Bequeme Möbel: Ein Sofa für sich allein
Richtig erwachsen ist erst, wer sich Autos oder Eheringe kauft? Für unsere Autorin reicht ein Sitzmöbel, das sie bittet zu bleiben.
Letztes Jahr haben meine Freundinnen angefangen, große Dinge zu tun. Sie haben Kredite aufgenommen und Häuser ausgebaut. Sie haben sich für Parkettarten entschieden, Hochbeete angelegt, Autos gekauft, geheiratet, sich scheiden lassen, die Pille abgesetzt. So Dinge, die wir am Telefon Erwachsenendinge nennen.
Ich bin stolz auf sie alle, ich finde sie mutig. Und doch kam es mir ganz kurz so vor, als machte ich etwas falsch. Als sei das Leben eine Aschenbahn und ich auf halber Strecke orientierungslos stehen geblieben. Dann habe ich mich erinnert, dass die meisten Metaphern für das Leben völliger Quatsch sind. Und dass jede von uns ihre ganz eigenen Wünsche haben kann.
Ich habe von einem Sofa geträumt. Das klingt erst mal weniger erwachsen als eine Scheidung, aber wer sich zum ersten Mal ein eigenes Sofa kaufen will, lernt schnell, dass das kein leichtes Unterfangen ist. Die meisten Sofas sind nämlich hässlich, unbequem und exorbitant teuer. Die Auswahl ist viel zu groß.
Und außerdem muss man heutzutage erst einmal herausfinden, was man wirklich mag und was man bloß glaubt zu mögen, weil Dutzende Influencer*innen es mit einem Rabattcode bewerben.
Ein wenig bewundere ich Menschen, für die ein Ding nur ein Ding ist. Auf einem Sofa muss man eben sitzen können, und vielleicht schlafen. Manche Leute werfen gemusterte Tagesdecken über eine schon leicht durchgesessene Couch und leben dann einfach mit diesem Möbel. Leider kann ich das nicht.
Ich mag Funktionalität nur dann, wenn sie auch gut aussieht. Sieben Monate habe ich recherchiert, welches Sofa zu mir passt. Polsterhärte, Sitztiefe, Farbe, Lehnenhöhe, Materialzusammensetzung. Brauche ich waschbare Bezüge? Ein Schlafsofa? Modulare Sitzelemente? Wo ist der sweet spot zwischen zu billig und zu teuer? Ich habe Rezensionen gelesen, Stoffmuster verglichen und mit einem 3-D-Raumplanungstool Möbelgrößen visualisiert.
Dann habe ich alles aussortiert, was man vor dem Kauf nicht besichtigen kann, und bin einen Tag lang zum Probesitzen durch Berlin gefahren. Natürlich habe ich mich in das teuerste Modell verliebt. Ich habe meiner Mutter ein Foto aus dem Laden geschickt und sie hat geschrieben: „Darf ich raten, bestimmt sehr teuer, zwischen 1.000 und 2.000?“ Ich habe sie nicht korrigiert.
Das Sofa meiner Eltern ist aus schwarzem Leder. Ich kann es nicht ausstehen. Mama sagt, es sei italienisches Design. Auf dem Sofa gibt es ungeschriebene Gesetze, zum Beispiel sitzen meistens nur wir Frauen darauf. Man muss ein Kissen unterlegen, weil das Leder zu kühl ist, und wenn wir einen Film gucken, muss ich meine Beine ausstrecken, „streck doch aus“, befiehlt Mama, und ich lege meine Beine auf ihre. Es ist das erste Möbelstück, dass sie sich von ihrem eigens verdienten Geld in Deutschland gekauft hat.
Mein Sofa sieht ganz anders aus, aber es ist ebenfalls das erste Möbel, dass ich von meinem eigens verdienten Geld gekauft habe. Seit es da ist, verbringe ich weniger Zeit am Küchentisch und im Bett. Eigentlich dachte ich, wenn ich nur endlich ein Sofa hätte, würde ich Leute einladen, die sich auf das Sofa setzen können. Die Wahrheit ist aber, dass ich hier am liebsten allein bin. Ein neues Möbelstück macht keinen neuen Menschen.
Auf dem Sofa für mich allein schreibe ich im Schneidersitz mit dem Laptop im Schoß, ich lese ausgestreckt in der Diagonalen, ich rolle mich auf die Seite und gucke Nachrichten und „Grey’s Anatomy“. Manchmal nicke ich kurz ein, obwohl ich tagsüber gar nicht schlafen kann.
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
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Abends streiche ich den sandfarbenen Boucléstoff mit den Händen glatt, schüttele das Kissen auf und dann schließe ich die Tür zur Nacht. Ich frage mich, ob das eine temporäre Sorgsamkeit ist, so wie mit einem neuen Notizbuch, in das man erst ganz ordentlich schreibt, bis es alltäglich genug für Gekritzel geworden ist?
In den ersten Tagen nach der Lieferung habe ich mir vorgestellt, im Haus würde ein Brand ausbrechen. Ich habe mir schon oft ausgemalt, wie ich meine wertvollsten Sachen in eine Tasche stopfen und aus dem Fenster werfen würde, das Seidenjackett, meinen Lieblingspullover, den Laptop und so.
Bis vor Kurzem waren meine wertvollsten Dinge alle mobil, das hat gut zu meinem Leben gepasst. Aber ein Sofa ist zu groß, um es aus dem Fenster zu werfen. Ein Sofa stellst du hin und es sagt: Hier bleibe ich fürs erste, und du auch. Du bist hier jetzt zuhause. Erwachsenending eben.
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