Ende Gelände im Ruhrgebiet: Sie wollen nicht kuscheln
Das Bündnis Ende Gelände hat nach längerer Pause wieder fossile Infrastruktur besetzt. Eine Suche nach dem linksradikalen Teil der Klimabewegung.
Emma Radeck, 24 Jahre alt, pinke Perücke, grüne Augen, sitzt auf dem nackten Asphalt einer Verkehrsstraße in Hamm, Westfalen. Über ihr ein gelber Regenschirm gegen die Sonne, neben ihr ein Kreuzworträtsel. „Kurzwort für Demozug“, liest Radecks Sitznachbarin vor. „Das weiß ich“, sagt sie, und setzt den Stift an: D-E-M-O. Ein Polizist spricht ins Mikrofon: „Sonnenbrille und Mütze, Schlauchschals und FFP2-Masken“, sagt er, nicht zum ersten Mal heute, „erfüllen den Straftatbestand der Vermummung.“ Solange einzelne Teilnehmende vermummt blieben, dürfe die Demonstration nicht weiterlaufen. Die Aktivist:innen des Klimabündnisses Ende Gelände sind in den letzten vier Stunden vier Kilometer weit gekommen.
Ende Gelände, 2014 gegründet, wurde bekannt für große Gruppen in weißen Maleranzügen, die mit der schieren Masse an Körpern durch Polizeiketten fließen und fossile Infrastruktur lahmlegen. Zur Bewegung fühlt sich hingezogen, wer den fossilen Kapitalismus abgeschafft sehen will. An diesem Wochenende Ende Mai sollen Bilder entstehen, die eine alte Frage neu aufwerfen: Ist der linksradikale Teil der Klimabewegung zurück? Jener Teil, der nicht um halbherzige Gesetze bettelt, sondern „System Change“ fordert und dafür mit dem eigenen Körper Maschinen blockiert? Und wenn ja: Wer macht da heute noch mit?
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Frühmorgens ist das Camp in einem Hammer Stadtpark ein Gewusel aus Zahnputz- und Kaffeebechern. Viele überkleben Tätowierungen und Fingerkuppen mit nicht abwaschbarem Dichtmittel – Schutz vor späterer Identifikation durch die Polizei. Als Radeck und 500 Aktivist:innen sich im „Finger“ versammeln – so heißt im Bewegungsjargon der Demoaufzug, der hier von der Straße bis tief in den Park reicht – wartet die Polizei schon am Straßenrand.
„Der Gegner hat sich nicht verändert“
Erst nach anderthalb Stunden darf sich die Demo in Bewegung setzen, die Polizei läuft mit. In der dritten Reihe zwei Frauen mit ergrauten Haaren, die übrigen kaum älter als Anfang zwanzig. Aufgehalten hat die Polizei den Aufzug wegen mutmaßlicher Verstöße gegen das Vermummungsverbot. In Nordrhein-Westfalen, dessen Versammlungsgesetz als schärfstes Deutschlands gilt, ist Vermummung eine Straftat – ein Passus, gegen den die Gesellschaft für Freiheitsrechte klagt, weil er sich gezielt gegen die Klimabewegung richte. Mit der hat man hier Erfahrung: Lützerath, Hambacher Forst, Ende Gelände.
Am Abend zuvor stand vor dem zentralen Zirkuszelt des Klimacamps Greta Thunberg mit grünem Turnbeutel und Froschhut, alle paar Sekunden wollte jemand ein Selfie. Die Leute sagen, die Stimmung sei gut, sie lebten hier schon die Utopie, die sie sich für draußen wünschten. „Es reicht eben nicht, Petitionen und Demos zu machen und um Klimagesetze zu betteln, an die sich am Ende keiner hält“, sagt Radeck, die seit 2023 bei der Klimabewegung dabei ist. „Deswegen gehen wir morgen mit massenhaftem zivilen Ungehorsam auf die Straße.“ Den Gegner sieht sie nicht im einzelnen Kraftwerk, sondern im System. „Entweder schaffen wir den Kapitalismus ab, oder der Kapitalismus schafft die Menschheit ab“. Früher ging es gegen Kohle, heute gegen Gas: „Aber der Gegner hat sich nicht verändert.“
Ein großer Teil der Klimabewegung – darunter viele Grüne und NGOs – setzt im Kern auf das, was als „grüner Kapitalismus“ bezeichnet wird: Die Krise lasse sich innerhalb des Marktsystems lösen, wenn die richtigen Anreize gesetzt würden. Beispiele hierfür sind ein CO2-Preis, Emissionshandel, die Förderung technologischer Innovation. So ließen sich Wirtschaftswachstum und Emissionen entkoppeln und der Markt bringe, regulatorisch gelenkt, die Transformation selbst hervor. Aus Sicht der Aktivist:innen dagegen ist der Wachstums- und Profitzwang des Kapitalismus strukturell unvereinbar mit den physikalischen Grenzen des Planeten.
Radeck ist dieses Jahr sogenannte Fingersprecherin: In jedem Demozug spricht nur eine Person mit der Presse und macht Videos für die hauseigenen Social-Media-Kanäle. Über sich selbst sagt sie dabei wenig.
