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Friedensverhandlungen für die UkraineTheater und Realität

Dominic Johnson

Kommentar von

Dominic Johnson

Während die Ukraine und Russland in Abu Dhabi verhandelten, eskalierte Russland seine Angriffe. Die USA sagen dazu nichts, Europa tut dagegen nichts.

Eine ukrainische Familie sucht in einer U-Bahn-Station Schutz vor den russischen Angriffen Foto: ap/dpa

W er glaubt, Russlands Krieg zur Vernichtung der Ukraine ließe sich am Verhandlungstisch beenden, dessen Herzen dürften in den vergangenen Tagen höher geschlagen haben. Zwei Tage lang saßen sich in Abu Dhabi russische und ukrainische Unterhändler gegenüber – zusammengebracht von den USA. „Konstruktiv“ seien die Gespräche gewesen, heißt es, in einer Woche soll es weitergehen. Steht also endlich Frieden vor der Tür?

Drei Gründe gibt es, daran sehr stark zu zweifeln. Erstens: Zugeständnisse werden einzig von der ukrainischen Seite verlangt, und zwar solche, die keine Regierung politisch überleben würde, etwa die freiwillige Übergabe auch solcher Gebiete, die die Ukraine bis heute gegen Russland unter großen Opfern erfolgreich verteidigt und wo sich mehrere große Städte samt ihrer Bewohner befinden. Zweitens: Russland zeigt überhaupt kein Friedensinteresse, es macht keinerlei eigene Zugeständnisse, beharrt auf seinen Maximalforderungen und eskaliert seine Angriffe noch während der Gespräche. Drittens: die USA sind kein ehrlicher Makler, jedenfalls nicht unter ihrem aktuellen Präsidenten.

Die Ukraine macht bei diesem Theater nur mit, um nicht vollends die Unterstützung der USA zu verlieren. Und Russland zerstört weiter systematisch die Energieinfrastruktur der Ukraine. Millionen von Menschen erleiden jetzt ihren schlimmsten Kriegswinter, ausgebombt und von Strom und Wasser abgeschnitten bei Minustemperaturen. Es ist die größte humanitäre Katastrophe in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Das ist die Realität. Nicht dieser „Friedensprozess“.

Russland beruft sich jetzt auf bestehende angebliche Vereinbarungen mit den USA und sagt, Europa sei kein Gesprächspartner. Die US-Seite widerspricht dem nicht, sie hat kein Konzept. Ebenso wenig Europa, das viel von der Zukunft spricht, aber in der Gegenwart faktisch die Hände in den Schoß legt. Es kann sehr einsam sein in Kyjiw im Bombenwinter. Mitten in Europa – und doch, wenn es darauf ankommt, unsichtbar.

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Dominic Johnson
Ressortleiter Ausland
Seit 2011 Co-Leiter des taz-Auslandsressorts und seit 1990 Afrikaredakteur der taz.
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20 Kommentare

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  • Wir haben gute Gespräche geführt.



    Wir sind ein gutes Stück vorangekommen.



    Wir haben hart verhandelt.



    Solche oder ähnliche Sätze höre bzw. lese ich nun schon seit Monaten. Und dem Frieden sind wir noch kein Stück näher gekommen. Warum nicht? Ganz einfach! Weil Putin keinen Frieden will. Er will nicht nur die Oblasten im Osten - die nach entsprechender Verfassungsänderung Teil Russlands sind - er will die ganze Urkaine.



    Eine Lösung sehe ich nicht. Vielleicht kann Putin mit seiner maroden Wirtschaft nur noch eine begrenzte Anzahl von Jahren durchhalten. Vielleicht auch nicht.

  • Verhandlungen werden scheitern weil für Russland alles außer der de facto Vernichtung ukrainischer Staatlichkeit eine Niederlage ist. Russland kann sich inzwischen einen Frieden gar nicht mehr leisten, die Kriegsindustrie hat sich zu sehr durch die gesamte Wirtschaft gefressen.

