11 Highlights dieser Fußball-WM: Fifa-Chef für fünf Minuten, Ruderer und seltsame Zeichen
Die größte Fußball-WM aller Zeiten bietet schon nach gut einer Woche ein Übermaß an Geschichten. Die taz präsentiert elf ganz besondere Begebenheiten.
Norwegische Ruderer
Was für ein tolles Bild! Diese rudernden norwegischen Fans auf den WM-Tribünen. Gerudert wird im Fußball eher selten. Trainer und Funktionäre, so kann man es in der Sportpresse nachlesen, rudern zuweilen zurück. Bei den norwegischen Fans geht es gewiss nur nach vorne! Das Team hat beim offiziellen Mannschaftsfoto mit einer Hommage auf die Wikingerkultur angefangen. Die Fans machen sich nun ihren Spaß daraus. Nicht nur im Stadion, gerudert wird auch auf dem Weg dahin, auf der Rolltreppe etwa. Weiter so! Weil das eine animierende Wirkung hat, haben die Abgeordneten im norwegischen Parlament während einer Sitzung gleich mal eine kurze Rudereinheit eingelegt.
Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.
Die Glaubensfrage
Es war etwas anders bei der Zeremonie vor dem Spiel von Saudi-Arabien gegen Uruguay. Die riesigen Flaggen, die sonst auf das Spielfeld gelegt werden, bevor die Hymnen gespielt werden, wurden von Volunteers in die Höhe gehalten. Verantwortlich dafür sind religiöse Regeln des Islam. Auf der Fahne Saudi-Arabiens ist die Schahada, das muslimische Glaubensbekenntnis, aufgebracht. Das darf auf keinen Fall den Boden berühren. So will es die Regel. Was wohl geschähe, wenn man das grüne Tuch einfach auf das Feld legen würde? Beantwortet man diese Frage mit gesundem Menschenverstand und ohne Gottesfurcht, kann es nur eine Antwort geben: nichts.
Nervöses Fingerzucken
Die WM bietet reichlich Raum für große Gesten – und das schon vor dem Anpfiff. Nicht mehr 11, sondern gleich alle 26 Akteure laufen pompös ein. Überdimensionale Flaggen werden ausgerollt. Amerika halt. Vor dem deutschen Spiel sorgte indes nicht die Inszenierung, sondern der Blick in den Videokeller für Gesprächsstoff. Der australische Schiedsrichter Shaun Evans formte mit dem Daumen und Zeigefinger einen Kreis und streckte die übrigen Finger aus – für manche der berüchtigte „White-Power“-Gruß. Evans widersprach: ein unbewusstes, nervöses Fingerzucken. Er habe die Bewegung im Laufe der Partie mehrfach wiederholt, während er einen Stift zwischen den Fingern hielt. Bleibt nur eine Frage: Wozu braucht man im Videokeller eigentlich einen Stift?
Der Außerirdische
Einem Lionel Messi gibt man keine rote Karte. Schon gar nicht in der 31. Minute des Auftaktspiels von Argentinien bei einem WM-Turnier. Und wenn er seinem Gegenspieler mit offener Sohle in die Achillessehne tritt, ohne die Chance zu haben, an den Ball zu kommen? Auch dann nicht. Aber gibt es dafür nicht eigentlich zwingend eine Rote Karte? Ja, aber eben nicht für Messi. Und müsste das nicht der VAR sehen, wenn es der Feldschiedsrichter schon nicht ahndet? Noch einmal: Es geht um Lionel Messi. Der Superstar ist längst zu groß für einen Platzverweis. Wer soll darüber entscheiden? Ein gemeiner Feldschiedsrichter? Ein schlichter Videoreferee? Nein, das geht nun wirklich nicht.
Behandlung im Flugzeug
„So behandelt man keine Sportler, wenn man von einem fairen Wettbewerb sprechen will“, sagt der Portugiese Paulo Alexandre Araujo. Der Physiotherapeut gehört der iranischen WM-Delegation an. „Wenn Spieler zwei oder drei Stunden am Flughafen warten müssen und bei ihrer Ankunft von Männern mit Maschinengewehren und Ähnlichem umgeben sind, dann sind sie das nicht gewohnt“, erklärt Araujo der New York Times bemerkenswert lakonisch. Das iranische Team musste sofort nach dem Auftakt gegen Neuseeland (2:2) nach Mexiko zurückreisen, weil ein längerer Aufenthalt von der USA verwehrt wurde. Araujo berichtet, er habe Spieler erst im Flugzeug behandeln können, nicht in der Kabine.
