Krieg in Libanon: Israels Militär macht ganz Südlibanon zur Kampfzone
Militärsprecher Adraee ruft fast die ganze Großstadt Sour zur Flucht auf. Über 150.000 Menschen lebten dort. Auch Hisbollah greift weiter in Israel an.
Ein rot-gelber Feuerball und eine riesige Wolke steigen zwischen Gebäuden in der Stadt Sour in Südlibanon auf. Ein in den sozialen Netzwerken geteiltes Video dokumentiert den israelischen Angriff am Donnerstagmorgen. Ein Gebäude wurde getroffen, ein Feuer ausgelöst.
Am Dienstag trafen außerdem israelische Luftangriffe den Staudamm in Qaraoun im Osten des Landes. Die Behörde für den Fluss Litani gab bekannt, dass wiederholte Angriffe auch die Zufahrtsstraßen zu dem Damm sowie dazugehörende Anlagen getroffen haben. „Jegliche direkten oder indirekten Angriffe auf den Qaraoun-Staudamm oder seine Anlagen können katastrophale Folgen haben“, so die Behörde laut der staatlichen Nachrichtenagentur. Der Damm brach glücklicherweise nicht. Er spielt eine wichtige Rolle für die Wasserversorgung des Landes.
Ungeachtet des eigentlich vereinbarten und offiziell weiterhin geltenden Waffenstillstands weitet die israelische Armee die Bombardierung im Land sowie ihre Bodenoffensive in Südlibanon drastisch aus. Der israelische Militärsprecher Avichay Adraee hat am Donnerstag alle Gebiete südlich des Flusses Zahrani zur Kampfzone der israelischen Armee erklärt. Dazu gehört auch die Großstadt Sour und Umgebung. Mit Ausnahme eines Viertels soll die ganze Stadt flüchten, erklärte Adraee online. Über 150.000 Menschen leben eigentlich dort.
Der sogenannte Waffenstillstand gilt seit Mitte April. Seitdem haben israelische Angriffe mindestens 608 Menschen in Libanon getötet, teilt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit. Unter den Getöteten waren auch die Journalistin Amal Khalil und zahlreiche Ersthelfer. Auf israelischer Seite wurden dem Militär zufolge im Zeitraum der Waffenruhe 10 Soldaten getötet, 6 davon durch Sprengstoffdrohnen der Hisbollah auf Nordisrael sowie im besetzten Südlibanon. Dort demoliert die israelische Armee mit Bulldozern weiterhin zivile Infrastruktur. Laut Berichten sind auch zivile Unternehmer daran beteiligt. Ganze Orte werden dem Erdboden gleichgemacht.
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Hunderttausende in Libanon auf der Flucht
Kurz nach dem Angriff der USA und Israels in der Islamischen Republik Iran Ende Februar stieg auch die von Iran unterstützte militante Hisbollah in den Krieg ein und griff nach einer Phase der Zurückhaltung wieder in Israel an. Seitdem wurden durch Angriffe der Hisbollah und Irans insgesamt 24 Israelis getötet, darunter 23 Soldat*innen. Im selben Zeitraum haben israelische Angriffe in Libanon rund 3.200 Menschen getötet, so das libanesische Gesundheitsministerium. Erst am Wochenende zerstörte eine israelische Bombe das Zentrum eines für Rettungseinsätze verantwortlichen Zivilschutzes im Süden.
Angriffe auf zivile Einrichtungen und Zivilist*innen sind im Völkerrecht verboten, sie gelten als Kriegsverbrechen. Eine Zwangsvertreibung der Zivilbevölkerung ist ebenso völkerrechtswidrig.
Die israelischen Angriffe und Aufforderungen zur sogenannten Evakuierung haben in Libanon eine erneute Welle der Flucht ausgelöst. Viele verließen diese Woche die südlichen Städte Nabatija und Sour sowie umliegende Gebiete. Hunderttausende Menschen in Libanon bleiben weiter vertrieben, viele schlafen auf der Straße.
Weitere Verhandlungen mit Israel stehen an
Auf Druck der USA führt Libanon derzeit direkte Verhandlungen mit Israels Vertretern in Washington. Das nächste Treffen steht am Freitag an. Die Miliz-cum-Partei Hisbollah lehnt Verhandlungen mit Israel ab und macht innenpolitisch Druck auf die Regierung: Hisbollah-Chef Naim Kassem hatte zuletzt seine Anhänger dazu aufgerufen, die libanesische Regierung zu stürzen.
Die libanesische Regierung ist keine Kriegspartei. Sie drängt auf eine Entwaffnung der Hisbollah in ganz Libanon und hatte im vergangenen Jahr bereits mit der Räumung erster Hisbollah-Stellungen begonnen. Auch weil die Hisbollah besser ausgerüstet ist als das Militär des wirtschaftlich schwer angeschlagenen libanesischen Staates, gestaltet sich das aber anhaltend schwierig. Ein Durchbruch bei den Gesprächen ist nicht zu erwarten.
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