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Fotograf über queere Söhne und Väter„Sollen wir uns umarmen?“

Der Berliner Fotograf Rainer Christian Kurzeder porträtiert queere Söhne und ihre Väter. Ein Gespräch über Intimität unter Männern und diese Stille.

Samuel (links) und Rainer an dem Strand an der Elbe in Brokdorf, wo beide in der Kindheit von Samuel viel Zeit verbrachten Foto: Rainer Christian Kurzeder

taz: Herr Kurzeder, Sie beschäftigen sich in einer Porträtserie mit dem Verhältnis von Vätern zu ihren queeren Söhnen. Wie kamen Sie darauf?

Kurzeder: Ausgangspunkt für die Fotoarbeit war meine eigene Unsicherheit im Verhältnis zu meinem Vater. Ich habe mich lange gefragt: Haben wir eigentlich ein gutes Verhältnis oder ist es eher ambivalent? Irgendwann dachte ich: Vielleicht kann ich mich dieser Beziehung noch einmal über ein Kunstprojekt annähern.

taz: Was meinen Sie mit ambivalent?

Kurzeder: Bei mir war es eigentlich ganz typisch: Ich habe mich irgendwann als junger Mensch als schwul geoutet und danach nie wieder mit meinem Vater über Sexualität oder über das Thema Männlichkeit gesprochen. Auch nicht über seine Erwartungen an mich als Sohn oder umgekehrt über meine Erwartungen an ihn als Vater. Diese Stille, dieses Nichtsprechen über die Beziehung habe ich nicht nur bei mir beobachtet, sondern auch bei Freunden. Das war letztlich die Initialzündung für die Fotoarbeit.

taz: Welche Erfahrungen haben Sie im Laufe des Projektes gemacht?

Kurzeder: Das Spannendste für mich waren die Gespräche. Du kommst den Menschen dabei sehr nahe, obwohl du eigentlich ein Fremder bist. Ich bin durch Deutschland, nach Österreich und in die Schweiz gereist und habe mich lange mit den Menschen unterhalten. In einem Fall war der Sohn trans. Dadurch haben sich natürlich auch Fragen nach Vaterrolle und Männlichkeit noch einmal ganz anders gestellt. Wir saßen Stunden am Küchentisch und haben uns über diese sehr intime Entwicklung und die Transition unterhalten. Das wahre Geschenk dieser Arbeit ist, dass du so viel über Menschen erfährst. Das fand ich wirklich ergreifend.

Francis (vorne) und Dietmar vor einem Quittenbaum im Garten von Francis in Göttingen Foto: Rainer Christian Kurzeder
Joseph (links) und Albert im Garten vor dem Anwesen in Hohenfels, in dem Albert wohnt Foto: Rainer Christian Kurzeder
Louis (rechts) und Dieter in der Waldorfschule in Dortmund, in die Louis ging und wo Dieter als Hauswart angestellt ist Foto: Rainer Christian Kurzeder
wochentaz

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taz: Die Serie besteht aus Doppelporträts. Das sind ja ganz besondere Bilder, sie zeigen nicht nur einfach zwei Personen in einem Foto, sondern möglicherweise auch ihre Beziehung zueinander. Inwieweit ist so ein Bild auch eine Inszenierung?

Kurzeder: Mein Ziel ist es, die Beziehung der beiden zu beobachten und im Bild sichtbar werden zu lassen. Vor dem Fototermin frage ich immer: Gibt es einen Ort, der Vater und Sohn verbindet? Meistens sind das Orte mit biografischer oder emotionaler Bedeutung. Das Tempo beim Fototermin ist langsam, da ich analog fotografiere, das ist mir wichtig. Während ich die Kamera und das Licht aufbaue, positionieren sich Vater und Sohn, ohne dass ich etwas dazu beitrage. Manche fragen: Sollen wir uns umarmen? Wie sollen wir zueinander stehen? Dann sage ich: „Das entscheidet ihr.“ Und diesen Moment fange ich ein.

taz: Fragen zu Nähe und Distanz kennzeichnen die meisten Vater-Sohn-Beziehungen, unabhängig davon, ob man queer ist.

Kurzeder: Ich glaube, dass die Themen Intimität und Männlichkeit bei queeren Söhnen noch einmal eine andere Dimension haben. Natürlich gibt es Nähe und Distanz in vielen Vater-Sohn-Beziehungen. Aber wenn ein Sohn sich outet, stellen sich oft zusätzliche Fragen. Manche Väter fragen sich vielleicht, ob sie ihr eigenes Verständnis von Männlichkeit oder ihre Erwartungen an einen Sohn neu betrachten müssen. Mich interessiert genau dieser Moment, in dem Rollenbilder ins Wanken geraten und Beziehung neu verhandelt wird.

Matin (rechts) und Merhan vor dem Haus in Göttingen, in dem Matin mit seiner Mutter wohnt. Beide kommen aus Iran Foto: Rainer Christian Kurzeder
Bennet (links) und Stefan in der Küche der Berliner WG, in der Bennet lebt Foto: Rainer Christian Kurzeder
Kenny-Lee (links) und Fred im Wohnzimmer von Fred in Stendal, das einem Ritterzimmer gleicht Foto: Rainer Christian Kurzeder
Flo (rechts) und Helwig im Garten von Helwig im nordhessischen Nieste, nachdem sie zwei Jahre nicht miteinander gesprochen haben Foto: Rainer Christian Kurzeder

taz: Die Bilder machen neugierig, man möchte gerne mehr erfahren über die Menschen und wie sie zueinander stehen.

Kurzeder: Genau darum geht es mir: dass man anfängt, darüber nachzudenken, wie die Beziehung von Vater und Sohn jeweils sein könnte. Die Serie funktioniert am besten, wenn man die Bilder nebeneinander sieht. Ich möchte, dass man sich diese Fragen stellt, aber ich gebe die Antworten nicht. Jede Person hat ihre eigene Familiengeschichte, ihre eigene Vater-Geschichte und wird die Bilder vermutlich anders lesen. Das ist mir wichtig. Auch ich selbst sehe mich mit meinem Vater in allen Bildern.

Rainer Christian Kurzeder

geboren 1971 in Oberbayern, lebt und arbeitet als Fotograf in Berlin. In seinen Arbeiten beschäftigt er sich mit Beziehungen, Identität und Männlichkeit. Sein aktuelles Langzeitprojekt „Beyond the Silence“ ist noch bis zum 21. Juni in der Gruppenausstellung „Mind the Gap“ im Haus am Kleistpark in Berlin zu sehen.

taz: Gibt es denn auch ein Bild von Ihnen und Ihrem Vater?

Kurzeder: Noch nicht. Ich habe bisher 31 Porträts fotografiert, das 32. Motiv werden mein Vater und ich sein. Er war zur Ausstellungseröffnung in Berlin. Dort hat er, glaube ich, zum ersten Mal richtig realisiert, worum es mir in der Arbeit geht. Dann hat er gesagt: „Okay, wir machen das.“ Es gibt ein Bild von mir aus der Kindheit, Papa und ich in Italien an der Adria. Dieses Bild würde ich gerne etwa 30 Jahre später mit ihm wiederholen.

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