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Gartenbau inmitten von Beton„Die Natur ist keine Idylle“

Dunja und Lothar Zech betreiben am Berliner Ostkreuz eine lebendige Stadtgärtnerei. Sie wollen den Ber­li­ne­rn zeigen, was in ihrer Stadt noch geht.

Interview von

Susanne Messmer

Direkt am Berliner Verkehrsknotenpunkt Ostkreuz befindet sich auf einem alten Bahngelände die „Lebendige Stadtgärtnerei“ mit Wildstaudenverkauf und Café, Workshops und Veranstaltungen. Es gibt einen Naturteich und Senkgarten mit Trockenmauern und Totholzecken, zusammengewürfelte Gartenmöbel, Bücherregal und Trockentoilette. Dunja und Lothar Zech haben hier eine wilde, urbane Oase gebaut. Und das, obwohl hier eines Tages eine Auffahrt für den nächsten Streckenabschnitt der mitten durch die Stadt führenden Autobahn 100 entstehen soll.

taz: Frau und Herr Zech, stellen wir uns vor, die Bagger kämen morgen früh. Welche drei Pflanzen würden Sie als Erstes retten?

Dunja Zech: Oh. Eigentlich müsste alles weg. Ich würde am liebsten alle retten. Nacht-und-Nebel-Aktion, alle Freunde anrufen.

Lothar Zech: Ich sehe das mittlerweile ein bisschen anders. Vielleicht ist mein Denken inzwischen auch radikal geworden. Ich würde sagen, mir ist die Symbolwirkung dieses Gartens wichtiger als die einzelnen Pflanzen. Wenn hier alles wegmüsste, dann würde ich nicht an einzelnen Blümchen festhalten. Ich würde einen neuen Ort schaffen und hoffen, dass die Leute aus den Fehlern lernen.

taz: Das klingt weniger nach Gärtnern als nach Stadtpolitik.

Lothar Zech: Ja, aber das ist es ja auch. Wir interessieren uns für die Stadt als umkämpften Raum. Es geht um Menschen, die den Raum brauchen und verstehen, und um Leute, die vehement gegen diesen Raum arbeiten und in letzter Zeit immer mächtiger werden. Wenn wir erzählen, dass hier am Ostkreuz, wo wir gerade sitzen, irgendwann eine Auf- und Zufahrt für eine Autobahn sein soll, fallen die Leute aus allen Wolken. Das wissen die wenigsten. Deshalb sind wir auch in der Bürgerinitiative A 100 und machen auch bei den Aktionen unserer Clubnachbarn mit.

Im Interview: Dunja und Lothar Zech

Die Menschen

Lothar Zech, geboren 1976, hat sein Abitur an der Waldorfschule mit einer Schreinerlehre verbunden, eine Weltreise gemacht, Architektur studiert und sich 1998 mit einer Firma für Garten und Landschaftsbau selbstständig gemacht. Dunja Zech, geboren 1970, ist gelernte Hotelfachfrau und arbeitet seit 2020 in Lothars Firma. Die Zechs leben und arbeiten seit 2023 in Berlin.

Die Gärten

Die Lebendige Stadtgärtnerei am Ostkreuz gibt es seit Oktober 2024, sie hat den zweiten Platz beim Wettbewerb „Deutschland summt“ und die Goldprämierung von „Tausende Gärten – Tausende Arten“ für Naturgärten gewonnen. Die Zechs haben außerdem begonnen, andere öffentliche Flächen in der Berliner Innenstadt neu zu gestalten und zu pflegen.

taz: Sie sind aus Heidelberg nach Berlin gekommen. Müssen zwei Leute aus der Provinz den Menschen hier die Stadt erklären?

Lothar Zech: Vielleicht ein bisschen. Ich glaube, die Leute hier wissen gar nicht, was sie für eine Macht haben. Berlin ist für mich die einzige Stadt in Deutschland, wo man von heute auf morgen alles lahmlegen könnte. Nur ist das den Leuten nicht so bewusst. Und wenn man dann hört, wie bürgernah die Politik angeblich sein möchte, da denke ich: Mein Gott, fahr doch einfach mal mit dem Fahrrad spazieren. Guck dir doch mal an, was hier ist.

Dunja Zech: Wir wollten aber nie eine politische Einrichtung sein.

Lothar Zech: Nee, überhaupt nicht. Der Garten spricht für sich selbst. Die Leute kommen her, trinken einen Kaffee, sitzen hier, sehen den Wasserturm, hören die Züge und merken ganz von selbst, was das für ein Ort ist. Und irgendwann kapieren sie: Uns ist viel genommen worden. Vielleicht wird uns auch das hier wieder genommen.

taz: Wie reagieren die Menschen, wenn sie hier zum ersten Mal durch das Tor zum Garten kommen?

