piwik no script img

Falsche FaktenWenn der Begriff Wahrheit zerstört wird

Essay von

Patrick Gensing

Im Kampf um die Demokratie drohen Fake News das Rennen gegen Fakten zu gewinnen. Es gilt, die Machtstrukturen der Plattformen zu durchbrechen.

Illustration: Katja Gendikova

V or einigen Jahren schien es so, als sei die Gesellschaft gegen Desinformation gut gewappnet: Plattformen regulieren, Betreiber in die Pflicht nehmen, bessere Recherche, professioneller Faktencheck, journalistische Einordnung. Die Instrumente schienen vorrätig, sie müssten nur genutzt werden. Mein 2019 veröffentlichtes Buch „Fakten gegen Fake News“ formulierte diese Zuversicht als Programm. Fakten sollten überzeugen und wirken, wenn man sie nur sauber genug aufbereitet und sichtbar genug platziert.

Knapp eine Dekade später erweist sich diese Hoffnung nicht direkt als naiv, aber doch als zu optimistisch. Die damaligen Diagnosen waren nicht falsch. Im Gegenteil, sie haben sich bestätigt. Nur eben mit einer Wucht, die die Prognosen überrollt hat.

Was als mediales Korrekturproblem erschien, entpuppt sich als Umbau des gesamten Diskursraums. In diesem Raum sind Fakten so leicht verfügbar wie nie zuvor. Zugleich sind sie politisch schwächer als je zuvor. Der Titel „Fakten gegen Fake News“ war eine Selbstvergewisserung.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

Er setzte auf das aufklärerische Versprechen, dass überprüfbare Tatsachen, journalistische Sorgfalt und öffentliche Einordnung ausreichen, um der Flut von Falschbehauptungen standzuhalten. Der Ausruf hatte Pathos, aber auch Programm. Nur reichte das nicht. Schon in den 2010er Jahren ließen sich die Linien klar erkennen. Autoritäre Akteure wie die AfD, der Kreml oder Donald Trump nutzten Desinformation strategisch. Bekannt ist zudem gewesen: Algorithmen verstärken Emotionen.

Journalistische Institutionen werden gezielt delegitimiert. Öffentliche Debatten polarisieren sich. Diese Befunde waren gut belegt, empirisch wie international vergleichbar. Es fehlte nicht an Wissen und praktischen Beispielen. Unterschätzt wurde dabei wohl die Dynamik ihrer Wechselwirkungen. Desinformation arbeitet nicht im Modus des Skandals, sondern mit Redundanz und Gewöhnung. Falschbehauptungen verschieben nach und nach Wahrnehmungsrahmen, verformen Erwartungen, untergraben Deutungsmuster.

Bild: privat
Patrick Gensing

ist Vereinssprecher des FC St. Pauli. Der Journalist und Autor war Leiter des ARD-Faktenfinders. Sein Themenschwerpunkt ist Rechtsextremismus.

Wenn etwas kippt

Irgendwann kippt etwas. Dann wirken sachliche Informationen verdächtig, Institutionen suspekt, Verfahren beliebig. Wahrheit verschwindet nicht spektakulär. Sie erodiert leise. Und die großen Plattformen lieferten dafür die optimale Umgebung, wie ein Treibhaus der Desinformation. Desinformation ist kein isolierter Störfall im Informationsfluss, sondern ein grundlegendes Strukturmerkmal unserer gegenwärtigen Öffentlichkeit. Was bleibt, sind Bauchgefühl, Bestätigung und das, was im eigenen Feed plausibel wirkt.

Meinungen werden zum Faktum erklärt, Fakten werden zur Meinungssache herabgestuft und damit verhandelbar. Hannah Arendt beschrieb diesen Zustand mit Blick auf totalitäre Propaganda. Ziel sei nicht, eine bestimmte Lüge durchzusetzen, sondern den Begriff von Wahrheit selbst zu zerstören. In digitalen Öffentlichkeiten lässt sich genau diese Verschiebung beobachten – mit dramatischer Geschwindigkeit. Korrekturen existieren. Fakten sind jederzeit abrufbar.

