Frühes WM-Aus der Türkei: Im Panikmodus
Mit hohen Erwartungen war die Türkei zum WM-Turnier gereist. Zwei höchst unwahrscheinliche Niederlagen hinterlassen eine Fußballnation ratlos.
Die Straßen von Neukölln und Kreuzberg sind am frühen Samstagmorgen weitgehend leer. Ein paar Clubgänger sitzen noch auf dem Bordstein, sind nicht bereit, die Nacht zu beenden, Jogger in engen Hosen stampfen sich warm, bevor die Sonne aufgeht. Verwirrte Türken stehen in kleinen Gruppen zusammen, mit leerem Blick; irgendwas zwischen Unglauben und Ernüchterung, versuchen zu begreifen, dass alles vorbei ist, suchen den Heimweg oder einen Stein, unter dem sie sich verkriechen können – ein Anti-Autokorso. Die Türkei ist gerade aus der Weltmeisterschaft ausgeschieden.
Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.
Die Erwartungen an die türkische Nationalmannschaft waren riesig bei ihrer ersten WM-Teilnahme seit 24 Jahren. Für eine ganze Generation, die die Türkei nie bei einer WM erlebt hat, könnte sie kaum größer sein. Experten fordern die sofortige Entlassung des Trainers; manche, die an türkische Politik gewöhnt sind, wären vermutlich sogar zufrieden, wenn jemand verhaftet würde.
Einige Nationalspieler, sogar der italienische Trainer Vincenzo Montella und der Präsident des türkischen Fußballverbands, sprechen von Pech. Würde die Türkei hundert Spiele spielen, würde so etwas nie wieder passieren, sagte der Verbandschef nach der Niederlage gegen Australien. Doch gegen Paraguay passierte es erneut. Wenn überhaupt jemand Pech hatte, dann Paraguay, das die halbe Partie in Unterzahl bestreiten musste, nachdem Almirón als erster Spieler der Geschichte vom Platz verwiesen wurde, weil er beim Sprechen die Hand vor den Mund gehalten hatte – eine neue Regel der Fifa.
Die Bilanz der Türkei nach zwei Spielen lautet: 62 Schüsse, über 70 Prozent Ballbesitz, null Tore. Die Gegner dagegen erzielten drei Treffer mit insgesamt sechs Schüssen aufs Tor. Vielleicht ist das kein Pech, sondern Unfähigkeit. Die türkische Nationalmannschaft, angeführt von Spielern wie Real Madrids Arda Güler und Juventus’ Kenan Yıldız, galt als goldene Generation und als Favorit in einer Gruppe mit den historisch eher unbedeutenden Teams aus Australien, Paraguay und Gastgeber USA. Manche sprachen von der Türkei sogar als Geheimfavorit des Turniers.
Erinnerung an 2002
Als Präsident Erdoğan vor Turnierbeginn eine zweiminütige Videobotschaft aufzeichnete – möglicherweise die schlechteste Motivationsrede aller Zeiten –, sprach er vom Halbfinaleinzug 2002. Eigentlich sprach er nicht nur zur Mannschaft, sondern zum ganzen Land, wie Präsidenten das eben tun. Indem er an den Sommer 2002 erinnerte – der letzte Sommer vor seinem Machtantritt –, griff er die Erwartungen einer ganzen Nation auf. Und auch wenn sein mürrischer Blick und seine unbewegten Augen alles wie eine Drohung wirken lassen, drohte er niemandem, als er sagte: „Möge jeder eurer Schüsse ein Tor sein.“ Bisher steht die Bilanz bei 0 von 62.
Es ist eigentlich verrückt, wie hoch die Erwartungen waren, wenn man bedenkt, dass dies erst die dritte WM-Teilnahme der Türkei überhaupt ist. Zum Vergleich: Deutschland hat häufiger ein WM-Finale verloren, als die Türkei sich für eine Weltmeisterschaft qualifiziert hat.
Eine Mannschaft wie die Türkei lebt davon, Außenseiter zu sein. Wie bei vielen Staaten mit einem gewissen Minderwertigkeitskomplex beruht auch der Gründungsmythos der modernen Türkei auf dem Kampf gegen die ganze Welt und alle Widerstände. Dass die Ausgangslage diesmal scheinbar zugunsten der Türkei sprach, führte zu Fehleinschätzungen und vor allem zu Panik, sobald die Dinge nicht nach Plan liefen. Und Panik führt zu schwachen Leistungen.
Der Traum war, dass dieses Turnier an die WM 2002 erinnern würde. Tatsächlich ähnelt es bislang eher der EM 2020, bei der die Türkei mit null Punkten aus der Gruppenphase ausschied. Sollte gegen die USA auch im letzten Spiel kein Tor gelingen, würde dieses Ergebnis sogar noch unterboten. Und doch sagt mir etwas, dass gerade jetzt, wo die USA den Gruppensieg bereits sicher haben und die Türkei den letzten Platz, keine Erwartungen mehr übrig sind. Vielleicht zeigt die Türkei dann endlich einen kurzen Blick auf das, was hätte sein können.
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