    • @Machiavelli:

      Erschwerend hinzu kommt der Umstand, dass die vier ukrainischen Oblaste ja gemäß russischer Verfassung Russland sind. Das bedeutet, alles, was unter einer Anerkennung dieser vier Oblaste ja bedeuten würde, Russland müsste Territorium abtreten. Nach russischer Lesart.



      Spätestens damit hat Putin jegliche Chance auf einen "gesichtswahrenden Rückzug" verspielt.



      Es ist offensichtlich, dass Russland weder ernsthaft verhandlungs- noch friedenswillig und -fähig ist.

      • @Katharina Reichenhall:

        Putin ist skrupellos, aber nicht doof. Genau deswegen hat er ja bei der "Annektion" von Cherson und Saporidscha keine Grenzen festlegen lassen in der russischen Verfassung. Er könnte also jetzt schon behaupten, dass das Ziel dort erreicht sein. Anders sieht es bei Luhansk und Donezk aus. Da sind die Grenzen leider festgelegt, weil die der "Volksrepubliken" übernommen wurden. Es ist also kein Zufall, dass der Kreml sich bei Cherson und Saporidscha flexibel zeigt, aber beim Donbass nicht.

        • @Alexander Schulz:

          Das ist falsch Putin beansprucht die gesamten Oblaste in ihren derzeitigen Grenzen und hat schon Schulbücher entsprechend drucken lassen und offizielle Karten zeichnen das auch so aus.

  • Und immernoch: wenn man sagt, dass am Verhandlungstisch kein Frieden möglich ist, dann soll man bitteschön auch sagen, was stattdessen den Frieden bringen soll. Und nein, ein paar mehr Waffenlieferungen werden die Wende nicht bringen.

    Europa hat doch auch keinen Plan.



    Unsere Regierungen reden davon einen Frieden, der nicht existiert, auf Arten abzusichern, die für Russland so inakzeptabel sind, dass es nie zu einem Frieden kommen kann.



    Das ist ja wohl das größere Theater.



    Keine europäische Regierung hat seit knapp 4 Jahren Krieg irgendetwas ernsthaftes unternommen, um einem Kriegsende näher zu kommen.



    Das ist ein Armutszeugnis.

    • @TeeTS:

      Dominic Johnson schreibt: "Russland will keinen Frieden, es sei denn er ist ein Sieg. Und es bombt munter weiter." Was Sie schreiben, widerspricht dem nicht, denn "Bedingungen, die für Russland AKZEPTABEL wären", meint doch inhaltlich nichts anderes als die Erreichung seiner wesentlichen Kriegsziele, also den Sieg. Und dass Russland munter weiterbombt, scheint ja für Putinversteher längst akzepables Diskussionverhalten zu sein...

      In einem Punkt haben Sie freilich Recht: Russland hat EIGENTLICH nie einen Hehl daraus gemacht, dass es unter "Verhandlungen" versteht, dass die andere Seite einknickt und ihm mindestens das gibt, was es auch auf dem Schlachtfeld erreichen kann. Insofern kann man ihm den Vorwurf des "Theaterspielens" nur bedingt machen, wenn es jetzt genau so diese "Verhandlungen" führt. Es ist halt nur eine SEHR kreative Verwendung des Begriffs "Verhandlungen", die wohl in erster Linie dazu dienen soll, für Donald Trump etwas auf die Bühne zu zaubern, von dem er sich einreden kann, es sei (s)ein Erfolg. Da stimmt dann "Theater" wieder...

    • @TeeTS:

      Natürlich wird das Ende am Verhandlungstisch entschieden, das wäre ja selbst bei einem (unwahrscheinlichen) ukrainischen Sieg so. Auch Deutschlands beide Kapitulationen wurden am Verhandlungstisch besiegelt.

      "Unsere Regierungen reden davon einen Frieden, der nicht existiert, auf Arten abzusichern, die für Russland so inakzeptabel sind, dass es nie zu einem Frieden kommen kann."



      Und Russland redet von einem "Frieden" er nicht existiert, auf Arten abzusichern, die für die Ukraine (und wahrscheinlich auch min. für Osteuropa) so inakzeptabel sind, dass es nie zu einem Frieden kommen kann. Das ist doch nicht schwer zu verstehen.