Dunja Zech: Einfach so: Wow, sieht das toll aus. So was will ich auch. Oder: So was braucht es in der Stadt.

Lothar Zech: Mich interessiert dieser Kontrast. Draußen ist Beton, Verkehr, Hitze. Die normalen konventionellen Flächen ums Ostkreuz herum sind jetzt nur noch braun und staubig. Dann geht man hier rein und da blüht immer noch was. Schmetterlinge schwirren herum.

taz: Wer kommt zu Ihnen in die Gärtnerei?

Dunja Zech: Viele kommen schon gezielt wegen der Wildstauden, die wir in Töpfen verkaufen.

Lothar Zech: Leute mit Balkon, Hinterhof, Kleingarten, Baumscheibe. Und Leute mit Grundstück in Brandenburg. Leute mit Lastenrad und Wägelchen, aus der Nachbarschaft. Wir können davon leben. Das ist nicht so, wie es oft dargestellt wird. Es gibt genug Menschen, die so etwas wollen.

Dunja Zech: Aber wir wollen auch nicht nur die Leute aus unserer Bubble ansprechen. Hier sollen auch einfach Leute mal kurz durchatmen können, ohne was zu kaufen. Das ist uns wichtig.

Lothar Zech: Deshalb haben wir auch so eine Partnerschaft mit einem Unternehmen. Da können Leute Gepäckstücke abgeben, wenn sie ihren Anschluss verpasst haben und auf den nächsten Zug warten müssen. Die merken das aber auch: Das ist ein ganz anderer Raum.

taz: Wie kriegt man Leute, die eigentlich Rasen, Formschnitt und unkrautfreie Beete wollen, dazu, mehr Chaos im Garten zuzulassen?

Lothar Zech: Je älter ich werde, desto leichter fällt es mir, Menschen positiv zu beeinflussen. Ich habe Hunderte Privatgärten gemacht. Ich glaube, man kann den Leuten helfen, bestimmte Ängste zu überwinden. Das hört sich dreckig an, aber Gartenplanung ist ganz viel Psychologie. Man kann nicht immer mit der Hammerkeule kommen und alles rausreißen. Ein Garten ist auch Biografie. Vielleicht wurde eine Pflanze auf dem Mutterkuchen vom Kind gepflanzt. Dann hat die eine Bedeutung. Das gilt auch für diesen Ort. Wir haben an den Rändern Akzeptanzschnitt, damit es nicht schon von außen linksversifft aussieht. Und innen ist es wild und struppig. (lacht)

taz: Es reflektiert die Stadt, oder?

Lothar Zech: Ja. Der Boden hier ist komplett verdichtet und kontaminiert, Brückenfundamente, alte Bahnhof-Geschichte, da kann man kein Gemüse anbauen. Wir haben Recyclingschotter mit Sand gemischt, und da wachsen unsere eigenen Wildstauden, die nicht für den Verkauf bestimmt sind, am allerbesten. Für den Naturgarten mit Teich musste ich 450 Kubikmeter Erde bewegen. Dafür brauchte ich große Maschinen. Aber ich fand, das war kein Widerspruch, es passte zum Ort. Hier liegen auch überall Dachziegel, Totholz und alte Steine rum.

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taz: Für viele wäre das Müll. Für Sie ist es Lebensraum.

Lothar Zech: Ich brauche bei Material immer einen Bezug. Eine kleine Geschichte. Die Platten am Teich kommen aus einem Betonhaufen an der Rummelsburger Bucht. Am Platz der Luftbrücke haben wir alte Randsteine gefunden, die ausgebaut wurden und weg sollten. Das Totholz haben wir von einer alten Bio-Obstplantage aus Brandenburg.

taz: Also besteht der Garten aus Resten?

Lothar Zech: Ja. Und ich finde es schön, wenn Leute das nachmachen. Nicht eins zu eins. Aber dass sie anfangen, anders zu gucken. Da liegt ein alter Stamm? Super für Holzbienen. Die Dachziegel? Geben eine gute Käferburg ab. Viele sagen: Ich würde ja gern etwas tun. Dann sagen wir: Fang doch einfach an. In der Stadt zählt jeder Blumentopf.

Alle denken, Natur ist draußen. Dabei habe ich auf dem Land oft weniger Tiere gesehen als hier. Hier hast du Füchse, Wildbienen, Eidechsen

taz: Man merkt hier beim Blick so rundherum: Stadt und Natur sind kein Gegensatz.