Sie erreichen jedoch fast nie diejenigen, für die sie relevant wären. Am Ende entscheidet nicht, was stimmt, sondern was passt. Während progressive politische Strömungen über immer mehr Wissen und valide Argumente verfügen, mit denen sie aber nichts mehr bewirken können, brauchen reaktionäre Milieus keine Fakten, um maßgeblich auf den öffentlichen Diskurs einzuwirken und ihn zu bestimmen. Das bekannte Framing ist regelmäßig in den großen Talk-Formaten zu beobachten, etwa in der zu Recht kritisierten Miosga-Sendung mit Tino Chrupalla, in der auf großer Bühne die Frage diskutiert wurde, ob „Trump ein Vorbild“ sei.

Diese Veränderungen in der politischen und medialen Atmosphäre sind kein Naturereignis, sondern von Menschen gemacht. Sie sind das Resultat von journalistischer Angst vor klaren Einordnungen, false balance – aber vor allem eines Öffentlichkeitsmodells, das von wenigen privaten Unternehmen organisiert wird. Aufmerksamkeit ist Ware, Empörung Währung, Zuspitzung der Motor. Algorithmen belohnen Tempo und Affekt, nicht Einordnung und Kontext. Differenzierung kostet Klicks. Prüfung kostet Zeit.

Gegenmittel: Faktencheck

In diesem Klima haben Fakten strukturell kaum eine Chance, auch wenn man sich immer neue niedrigschwellige Formate ausdenkt, um die Aufmerksamkeit der Plattformen bedienen zu können. Auch wenn man Faktenchecks so weit herunterbricht, dass kaum noch etwas übrig bleibt. Viele etablierte Medien kämpfen ums wirtschaftliche Überleben, sie reagieren darauf teilweise mit verkürzter oder sogar irreführender Zuspitzung, der Übernahme von rechten Narrativen, die als „kontroverse Positionen“ zur Debatte gestellt werden.

Doch je mehr sich Medien den Vorgaben der Plattformen unterwerfen, umso eher wächst deren Macht und die Möglichkeit, redaktionelle Inhalte in die Plattformen zu saugen – und gleichzeitig die Nut­ze­r*in­nen dort zu halten. Die Plattformen wachsen weiter, weil sie die redaktionellen Inhalte ausbeuten. Es droht ein verödetes Internet, das zunehmend von den hermetisch abgeriegelten Plattformen abgehängt wird.

Trotz dieser fatalen Entwicklungen bleiben Journalismus und Faktenchecks unverzichtbar. Sie dokumentieren, ordnen ein, widersprechen. Ohne sie wäre das Feld komplett den Lautesten überlassen. Doch sie operieren in einem Umfeld, das ihre Wirkung systematisch begrenzt. Wer Desinformation offenlegt, wird angegriffen. Wer Widersprüche benennt, wird delegitimiert. Ziel dieser Angriffe ist selten das einzelne Argument, fast immer die Glaubwürdigkeit der Institutionen selbst.

Wenn die Träger der Fakten beschädigt werden, verlieren auch die Fakten ihre Durchsetzungskraft. Die Coronapandemie hat diese Dynamiken verdichtet. Wissenschaftliche Unsicherheit wurde als Schwäche gedeutet, politische Abwägung als Willkür. Vertrauen in Expertise erlitt nachhaltigen Schaden. Eine kritische Aufarbeitung ist notwendig, auch weil Maßnahmen nicht immer transparent oder verhältnismäßig wirkten. Sie verkommt jedoch zur Farce, wenn das Urteil bereits feststeht und Entscheidungen aus ihrem Kontext gerissen oder als Teil eines vermeintlichen Plans gelesen werden.

