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Handelskammer veröffentlicht UmfrageTricksen mit Hamburgs Olympiastimmung

Jan Kahlcke

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Jan Kahlcke

Die Handelskammer zieht eine Umfrage zur Olympiabewerbung aus dem Hut. Aber was sie als News verkauft, sind olle Kamellen.

Klar positioniert, auch auf Kosten der Redlichkeit: die Hamburger Handelskammer Foto: Christian Charisius/dpa

H amburgs Olympiakampagne geht in die heiße Phase. Seit Mittwoch läuft die Briefwahl für das Referendum über eine Bewerbung. Am Sonntag hatte Nordrhein-Westfalen vorgelegt. Die Begeisterung für die Bewerbung von „KölnRheinRuhr“ scheint groß zu sein: Von Aachen bis Wuppertal votierten nirgends weniger als 64 Prozent der Abstimmenden dafür. Nur, ausgerechnet, die „Leading City“ Köln ging abgeschlagen mit 57 Prozent ins Ziel.

Und Herten, das als Mountainbike-Standort vorgesehen war, hat sich sogar ganz ins Aus geschossen: Dort stimmten zwar 74 Prozent zu, aber es nahmen zu wenig überhaupt an der Abstimmung teil. Herten ist damit bei Olympia sicher nicht dabei.

Dennoch, in NRW insgesamt haben 66 Prozent der Abstimmenden für die Spiele votiert. Genauso viele wie vor Wochen in München. Damit liegt die Messlatte für Hamburg hoch. Die Zustimmung der Bevölkerung ist nicht das einzige Kriterium für eine Vergabe der deutschen Kandidatur, aber bei einer Zustimmung von unter 60 Prozent gilt eine Bewerbung als aussichtslos.

Da traf es sich gut, dass die Hamburger Handelskammer just am Abstimmungssonntag in NRW eine Umfrage aus dem Hut ziehen konnte, nach der beinahe jene magischen 60 Prozent der Ham­bur­ge­r:in­nen die Durchführung von Olympischen Spielen „eher befürworten“, genau 59,6 Prozent. Der Rest, 40,4 Prozent, war „eher dagegen“.

Umfrage gezielt lanciert

Die Vertretung der Hamburger Unternehmen, die sich schon vorher deutlich für die Ausrichtung der Spiele positioniert hatte, lancierte ihre vom Prognos-Institut durchgeführte Umfrage gezielt nur an Medien, von denen sie sich eine wohlwollende Berichterstattung versprach. Mit Erfolg: Das Hamburger Abendblatt sah durch die „relativ aktuelle Umfrage“ die Olympiastimmung in der Stadt „im Aufwind“. Auch der NDR berichtete über die „neue“ Umfrage und einen daraus ablesbaren Stimmungsumschwung.

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Nur war die Umfrage gar nicht neu. Die Handelskammer hatte sie zwar am 19. April strategisch platziert. Aber der Befragungszeitraum war vom 20. Februar bis zum 5. März gewesen. Und damit vor der anderen Umfrage, die bis dahin in der Stadt kursierte.

Die hatte der NDR beim Meinungsforschungsinstitut Infratest Dimap in Auftrag gegeben, das 1.152 Wahlberechtigte befragte. Und von denen sahen 50 Prozent eine Hamburger Olympiabewerbung „eher schlecht“ und nur 41 Prozent „eher gut“. Die Befragung war vom 19. bis zum 23. März durchgeführt worden, war also gut zwei Wochen neuer als die Handelskammer-Umfrage.

Ein aktueller Stimmungsumschwung Pro Olympia lässt sich aus der Handelskammer-Umfrage also nicht ableiten.

Klarstellung des NDR

Das muss irgendwann auch jemandem beim Sender aufgefallen sein, der sich zu einer „Klarstellung“ genötigt sah. Darin heißt es: „Ein aktueller Stimmungsumschwung Pro Olympia lässt sich aus der Handelskammer-Umfrage also nicht ableiten.“

Im Gegenteil – wenn man aus beiden Umfragen eine Tendenz ablesen will, dann hätte sich die Stimmung eher gegen die Spiele gedreht. (An dieser Stelle herzlichen Dank an die Handelskammer, dass sie der taz nicht dieselbe Falle gestellt hat.)

Die Hamburger Linksfraktion, die sich gegen Olympia in Hamburg ausspricht, hatte auch gleich einen Erklärungsansatz parat: Zwischen beiden Umfragen, am 11. März und 17. März, hatte der Senat erst sein Finanzkonzept und dann das gesamte Olympiakonzept vorgelegt. Auf die NDR-Umfrage hätten die Bür­ge­r:in­nen demnach also informierter geantwortet als auf die der Handelskammer.

Stimmungsumschwung in ein paar Tagen?

Dem liegt vielleicht ein bisschen viel Vertrauen in die demokratische Öffentlichkeit zugrunde. Ein diametraler Stimmungsumschwung in ein paar Tagen, nur weil die Konzepte des Senats nicht überzeugend sind?

Wahrscheinlicher ist etwas anderes: Die starken Ausschläge in kurzer Zeit deuten eher darauf hin, dass viele Ham­bur­ge­r:in­nen in der Olympiafrage nicht sehr entschieden sind und ihre Antwort stark von der Tagesform abhängt. Das könnte den Olympiafans Hoffnung machen, dass es sich lohnt, um ihre Stimmen zu kämpfen.

Es könnte aber auch darauf hindeuten, dass die Ham­bur­ge­r:in­nen ganz andere Sorgen haben und Olympische Spiele 2036, 2040 oder 2044 ihnen herzlich egal sind. Dann würde es schwierig werden, das für ein erfolgreiches Referendum notwendige Quorum von 20 Prozent Ja-Stimmen aller Stimmberechtigten zu erreichen. Denn dafür müssten ja erst mal mindestens 40 Prozent teilnehmen. Hamburg könnte es ergehen wie Herten: keine Stimmen, keine Ringe.

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Jan Kahlcke
Redaktionsleiter
Jan Kahlcke, war von 1999 bis 2003 erst Volontär und dann Redakteur bei der taz bremen, danach freier Journalist. 2006 kehrte er als Redaktionsleiter zur taz nord in Hamburg zurück
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2 Kommentare

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  • ALL und JEDER

    Die Hamburger Handelskammer sieht ihrem abgebildeten Propaganda-Banner zufolge bei Olympia „Chance für alle“.

    Das ist so wie die Chance, den Jack-Pott zu knacken oder Millionär zu werden: Das trifft für alle zu, aber nicht für jeden…

  • Es wird Stimmung gemacht und es wird ignoriert, wie hoch die Risiken sein können / werden. Die Handelskammer mischt da natürlich mit, sie könnte für ihr Klientel unterm Strich was rausholen, ob das über Steuern und Schulden am Ende für alle eine gute Sache ist oder sein könnte, interessiert die sicherlich nicht.



    Dabei haben die Hamburger die Olympia-Bewerbung bereits abgelehnt. Aber ein Mal ist kein Mal, ich bin gespannt, wie oft noch abgestimmt und wie oft vor allem der Bürger zunächst befragt wird.