Lothar Zech: Eben. Alle denken, Natur ist draußen. Dabei habe ich auf dem Land oft weniger Tiere gesehen als hier. Wenn du Gegenden hast mit intensiver Landwirtschaft, riesigen Feldern, keine Hecken – da ist wenig. Hier hast du Füchse, Wildbienen, Eidechsen. Wir haben eine Nachtigall, die macht Techno-Sounds.

taz: Techno-Sounds?

Lothar Zech: Ja. Die sitzt in einem Busch zwischen unseren Containern und macht ganz schnelle Beats. Berliner Nachtigallen werden sogar erforscht, weil sie mehr Songs können als andere. Wir haben eine Menge Clubs, Werkstätten, Proberäume und eine Wagenburg in der Nachbarschaft. Oder noch so ein Thema: die Berliner Igel. Ich habe gelesen, dass viele von denen nikotinabhängig sind, weil sie gerne Zigarettenstummel fressen. Wenn Leute sie dann im Winter in den Keller holen, sterben sie am kalten Entzug. Die Natur ist keine Idylle.

taz: Sie haben früher Designgärten gebaut. Was fehlte Ihnen?

Lothar Zech: Ich habe lange konventionelle Gärten gemacht. Auch krasse Architekturgärten, mit quadratischen Betonplatten, Bauhaus, alles gerade. Diese Gärten waren immer weiter weg von dem, was ich eigentlich wollte. Mich interessiert heute viel mehr, wie ein Garten lebt. Dass Tiere kommen. Dass Menschen bleiben. Garten ist für mich ein interessantes Miteinander. Man kann der Natur nicht einfach etwas aufdrücken.

taz: Woher kommt bei Ihnen eigentlich diese Begeisterung für Natur?

Dunja Zech: Ich komme eigentlich aus der Hotellerie. Als wir uns kennenlernten, sind wir viel mit dem Bus herumgefahren, bis nach Marokko und Griechenland, viel draußen, viel wandern. Und dann waren da die Pflanzen auf meinem Balkon.

Lothar Zech: Ich habe das ganz dezent gemacht. Jedes Mal, wenn ich vorbeikam, habe ich ihr Pflanzen mitgebracht.

Dunja Zech: Es war einfach schön, im Grünen zu sitzen. Es kühlt auch. Und dann merkt man plötzlich: Da kommen Insekten. Da passiert etwas.

Lothar Zech: Und dann kam Corona.

Dunja Zech: Mein damaliger Arbeitgeber hat mich gleich in Kurzarbeit geschickt, für ein ganzes Jahr. Nach und nach bin ich bei ihm eingestiegen. Wir waren in Heidelberg auf den Wochenmärkten und haben gemerkt, dass die Leute Beratung brauchen.

Lothar Zech: Dunja konnte das alles viel besser als ich. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der so schnell Pflanzennamen lernen kann. Und sie kann gut mit Leuten reden.

Dunja Zech: Ich bereue es nicht, dass ich diesen Schritt gegangen bin. Es war die beste Entscheidung von mir ever.

taz: Und wie sind Sie Gärtner geworden, Herr Zech?

Lothar Zech: Meine Eltern waren eher konservativ. Wir hatten nie einen eigenen Garten, weil mein Vater, der Anwalt war, damit nichts anfangen konnte. Wir sind viel raus in die Natur. Meine Eltern haben später erzählt, sie hätten mich bei Wanderungen einfach irgendwo am Wegrand abgesetzt, und ich habe dann kleine Landschaften gebaut, aus Wurzeln und Steinen und was da lag.

taz: Ihr Vater war Anwalt?

Lothar Zech: Ja. Und er hat nie richtig verstanden, was ich eigentlich wollte. Aber auf eine Art war er trotzdem ein Vorbild. Seine letzte Gerichtsverhandlung hatte er eine Woche vor seinem Tod. Das finde ich inspirierender, als sich mit Fünfzig eine Wampe anzufressen und den Wohlstand der Eltern aufzubrauchen.

taz: War das auch der Grund, noch einmal neu anzufangen?

Dunja Zech: Eigentlich hatten wir für eine Gärtnerei schon ein Grundstück im Rhein-Neckar-Kreis zugesagt bekommen.

Lothar Zech: Ich habe Berlin schon immer geliebt. Aber dann ging das mit dem ganz billigen Wohnen zu Ende und ich hatte das Gefühl, dass Berlin kaputt geht. Bis ich auf einmal eine kleine Einzimmerwohnung geerbt habe, 40 Quadratmeter, die niemand sonst aus der Familie haben wollte.

Dunja Zech: In dieser Wohnung wohnen wir heute noch. Hat viele Vorteile. Man muss nicht so viel putzen. (lacht)

Lothar Zech: Wegen dieser Wohnung sind wir dann immer öfter hergekommen. Und irgendwann saßen wir mal wieder in der Ankerklause am Landwehrkanal und Dunja hat mich gefragt: Warum machen wir nicht in Berlin irgendwas?

taz: Und dann?