Öffentliche Räume nutzen

Viele erfolgreiche Desinformationsnarrative knüpfen genau hier an. In den 2010er Jahren wurde diese Eskalation nicht vorhergesehen. Nicht, weil die Analyse falsch war, sondern weil ihre Konsequenzen unterschätzt wurden. Was also tun? Es lohnt sich, einen Blick auf die noch funktionierenden öffentlichen Räume zu werfen, um zu verstehen, was sie attraktiv macht. Vereine, Initiativen, lokale Zusammenschlüsse, Orte, an denen Mitverantwortung mehr zählt als Erregung. Dort entstehen Bindung, Gespräch und Widerspruch ohne Dauerempörung.

Dort wird gestritten, ohne dass jeder Dissens zur Identitätsfrage aufgeblasen wird. Sie haben Bedeutung. Das ist ihre Stärke. Wohingegen auf Plattformen ein anderes Prinzip dominiert. Kurze Affekte verdrängen längere Argumente. Konstruktive Beiträge gehen im Rauschen unter oder werden als Zensurversuch denunziert. Mitverantwortung spielt keine Rolle, Fakten werden niedergebrüllt – jeden Abend hundertfach auf dem heimischen Sofa zu erleben im Kosmos der AfD-nahen Tiktok-Livechannels.

Es geht nicht nur um falsche Inhalte, sondern um gefährliche Strukturen und darum, wie unsere Öffentlichkeit funktionieren soll. Klar ist: Solange Plattformmonopole den Diskurs organisieren, werden in Sachen Desinformation lediglich Symptome bekämpft: einzelne Falschmeldungen, einzelne Kampagnen, einzelne Akteure. Die Ursachen bleiben unangetastet. Die Hoffnung auf eine partnerschaftliche Selbstregulierung der Plattformen hat sich als Illusion erwiesen.

Sie entziehen sich ihrer Verantwortung und unterstützen teilweise sogar offen autoritäre Politiker, die wiederum die Plattformen fördern. Dieser Zustand ist untragbar. Öffentlichkeit darf nicht dauerhaft privat, zentralisiert und profitorientiert organisiert sein. Erst wenn Sichtbarkeit nicht monopolisiert wird, können Fakten wieder als gemeinsame Bezugsebene wirken. Nicht als unfehlbare Wahrheit, sondern als Grundlage für Verständigung.

Die eigentliche Herausforderung liegt deshalb nicht in Detailkorrekturen einzelner Plattformpraktiken, sondern im Bruch mit ihrer monopolartigen Stellung über weite Teile politischer Kommunikation. Es geht um die Rückgewinnung öffentlicher Räume, in denen Sichtbarkeit nicht gekauft, Fakten nicht beliebig relativiert werden und demokratische Aushandlung nicht algorithmisch verzerrt wird.

Der Rückblick auf die 2010er Jahre lohnt sich. Nicht zur Selbstberuhigung, sondern zur Selbstkritik. Die Warnungen und Alternativen lagen auf dem Tisch, nur wurde kaum eine eigene Infrastruktur aufgebaut. Warum Befunde nicht durchdrangen, bleibt eine offene Frage. Einzelne Projekte zum Faktencheck werden kaum ausreichen. Wer den demokratischen Diskurs retten will, muss die Machtstrukturen der Plattformökonomie angreifen und durchbrechen – publizistisch und politisch.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

6 Kommentare

 / 
  • Diese Diskussion und die Gedankengänge haben sich überholt, seit "KI" überall mitmischen darf. Dank aller Nutzer dieser Herrschaftstechnologie werden wir bald eine Welt und ein Internet haben, wo es Allen schwer fallen wird, Lug von Trug zu unterscheiden.

    Quellen für diese Behauptung gibt es zuhauf, lest einfach ab und zu bei heise.de nach oder sogar in der Tageszeitung.

    Das Einzige was hilft ist, alle "KI" Tools NICHT zu nutzen und zu hoffen, dass sie dann nicht weiter verbreitet werden. Kein watsäpp, keine KI Telefonstimme, kein Windowsprogramm oder Handyapp mit eingebauter "KI" (und das sind inzwischen Viele!)...