      Mal abgesehen davon...ist es wirklich so unfair und unmenschlich von Russland zu verlangen, dass es vom Rauben und morden ablässt?

      "Keine europäische Regierung hat seit knapp 4 Jahren Krieg irgendetwas ernsthaftes unternommen, um einem Kriegsende näher zu kommen. Das ist ein Armutszeugnis." Die Versuche gab es aber leider sind alle europäischen Staaten zu schwach dazu, Russland zu Frieden zu bewegen. Das kann man als Armutszeugnis sehen aber letztlich ist diese Schwäche genau das, was alle deutschen Parteien und auch die Mehrheit der Deutschen wollten...

      • @Chris McZott:

        "Auch Deutschlands beide Kapitulationen wurden am Verhandlungstisch besiegelt."



        Das ist falsch.

        Dönitz wollte verhandeln. Ebenso Göbbels. Aber auf der Gegenseite niemand. Denn alles was man von Deutschland wollte wäre innerhalb einiger Wochen auch anderweitig durchgesetzt worden.

        Ähnlich war die Situation 1918, nur mit längerem Zeithorizont. Wobei das entsprechende Dokument Waffenstillstand hieß und nicht Kapitulation. Auch wenn es faktisch Letzteres war.



        Also gar nicht so weit weg von dem was Putin vorschwebt. Foch hatte allerdings ein berechtigteres Anliegen und keinen Völkermord im Sinn.

        • @metalhead86:

          "Also gar nicht so weit weg von dem was Putin vorschwebt."

          Richtig. Alles eine Frage der Definition von Verhandlung.

          Es gab 1945 eine alliierte Forderung nach einer bedingungslosen Kapitulation (als ultimative Verhandlungsposition) und die deutsche Seite hat sich für deren Annahme entschieden und gegen die Alternative einer Fortführung de Krieges in Form eines Partisanenkrieges. Es war eine kurze Verhandlung...

    • @TeeTS:

      "...einen Frieden, der nicht existiert, auf Arten abzusichern, die für Russland so inakzeptabel sind..."



      Solange Russland allerdings Dinge als inakzeptabel erklärt, die nicht seinen Maximalzielen entsprechen, wird sich daran auch nichts ändern.



      Und da liegt das Armutszeugnis.

  • Wo bleiben die „Realisten“ hier im Forum ,die Russland ein wenig kritisieren, aber dann anmerken, dass man doch die Realitäten auf dem Schlachtfeld anerkennen müsse und nur Dialog zu einem Ende des Krieges führen kann.



    Real ist, dass Russland nur eines will, nämlich die Ukraine zerstören und die Zivilisten töten.



    Das einzige was tatsächlich hilft, wäre Druck, wirtschaftlich wie militärisch, auf Russland auszuüben. Die USA hätten die Mittel und Möglichkeiten, Trump will es aber nicht, weil er Autokraten bewundert und zwischen Selenskyi und Putin nichtmal unterscheidet ist in Opfer und Aggressor.

    • @DocSnyder:

      Alles auf „Russland will nur zerstören und töten“ zu verkürzen, ist moralisch verständlich, politisch aber analytisch schwach. Ja, Russland ist der Aggressor und begeht massive Verbrechen – aber Kriege werden nicht aus Mordlust geführt, sondern aus Macht-, Sicherheits- und innenpolitischen Motiven. Wer das ignoriert, versteht weder den Konflikt noch mögliche Auswege.

      Der Ruf nach maximalem wirtschaftlichem und militärischem Druck klingt entschlossen, ersetzt aber keine Strategie. Sanktionen und Waffen haben Russland bisher nicht zum Einlenken gezwungen, sondern den Krieg verlängert und die Eskalationsrisiken erhöht. Historisch endet kein Krieg allein durch Bestrafung, sondern durch Verhandlungen, wenn beide Seiten Kosten und Nutzen neu bewerten.