Die Abseitspanne
Die Fifa hat alles richtig gemacht. Natürlich. Die Fifa macht nichts falsch. Sie hat keine Abseitsstellung übersehen im Spiel der Schweiz gegen Katar. Da können sich alle, die das Spiel gesehen haben, noch so sicher sein, dass Remo Freuler im Abseits war, als sein Kollege ihm den Ball zugeköpft hat. Es habe also alles seine Richtigkeit mit dem Elfmeter, den es gab, nachdem der katarische Keeper den Schweizer unmittelbar danach gefoult hatte. Sagt die Fifa. Nur belegen kann sie es nicht. Es habe technische Probleme bei der 3D-Bildgebung gegeben. Aber nur in diesem einen Moment. Davor und danach sei alles in Ordnung gewesen. Wer’s glaubt.
Der Kurzzeitpräsident
So richtig will sich einem klassischen Boomerfan nicht erschließen, was ein junger Mann namens Darren Watkins Jr., der sich IShowSpeed nennt, beruflich macht. Er ist Streamer und hat über 55 Millionen Abonnenten auf Youtube. Irgendwas mit Gaming, oder so. Zurzeit ist er in den WM-Stadien unterwegs und lässt sich dabei filmen, wie er von der Tribüne aus irgendwas sagt. Bilder vom Spiel sind dabei nicht zu sehen. Das schauen sich dann 9 Millionen Leute an. Gianni Infantino hat das auch mitbekommen und dem Streamer sogar angeboten, mal fünf Minuten als Fifa-Präsident zu amtieren. Was IShowSpeed wohl daraus machen wird? Egal. Schlimmer kann es ja nicht werden.
Eine WM-Drohne
Es sollte ein Training unter Ausschluss der Öffentlichkeit werden. Südkorea bereitete sich auf das zweite Testspiel gegen Gastgeber Mexiko vor. Standards einstudieren, letzte taktische Feinheiten abstimmen. All die Dinge eben, die bei einem Geheimtraining niemanden außerhalb des Teams etwas angehen. Doch dann bekam die Einheit unerwarteten Besuch. Während die Mannschaft um Superstar Heung-min Son ihre Übungen absolvierte, tauchte plötzlich eine Drohne über dem Trainingsgelände auf. Der Verdacht: Spionage aus der Luft. Ein mexikanischer Militärangehöriger, der im Basiscamp für die Drohnenabwehr zuständig ist, intervenierte mit einem präzisen Distanzschuss. Zu spät vielleicht? Zwei Tage später gewann Mexiko mit 1:0 gegen Südkorea.
Der abgelaufene Reisepass
Auch die schönsten Geschichten haben einen Haken. Und diese hier war besonders schön: Außenseiter Kap Verde trotzt Europameister Spanien ein 0:0 ab. Die „La Roja“ rannten an, doch Torhüter Vozinha war nicht zu bezwingen. Der Haken: Seine Mutter konnte das Spiel nicht sehen, ihr Reisepass war abgelaufen. Nun soll sie doch ein Visum für die USA erhalten. Für die meisten Menschen aus Kap Verde bleibt eine Reise dorthin ein Traum. Das Land gehört zu den Staaten, deren Bürger*innen für ein US-Visum eine Kaution von bis zu 15.000 Dollar hinterlegen müssen. Wer das Geld nicht hat, bleibt draußen – ganz gleich, wie schön die Geschichte ist.
Auf dem Kriegsfuß
Diese Weltmeisterschaft hat denkbar schlecht für die Türkei begonnen. Gemeint ist nicht die unerwartete Auftaktniederlage gegen Australien (0:2). Kurz davor schon hatte das Team die Kontrolle verloren. Als Propagandawerkzeug wurde das Team vom türkischen Fußballverband (TFF) an den Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan verkauft. Denn ein vom TFF veröffentlichtes Werbevideo zeigt neben Szenen aus dem Fußballstadion Aufnahmen von Kampfflugzeugen, Marineschiffen und einer Drohnenfirma. Erdoğan selbst wird auch ins Bild gerückt auf einer Militärparade. Die Türkei steht scheinbar mit dem Fußball auf dem Kriegsfuß.
Medienboykott
Kein Spieler wird in Südkorea so verehrt wie der Kapitän Heung-min Son. Dass sich zwei südkoreanische TV-Journalisten darüber belustigten, dass der Ausnahmespieler vom Militärdienst dank einer Ausnahmeregelung weitestgehend befreit wurde, konnte deshalb nur mit einem Medienboykott des Teams für alle Journalisten beantwortet werden. Heung-min-Son-Lästerung geht gar nicht. Eigentlich müsste das mit zwei Jahren Militärdienst bestraft werden – mindestens!
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