Lothar Zech: Dann sind wir erst mal fast 3.000 Kilometer mit dem Roller durch Berlin gefahren und haben alle Brachen auf einer Karte markiert. Wir wussten damals nur: Es gibt in der Stadt viel zu wenig Wildstauden. Und wir wollten nicht irgendwo draußen sein, sondern mitten in der Stadt. Wir wollten ein bisschen dreist sein, haben eine Bewerbungsmappe gemacht, extra in A3. Dann konnten wir einfach in die Bezirksämter reinlaufen und sagen: Die passt nicht in den Briefkasten und auch nicht in den Mailkasten und überhaupt in gar keinen Kasten, wir würden gern mal den Bürgermeister sprechen. Und komischerweise hat das zu dreißig Prozent hingehauen. Manchmal hieß es: Vielleicht geht es in zwei Stunden, ich hole noch jemanden dazu. Dann saßen wir plötzlich vor lauter interessanten Leuten. Eine E-Mail nicht beantworten, das geht ruck, zuck. Jemandem ins Gesicht zu sagen: Nein, ich will dich da nicht haben – das ist schwieriger.

taz: Waren die Bezirke die richtigen Ansprechpartner?

Lothar Zech: Irgendwann haben wir kapiert: Berlin hat in der dümmsten Zeit die meisten Flächen verkloppt. Die Bezirke haben gar keine mehr.

taz: Wie haben Sie es trotzdem geschafft?

Lothar Zech: Ich bin seit 30 Jahren selbstständig. Da muss man sich immer wieder was einfallen lassen. Ich glaube, wenn man eine Vision hat und die wirklich verfolgt, dann geht viel mehr, als einem erzählt wird.

taz: Zunächst haben Sie einen Garten auf dem umstrittenen RAW-Gelände gemacht, wo zwischen Clubs, Ateliers und Brachen noch Berliner Restwildnis überlebt – zumindest, solange die nächsten Baupläne sie lassen. Den mussten Sie aber komplett wieder zurückbauen. Dann haben Sie für diese Fläche hier einen Mietvertrag mit der Bahn bekommen.

Dunja Zech: Innerhalb von einer Woche. Das gab es wohl noch nie.

taz: Sie sagen immer wieder: Der Ort soll den Leuten etwas Gutes tun. Gilt das auch für Kinder?

Lothar Zech: Wir hatten eine sogenannte Problemschule aus Wedding hier. Die Lehrerin kam an und sagte sinngemäß: Mit denen können Sie machen, was Sie wollen. Nach zwei Stunden stand sie da, hat Fotos gemacht und gute Noten verteilt, weil sie ihre Schüler noch nie so gesehen hatte. Da haben Mädchen aus fünf Kulturräumen um die Wette gebuddelt. Ein Junge war so schnell mit der Handsäge, dass ich ihm die ein bisschen stumpf gemacht habe, weil mir irgendwann keine Arbeit mehr für ihn eingefallen ist. Da merkst du, was so ein Ort kann.

taz: Spürt man als Gärtner mehr Verantwortung als andere?

Lothar Zech: Ich glaube, man müsste den Leuten noch viel mehr andrehen, um der Verantwortung gerecht zu werden. Die Natur ist ein großes Ganzes. Wenn mal ein Blümchen eingeht, steht da vielleicht ein Stängel, in den ein Tier seine Eier legt. Diese Sicht ist vielen verloren gegangen, aber ich glaube, sie ist reparierbar.

taz: Haben Sie Angst um den Ort?

Dunja Zech: Vergangenes Jahr haben wir hier sogar geheiratet. Was denken Sie denn? (lacht)

Lothar Zech: Das Verrückte ist: Wir haben nicht nur Angst vor dem Baubeginn. Wir haben auch Angst davor, dass das Bauprojekt scheitert. Würde der neue Bauabschnitt aus dem Verkehrswegeplan genommen werden, dann wäre die Bahn verpflichtet, das Grundstück den Immobilienspekulanten zu veräußern. Und dann entstehen hier Luxuswohnungen, Büros oder irgendwas anderes in der Art, was kein Mensch braucht.

Was hoffen Sie stattdessen?

Lothar Zech: Wir würden uns wünschen, dass die Stadt aufwacht. Und dass wir mit ganz vielen anderen kleinen Akteuren noch so viel Wirbel schaffen wie möglich. Dass unser Biotop schnell wächst und mit Libellen, Schmetterlingen und Fröschen vielleicht doch noch zum Hindernis wird, wenn auch nur zu einem kleinen. Aber manchmal reicht ja schon so eine winzige Störung, damit die Leute anfangen hinzugucken.

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