Nach dem frühen WM-Aus der Türkei: Paraguay, ich küsse eure Hände
Die Türkei ist bei der WM früh gescheitert – an Paraguay. Den Deutschen ist es auch nicht besser ergangen. Eine Liebeserklärung an Fußballverhinderer.
D ie Weltmeisterschaft war für die Türkei ein einziges Desaster. Der 20. Juni fühlt sich inzwischen an, als läge er Jahre zurück: Als die ganze Stadt noch schlief, verlor die Türkei 0:1 gegen Paraguay und schied als zweites Team nach Haiti aus.
In der Türkei dürfte die Enttäuschung inzwischen längst vom gewohnt turbulenten Nachrichtenzyklus verschluckt worden sein: etwa vom Nato-Gipfel oder vielmehr den Festnahmen, die ihm vorausgingen. Für mich war das Ausscheiden etwas komplizierter.
Nach dem Aus der Türkei lief ich – auch wegen der schlaflosen Nacht – einen halben Tag lang mit einem Loch in der Brust herum. Bis mir etwas einfiel: Ich bin ja inzwischen auch deutscher Staatsbürger. Warum versuche ich ausnahmsweise nicht Deutschland zu unterstützen? Doch dann scheiterte auch Deutschland am selben Gegner. Was für ein Glück!
Gegen die Türkei spielte Paraguay nach einer roten Karte eine ganze Halbzeit lang in Unterzahl. Dem Präsidenten Paraguays fehlte der nötige Einfluss, um mit Fifa-Präsident Gianni Infantino zu verhandeln, ob die Sperrung aufgehoben werden könnte. Gegen Deutschland ließen sie kaum eine echte Torchance zu und wurden zur ersten Mannschaft seit einem halben Jahrhundert, die die Deutschen in einem Elfmeterschießen bezwang. Für Fans könnte folgendes türkisches Sprichwort gelten: Die Hand, die man nicht biegen kann, muss man küssen.
Bloß nicht der letzte Loser sein
Zufälligerweise bin ich im Viertelfinale zwischen Paraguay und Frankreich in einer Bar in einer Kleinstadt in der Bretagne. Nicht eine französische Flagge ist zu sehen, und das Spiel scheint hier niemanden allzu sehr zu interessieren. Vielleicht war man sich einfach sicher, dass Frankreich Paraguay ohne größere Mühe schlagen würde. Dabei ist Paraguay alles andere als leicht besiegbar.
Allen Widrigkeiten zum Trotz bin ich, während alle anderen zu Frankreich halten, insgeheim für Paraguay. Das ist gar kein ungewöhnliches Gefühl. Manchmal möchte man einfach sehen, wie ein Team, das die eigene Mannschaft rausgeworfen hat, komplett auseinandergenommen wird. Und in anderen Momenten wünscht man sich, dass derselbe Gegner möglichst weit kommt – einfach damit man sich weniger wie der größte Loser fühlt. Am Ende scheidet Paraguay aber aus. Doch Frankreich braucht einen Elfmeter in der 70. Minute, um überhaupt den Weg zum Tor zu finden.
Nach dem Spiel überschlugen sich die TV-Experten. Paraguay habe mit seinen „dark arts“ den Fußball zerstört, ihre Vorstellung sei eine Schande gewesen. Der frühere französische Stürmer Thierry Henry, bringt diese Haltung mit einem Satz auf den Punkt: „Am Ende hat der Fußball gewonnen.“ War das, was Paraguay zeigte, kein Fußball?
Paraguays einzige realistische Chance bestand darin, dem Spiel jeden Rhythmus zu nehmen. Die Türkei im EM-Achtelfinale 2024 gegen Österreich in den letzten 30 Minuten hat doch eine ähnliche Spielweise gezeigt. Oder Galatasaray in der letzten Saison in der Champions League gegen Liverpool. Klar, man kann einzelne Aktionen rauspicken und zeigen, wie hässlich das alles ist.
Schwalben, minutenlanges Liegenbleiben, Fouls abseits des Balles, sogar das Bearbeiten des Elfmeterpunkts. Seit wann ist der Außenseiter verpflichtet, den Favoriten – das mit 1,5 Milliarden Dollar teuerste Team aller Zeiten – mit schönem Fußball zu besiegen? Paraguay hat verloren, und trotzdem so viel Hass. Am Ende bleibt mir nur Respekt. Paraguay, ich küsse eure Hände.
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