      Dialog ist kein Geschenk an Putin, sondern ein Instrument zur Schadensbegrenzung. Wer ihn verteufelt, akzeptiert implizit einen endlosen Abnutzungskrieg auf ukrainischem Boden. Moralische Klarheit ist wichtig – sie entbindet aber nicht von der Pflicht, realistisch über Wege zum Kriegsende nachzudenken.

  • Leider stimmt das alles. Putin lacht sich schlapp wenn er die USA und Europa sieht. Vermutlich ärgert er sich, dass er nicht gleich das Baltikum noch vor der Ukraine überfallen hat, niemand hätte den baltischen Staaten geholfen.

    Hauptsache die Taurus werden nicht geliefert. Und auch sonst nur das allernötigste. Bloß Putin nicht zu sehr ärgern.

    Es ist zum heulen.

  • "Drittens: die USA sind kein ehrlicher Makler, jedenfalls nicht unter ihrem aktuellen Präsidenten."

    Der Irrglaube, die USA wären nach Trump wieder das Leuchtfeuer der Demokratie, löst genau die Shockstarre der Gegenwart aus, die sich in der aktuellen politischen Lage manifestiert.

  • Zitat: - "Die USA sind kein ehrlicher Makler."

    Das sind sie gewiss nicht, wenn man unter einem ehrlichen Makler eine Instanz versteht, die frei von kurzfristigen Eigeninteressen ist.

    Aber immerhin sind die USA momentan die einzige Größe, die einen Hebel auf beide Konfliktparteien hat und die irgendetwas erreichen könnte. Wer käme denn sonst als ein "ehrlicher Makler" in Frage? WER? Und WIE? Diese Fragen sollte beantwortet werden können, bevor man die amerikanische Vorgehensweise gänzlich verwirft.

  • Europa wird unsichtbar. Haben wir zuviel Tarnkappenbomber gekauft? Jedenfalls nix mehr zu sehn von EU weit und breit. Selbst ihr 25 Jahre lang verhandeltes und stolz unterzeichnetes Handelsabkommen durch antieuropäische Grüne torpediert.



    Amerika MAGA, äh MEGADOOF, EU mager.



    Wir brauchen einen EU-Turbo: 3fach-MESA !!!



    MESA - Make Europe sustainable again



    MESA - Make Europe sound again



    MESA - Make Europe stable again

  • Es ist eine Schande, dass Europa seine Wirtschaftsmacht nicht nützt, um die UkrainerInnen vor dem russischen Terror zu schützen. 🤮

    • @Gerald Stolten:

      Die Behauptung ignoriert eine zentrale Realität: Europas Wirtschaftsmacht ist demokratisch gebunden. Unterstützung für die Ukraine ist kein Selbstzweck, sondern muss von den eigenen Bevölkerungen getragen werden – und genau diese Unterstützung bröckelt sichtbar. Steigende Lebenshaltungskosten, Energiepreise, Haushaltskürzungen und soziale Spannungen haben die Akzeptanz für einen offenen wirtschaftlichen Dauerkonflikt massiv reduziert.

      Politik kann ihre Bevölkerung nicht dauerhaft gegen deren eigene Wahrnehmung von Belastung mobilisieren, ohne demokratische Legitimität zu verlieren. Wer so tut, als ließe sich Europas Wirtschaft „einfach einsetzen“, blendet aus, dass Sanktionen und Umsteuerungen realen Wohlstandsverlust bedeuten – und damit politische Instabilität erzeugen.

      Ein Europa, das seine eigene soziale und politische Stabilität untergräbt, hilft der Ukraine langfristig nicht. Nachhaltige Unterstützung setzt Zustimmung voraus, nicht moralische Beschimpfung der eigenen Gesellschaften.

    • @Gerald Stolten:

      "Es ist eine Schande, dass Europa seine Wirtschaftsmacht nicht nützt"



      Das stimmt so natürlich auch nicht. Ohne Europa wäre die Ukraine in einem deutlich anderen Status.



      Ob es genug ist, darüber kann man diskutieren. Aber zu behaupten, es käme gar nichts, ist schlicht nicht wahr.