Es ist aber nicht mehr 2018 oder 2019, als zu Hochzeiten von Ende Gelände mehrere Tausend Menschen in die rheinischen und Lausitzer Tagebaue strömten und das Bündnis das Gesicht eines neuen, ungehorsamen Klimaprotests war. Ein besetzter Braunkohletagebau ist ein Bild, das man nicht vergisst: Tausende in weißen Maleranzügen, die sich über eine Mondlandschaft aus Abraum ergießen, winzig vor den Schaufelradbaggern. Ein Gaskraftwerk, eine Stahlfabrik, eine Werkschiene – die Ziele dieses Tages stehen ebenso für den fossilen Kapitalismus, den die Bewegung abschaffen will. Aber sie verteilen ihren Schrecken über Lieferketten, Schienennetze und Kriege, die für viele Menschen fern wirken. Die Symbolik ist schwächer geworden. 2021 mobilisierte das Bündnis in Brunsbüttel rund 2.000 Menschen gegen ein geplantes LNG-Terminal. Bei einer zweiten Aktion am selben Ort, drei Jahre später, waren es nur noch ein paar Dutzend.
Verknüpfung von Klima und antikolonialem Kampf
Und auch die restliche Klimabewegung hat sich verlaufen. Die Letzte Generation klebte sich fest und forderte ein Tempolimit, ein dauerhaftes 9-Euro-Ticket und einen Gesellschaftsrat, Fridays for Future suchte eher das Gespräch mit der Politik als den Bruch mit ihr, und ein Teil hat den Kampf abgeschrieben: Tadzio Müller, Mitbegründer von Ende Gelände und einst ihr lautester Stratege, erklärte die Klimabewegung für „vorerst besiegt und gescheitert“ und rief ein „Kollapscamp“ ins Leben, auf dem man Kompostklos baut und sich solidarisch auf den Zusammenbruch vorbereitet. Überspitzt gesagt: Resignation, Anbiederung, Untergangsvorbereitung.
Den „Kuschelkurs mit Parteien, die unsere Zukunft verkaufen“, lehnt Radeck jedenfalls ab. „Widerstand muss von unten erkämpft werden.“ Ob die anderen Bewegungen etwas von der Radikalität von Ende Gelände gebrauchen könnten? Zu dieser Aussage will sie sich nicht hinreißen lassen. „In der Bewegung kann jeder Menschen seinen Platz finden.“ Auf dem Camp und in Gesprächen wird oft betont, dass Ende Gelände Teil einer diversen Klimabewegung sei, die an einem Strang ziehe.
Aber Ende Gelände zieht an einem weiteren Strang, an dem die anderen großen Klimagruppen in Deutschland gerade nicht ziehen: einer dezidiert propalästinensischen Position. International ist diese Verknüpfung von Klima und antikolonialem Kampf längst Mainstream – Greta Thunberg, die hier vor dem Zirkuszelt stand und in weiten Teilen der Welt als Ikone gefeiert wird, stand in Deutschland genau dafür unter Dauerbeschuss. Fridays for Future distanzierte sich deshalb von ihr, und andere Klimabewegungen haben keine klare, eigene Position.
Auch Ende Gelände positionierte sich lange nicht. Im Dezember 2024 entschuldigte sich das Bündnis für die vorherige Zurückhaltung, benannte „koloniale Dynamiken“ und erklärte, man halte die Analysen, wonach Israel ein Apartheidregime errichtet habe und einen Genozid an der palästinensischen Gesellschaft begehe, für „plausibel“. „Für uns bedeutet 'Nie wieder!’ nie wieder für alle“, sagt Radeck. „Es kann keine Klimagerechtigkeit unter Besatzung und Militarisierung geben.“ Man arbeite noch auf, so Radeck, warum man als weiße Bewegung so lange gebraucht habe, um sich zu positionieren.
Um 12 Uhr ist Radeck endlich im Zug zu ihrer Aktion. Die Aktivist:innen sitzen auf dem Boden, in den Gängen, in der ersten Klasse, Nummern auf den Armen, Glitzer auf den Fingerkuppen, essen Kekse. Dann, plötzlich, Bewegung. Alle kramen weiße Maleranzüge hervor. „Zieht man die über die Schuhe?“, fragt jemand. Aus T-Shirt-und-kurze-Hose-Zwanzigjährigen wird binnen Minuten eine uniformierte Truppe, auf dem Rücken das Logo von Ende Gelände, zwei gekreuzte Hämmer im Kreis. Wenig später wird eine laminierte DIN-A4-Karte herumgereicht: ein roter Zielpunkt, zwei grün markierte Bahnhöfe. Ziel ist ein stillgelegtes Kraftwerk am Niederrhein, in Voerde, an dessen Stelle ein neues Gaskraftwerk entstehen soll. „Ah, da gehen wir hin“, sagt Radeck und seufzt. Dann doch: „Okay, das wird super.“
Während Emma Radecks Gruppe im Zug durch NRW fährt, läuft an anderer Stelle eine der Aktionen, die den Tag für die Aktivist:innen rettet. Caro Baier, der aus Angst vor Repressionen einen erfundenen Namen trägt, ist zum ersten Mal dabei. Baier ist 27 Jahre alt, hat ein Augenbrauenpiercing und Vokuhila, und ist in der Gegend aufgewachsen, mit Kohlekraftwerken vor der Haustür.