    Nutzt den Mist nicht und beschwert euch beim Hersteller, wenn euch das aufgezwungen wird! DAS kann jede/r tun, ist einfach und bietet euch eine Stimme. Ich mache das schon lange so aber fühle mich da relativ einsam dabei, denn alle wollen "spielen" und finden das "faszinierend"...

    • @realnessuno:

      Warum sollte es irgendjemand der KI-gestützt Fakes, Propaganda oder Scam produziert von seinem Tun abhalten wenn unsereins die Nutzung völlig anderer KI-Tools einstellt? Das Wissen und der Code für KI sind in Form von Papers, Modellen, Frameworks und Repositories veröffentlicht und verfügbar. Weder Kriminelle noch Geheimdienste noch Unternehmen werden aufhören all das einzusetzen und für ihre Zwecke weiterzuentwickeln nur weil ein paar Enduser einen Bogen um irgendwelche mehr oder meist eher minder sinnvollen KI-Gadgets machen.

  • 1. Es wäre ein guter Anfang einmal diese "social" media platformen zu besteuern. Aber dazu benötigte man fähige Finanzämter. Haben wir nicht.



    2. Auch keine schlechte Idee: Diese platformen zur Einhaltung der bestehenden Gesetze aufzufordern (indem man Fehlverhalten wirksam bestraft). Aber dazu bräuchte es genügend fähige Richterinnen. Haben wir nicht bzw. nur auf die Bundesländer verstreut und ohne Kommunikation und Datenaustausch untereinander.



    3. Was am meisten fehlt ist der politische Wille zu handeln. Solange aus Angst vor Trump das Recht nicht umgesetzt wird, wird sich nichts ändern.

  • Keine Macht den Algorithmen! Verbietet endlich das Sieb des Eratosthenes! Knast für PQ-Formel und Newton-Verfahren. Quick Sort, A*, Huffman-Coding, KMP, LZW und RSA sofort ins StgB!

  • Echte objektive Falschbehauptungen sind ja auch ein grobes Mittel; viel erfolgreicher ist die Manipulation durch Auslassungen, Verzerrungen, false balance, Pseudo-Experten, usw., also ohne wirklich zu lügen den Effekt einer Lüge erreichen: das gewünschte verzerrte Bild der Realität im Kopf des Lesers produzieren.



    Nur selten wird sowas vor Gericht auseinandergenommen, aber gestern z.B. dann doch und man sieht wie schwierig das ist:



    www.lto.de/recht/h...rrectiv-niederlage

  • So differenziert ihre Analyse auch ist: Sie haben um einen zentralen Punkt geschickt rumnavigiert: Die Paywall.

    Ich habe nichts gegen eine Paywall.



    Journalisten müssen ja schließlich für ihre Arbeit honoriert werden.

    Aber sie können ja nicht mehr einfach eine Zeitung kaufen.



    So nach dem Motto:



    Zwei Euro auf den Tisch - eine Zeitung in die Hand.

    Nein. Sie müssen sich umfangreich anmelden, registrieren.



    Seitenlangen, unverständlichen AGBs zustimmen.



    Eine Mailadresse hinterlegen. und und und

    Und dann wir ihnen oftmals nicht Mal eine Zeitung angeboten.



    Nein - es muss ja gleich ein Abo sein.



    Mit Glück ein Schnupperabo, Probeabo oder wie auch immer das Modell tituliert wird.

    Und genau das ist bei den Fake-News anders:



    Die wollen nicht verkaufen.



    Die wollen gelesen werden.



    Und darum ist der Konsum dieser Fake-News viel, viel einfacher und niedrigschwelliger gestaltet.

    Eine Lösung ist sehr schwierig.



    Vielleicht wäre ein "Kultur-Euro" eine Lösung. Vielleicht.



    Aber sicher ist das nicht.



    Denn hinter den Fakes stehen ja handfeste Interessen - und auch entsprechende Finanzkraft.