeplant. Bisher haben wir rund 4.500 Schüler mit Schulbegleitung. Laut Senatorin waren noch mal deutlich mehr Schüler angemeldet. Aber die Behörde plant ab 2027 beziehungsweise 2028 weiterhin nur noch mit 3.400 Fällen. Das ist der Plan.

taz: In Hamburg wird die Schulbegleitung von der Stadt organisiert. Ist das von Vorteil?

Spallek: Der Gedanke dahinter war gut. Die Schule nimmt den Eltern das Antragsverfahren ab. Der große Nachteil: Die Eltern bekommen zurzeit keine Mitteilung darüber, was die Schule für ihr Kind beantragt und was bewilligt wurde. Es gibt keinen justiziablen Bescheid. Das erschwert es, sich zu wehren, wenn sie der Ansicht sind: Das reicht nicht für mein Kind.

taz: Aber die Kinder haben ein Recht auf Schulbegleitung nach dem Bundesteilhabegesetz. Sie geben als Kreiselternrat Tipps, wie Eltern klagen können. Ist das schon passiert?

Spallek: Definitiv. Aber es gibt unseres Wissens nach noch keinen gerichtlichen Beschluss. Im Rahmen eines Eilverfahrens wird die Behörde um Stellungnahme gebeten. Dann bieten sie oft die ursprünglich beantragte Stundenzahl, aber nur bis zum 31. Januar 2027.

taz: Es sind bundesgesetzliche Leistungen. Das muss Hamburg zahlen?

Spallek: So wie ich die Behörde verstehe, waren die Anfragen so stark gestiegen, dass die Kosten bei über 50 Millionen Euro gelegen hätten. Da muss die Behörde genauer hinschauen. Aber der individuelle Unterstützungsbedarf jedes Kindes muss sichergestellt und bezahlt werden.

Ecke: Diese Eingliederungshilfe trägt dazu bei, dass die Kinder einen Schulabschluss erreichen oder lebenspraktische Dinge erlernen. Spart man hier und die Kinder lernen das nicht, haben sie später ihr Leben lang einen höheren Assistenzbedarf.

taz: Wieso ist der Bedarf an Schulbegleitung gestiegen?

Ecke: Früher, vor 2015, wurden diese Kinder größtenteils in Förderschulen beschult. Heute besucht ein Teil der Kinder die Regelschulen.

Spallek: Das hat mit Inklusion zu tun, auf die Kinder laut UN-Behindertenrechtskonvention ein Recht haben. Hier schlug Hamburg einen guten Weg ein. Nun scheint sich das Meinungsbild etwas zu wandeln. Eine andere Erklärung ist die bessere Diagnostik. Möglicherweise hat man früher die Kinder auch nicht auf diese Bildungsziele bringen wollen und gesagt: Na ja, dann kann er das eben nicht und wohnt später in der Wohngruppe. Da brauchen wir Ursachenforschung.

taz: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Spallek: Dass man die Eltern mehr einbezieht. Mehr Ehrlichkeit. Und vielleicht auch eine Entschuldigung. Viele Eltern waren über den Sommer sehr verzweifelt. Da wünsche ich mir, dass die Behörde sagt: Wir haben was nicht ganz richtig gemacht.

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