Baiers Gruppe, ein paar hundert Menschen, steuert das Kraftwerk Scholven in Gelsenkirchen an, zeitweise größtes Kohle- und Ölkraftwerk Westdeutschlands, an dem nun ein weiterer Gasblock entstehen soll.
Die Presse war hier nicht dabei – was Baier in Sprachnachrichten erzählt, lässt sich nur im Groben gegen die Bilder des Tages halten, aber die stützen die Erzählung. Angekommen seien sie, sagt Baier, „auf einem Gelände wie aus einer Bilderbuch-Dystopie“: überall Kohlehaufen, der Boden schwarz, die Türme im Hintergrund – fast wie eine Kulisse, „aber eben Realität“. Auf ebendiesen schwarzen Grund hätten sie ihre mitgebrachten Solarmodule gestellt.
Nicht nur Baiers Gruppe, auch andere Aktivist:innen haben ihr Ziel erreicht. In Mülheim an der Ruhr besetzten rund 200 Aktivist:innen die Werkschienen von Europas größtem Pipeline-Hersteller Europipe. Eine weitere Gruppe blockierte den Schichtwechsel der Friedrich-Wilhelms-Hütte, einer Stahlgussfabrik. Nach Ende-Gelände-Lesart gießt dort ein deutsch-französischer Rüstungskonzern „statt Rotornaben für Windräder Panzerstahl“. Unter dem Motto „Waffeln statt Waffen“ verteilen sie Gebäck an die Beschäftigten, die wegen der Blockade nicht zur Arbeit kommen. In Gelsenkirchen stehen Caro Baiers Solarmodule auf dem schwarzen Boden.
Dann erreicht auch Radecks Gruppe ihr Ziel: das Gelände des stillgelegten Steinkohlekraftwerks in Voerde, an dessen Stelle ein neues Gaskraftwerk entstehen soll. Weit kommen sie jedoch nicht. Das Gelände ist abgeriegelt, Bauzäune, Polizei und RWE-Security erwarten die Gruppe. Also setzen sie sich auf die Zufahrtsstraße, legen Banner auf den Asphalt, wickeln sich in Rettungsdecken, spannen Sonnenschirme auf und beginnen zu malen. Ein paar Stunden später machen sie sich wieder auf den Weg zurück in ihr Camp im Hammer Lippepark. Die Aktivist:innen seien erschöpft und es habe nicht genug Wasser gegeben, berichtet Radeck abends in einer Sprachnotiz. Sie sagt, die Aktivist:innen hätten selbstbestimmt entschieden, wann sie ihre Blockade auflösen: „Wir gingen, als wir es für richtig hielten.“
Gegen Abend kommt auch der Sturm, der den ganzen Tag angekündigt war, gerade als sich viele mit einer warmen Mahlzeit im Camp ins Gras gesetzt haben. Binnen Minuten wird der Wind so stark, dass die großen Zelte von innen festgehalten werden müssen. Es blitzt, donnert, regnet in Strömen. Das Zelt, in dem eben noch Küche und Essensausgabe waren, liegt in Teilen in den Pfützen, die Stangen sind auseinandergefallen.
Am nächsten Morgen steht alles wieder, als wäre nichts gewesen, aus der „Küche für alle“ laufen Popsongs, dann Techno. Caro Baier sitzt auf einer Bank am Rand des Camps. Er habe unter den Stunden in der Sonne gelitten, sagt Baier, jetzt in rotem T-Shirt und Multifunktionshose. Gerade das sei ein Grund für seinen Aktivismus, denn die Hitzetage würden nur noch mehr werden. Als die Polizei ihn wegtrug, sei seine Stimmung gekippt. Abseits der Masse habe er sich verletzlicher gefühlt. Angst habe er aber keine gehabt, sondern ein Gefühl von Selbstermächtigung.
Erst leerte die Pandemie die Straßen, dann schoben Krieg und Inflation das Klima auf der Tagesordnung nach hinten – selbst der entschlossenste Teil der Bewegung kann das nicht ändern. Ist der linksradikale Flügel der Klimabewegung zurückgekehrt? Auf der Straße ja, mit den alten Vokabeln wie „System Change“ und „ziviler Ungehorsam“ und in weißen Maleranzügen. Aber in anderer Größenordnung: 1.500 Menschen an vier Orten, wie die Veranstalter angeben. Zu Hochzeiten waren es ein Vielfaches davon in einem einzigen Tagebau.
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Caro Baiers Vater war Bergmann. Und der Bezug zur Kohle, sagt er, sei für ihn schon immer „eher abschreckend“ gewesen: die Staublunge, die der Vater hatte, das Husten. Wie hier Menschen ihren Körper hergäben, um Kohle abzubauen – und wie das trotzdem romantisiert werde. Mit seinem Vater wird Caro Baier nicht über den Tag sprechen.
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