piwik no script img

Informationsfluss zu Corona-EpidemieTricks, Ohnmacht, Erregung

In vielen Ländern zentralisieren Regierungen den Informationsfluss. Problematisch wird das, wenn man den Verantwortlichen nicht trauen kann.

D ass sich Erregung oft schneller verbreitet als ein Erreger, ist ein alter Hut. Das zeigt auch Covid-19. Das Durcheinander ist groß. Die Leipziger Buchmesse wurde abgesagt, am gleichen Wochenende spielte der örtliche Bundes­ligaclub seinen Rasenball allerdings noch vor gefüllten Rängen. Damit ist jetzt voraussichtlich Schluss. Österreich hat am Dienstag die Grenze zu Italien dicht gemacht und lässt nur Reisende mit ärztlicher Bescheinigung passieren.

Corona ist Top News, auch wenn US-Präsident Donald Trump anscheinend mal wieder vergessen hat, wie das Virus genau heißt und bei einer Pressekonferenz lieber vom „Virus, von dem alle sprechen“ sprach. Der Vizepräsident war auch da und überhaupt standen neben Trump so viele Offizielle rum wie sonst nur bei Kriegserklärungen. Die Botschaft: Wir tun was.

In Deutschland fühlen sich viele Institutionen, Organisationen und Vereine alleingelassen. Denn es wird in ihr Ermessen gestellt, was sie wann für Maßnahmen ergreifen. In anderen Ländern zentralisieren Regierungen den Informationsfluss. Großbritannien hat eine große Aufklärungskampagne gestartet „Information campaign focuses on handwashing“, heißt es da. Und da ist ja auch was dran, selbst wenn Händewaschen allein nicht verhindern kann, dass Covid-19 einmal um den Erdball zieht.

Problematisch wird derlei Informationsmanagement, wenn man den Verantwortlichen nicht trauen kann. Siehe die anfängliche Informationspolitik in China, wo es seinen Anfang nahm. Nicht, dass wir da über allen Zweifel erhaben wären. In den 1890er Jahren verschwieg Hamburg über Wochen, dass eine Cholera-Epidemie grassierte. Der florierende Handel und das gute Geschäft mit den Auswandernden sollte nicht in Schieflage geraten. Sogar erkrankten Auswandernden wurde wider besseren Wissens medizinische Unbedenklichkeit attestiert, so dass die Epidemie nach New York exportiert wurde.

Empfohlener externer Inhalt

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob Sie dieses Element auch sehen wollen:

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung

Keine Tricksereien

Derlei Trickserei ist hierzulande aktuell nicht zu erwarten. In Großbritannien trauen dagegen viele Premierminister Johnson zu, die Öffentlichkeit auch in Sachen Corona­virus zu manipulieren. Ein Indiz gab es vergangene Woche schon: Da sollte die tägliche Aktualisierung der Fallzahlen auf nur noch wöchentliches Erscheinen umgestellt werden. Massiver Protest ließ die Regierung aber zurückrudern.

Und die Medien? Sie bewähren sich als Erregungsbeschleuniger. Dabei stecken sie allerdings in einer Klemme, für die sie selbst nichts können: Ja, Corona ist für alle im Moment ein heißes Thema. Nicht berichten geht also auch nicht. Man kann nur für Mäßigung plädieren.

Und so gilt leicht abgewandelt, was die olle Verkehrsregelsendung „Der siebte Sinn“ schon in den 1970ern wusste: „Bitte, waschen Sie gründlich Ihre Hände. Immer.“

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen

Steffen Grimberg

Steffen Grimberg Medienjournalist

2000-2012 Medienredakteur der taz, dann Redakteur bei "ZAPP" (NDR), Leiter des Grimme-Preises, 2016/17 Sprecher der ARD-Vorsitzenden Karola Wille, ab 2018 freier Autor, u.a. beim MDR Medienportal MEDIEN360G. Seit Juni 2023 Leitung des KNA-Mediendienst. Schreibt jede Woche die Medienkolumne "Flimmern und rauschen"
Mehr zum Thema

0 Kommentare