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Einstellungstest bei der PolizeiDie höchsten Hürden lauern nicht in der Turnhalle

Die Berliner Polizei sucht händeringend Nachwuchs, aber viele Be­wer­be­r*in­nen scheitern. Am Sporttest liegt es wohl nicht, wie die Ausbilder in Spandau vorführen.

Im Flur von Gebäude 5 der Polizeiakademie in Spandau riecht es nach Turnhalle und altem Schweiß, der Boden quietscht. Laute Rufe ertönen, im Sportraum zur Linken findet gerade Nahkampftraining statt: schlagen, treten, Deckung hoch.

Geradeaus, in der großen Sporthalle, ist teils bekanntes Instrumentarium aus dem Schulsport aufgebaut: kleine Plastikhütchen, Holzkästen, blaue Matten. Aber dort liegen auch eine schwere Stoffpuppe und ein riesiger Traktorreifen, außerdem stehen ein Rollwagen und Polizeiabsperrgitter bereit.

„Das sind Elemente, die Polizisten im Einsatz begegnen“, sagt Sportlehrer Thomas Mehnert. Mehnert, ein drahtiger Mann um die 60 mit kahl rasiertem Schädel, erklärt an diesem Nachmittag Jour­na­lis­t*in­nen den Sporttest, den Be­wer­be­r*in­nen bei der Berliner Polizei absolvieren müssen.

Denn die Behörde hat ein massives Nachwuchsproblem. Es gehe die Sorge um, dass sich die Polizei selbst abschafft, witzelt ein Mitarbeiter. Tatsächlich rechnet man damit, wegen des demografischen Wandels bis 2030 die Hälfte des Führungspersonals zu verlieren. Gleichzeitig bleiben viele Ausbildungsplätze unbesetzt. Von rund 1.200 Stellen wurden im vergangenen Jahr nur etwas mehr als 900 vergeben.

Die 1,80 Meter hohe Palisade ist nicht die größte Hürde

Deshalb will man heute aufräumen mit Mythen rund ums Bewerbungsverfahren. Und dazu gehört eben auch der Sporttest. Innerhalb von knapp dreieinhalb Minuten müssen Männer – Frauen in vier Minuten – den Hindernisparcours mit allerlei Schindereien bewältigen: über eine Mauer klettern, unter einer Matte hindurchrobben, den riesigen Reifen wälzen.

Die Nach­wuchs­be­am­t*in­nen springen über das Hamburger Gitter, als wären sie gut trainierte Autonome

Auf Mehnerts Kommando traben die 17 Po­li­zei­schü­le­r*in­nen los, die das Ganze vormachen sollen. „Rückwärts“, „auf den Bauch“, Mehnert bellt seine Anweisungen. Die Nach­wuchs­be­am­t*in­nen springen über das Hamburger Gitter, als wären sie gut trainierte Autonome. Als die Jour­na­lis­t*in­nen auch mal dürfen, geben die Kollegen von Bild, RTL und Neuer Zürcher Zeitung alles. Keuchender Jubel, als sie erfahren: bestanden, für den Polizeidienst geeignet.

Seit 2021 findet der Parcours in dieser Form statt. Die meisten Be­wer­be­r*in­nen bestehen ihn. Auch die rund 1,80 Meter hohe Holzwand, die überwunden werden muss, stellt offenbar kein großes Hindernis dar.

Die weitaus höhere Hürde lauert nämlich ganz woanders: beim Deutschtest. Der ist ein weiterer Teil des Bewerbungsverfahrens, neben weiteren Prüfungen zu Allgemeinbildung, Intelligenz und Mathe sowie einem Bewerbungsgespräch mit Rollenspielen.

Ein praxisnahes Diktat

Beim Deutschtest falle fast die Hälfte der An­wär­te­r*in­nen durch, berichtet der Psychologe Leonard Maier, der das Verfahren managt. Was ist also so schwer? Maier spielt ein Diktat vor, das Teil des Deutschtests ist. „Der La-den-dieb-stahl“, liest eine Stimme langsam vor. „Am frühen Abend“, Pause, „ging bei der Polizei“, Pause, „eine Meldung über einen versuchten Einbruch ein. Satzende.“ Und so weiter. Bei nur 14 Wörtern pro Minute wirkt es zwischendurch so, als wäre der Sprecher eingeschlafen.

Warum so viele An­wär­te­r*in­nen an dieser Aufgabe scheitern, macht auch Leonard Maier ratlos. Ob die Kan­di­da­t*in­nen aus Familien mit Migrationserfahrung kommen oder nicht, mache keinen Unterschied, auch der Schulabschluss spiele kaum eine Rolle, erklärt er. Auf einer PC-Tastatur zu schreiben, sei für viele junge Leute heute ungewohnt. Der Trend gehe eben hin zur Sprachnachricht, zu KI.

Satzanfänge und Nomen werden großgeschrieben

Polizei-Influencerin

Deshalb unternimmt die Behörde so einiges, um es den An­wär­te­r*in­nen leichter zu machen. Wer nur wegen des Diktats scheitert, kriegt eine zweite Chance. Und das Social-Media-Team veröffentlicht Videos mit Tipps in den sozialen Netzwerken: „Satzanfänge und Nomen werden großgeschrieben“, weiß man da.

Polizei-Realityshow fast zu erfolgreich

Die Anforderungen senken will Maier aber trotzdem nicht. „Wir sind die Polizei der Bundeshauptstadt und nicht irgendeiner Kleinstadt“, sagt er. Auch Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel ist dieser Meinung: „Wer niedrigere Hürden aufstellt, kassiert später höhere Abbrecherquoten“, betont sie. Allerdings brauche man derzeit 8 bis 20 Bewerber*innen, um einen einzigen Platz zu besetzen.

Auch deshalb rührt die Polizei weiter eifrig die Werbetrommel. Gemeinsam mit dem öffentlich-rechtlichen Contentnetzwerk funk produziert man die Youtube-Serie „Hundertzehn“, die junge Berliner Po­li­zis­t*in­nen – bereits bekannt vom Tiktok-Kanal – beim Einsatz begleitet. Die Realityshow kommt gut an: Im ersten Jahr habe es 120 Millionen Zugriffe gegeben. Zu gut: Die Protagonisten waren irgendwann so bekannt, dass sie keine normalen Einsätze mehr durchführen konnten.

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15 Kommentare

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  • Janix

    Im besten Fall ist die schriftliche Beherrschung dann durch den datenschutzkonformen Protokoll-Niederschreib-Bot aufgelöst, die mündliche klappt auch irgendwie und entspannt Konflikte.

    Im schlimmsten Fall werden Menschen, die im Gespräch ein Fremdwort einfließen lassen, gleich mal weggebellt oder wie der alte Witz sagt: die Leiche wird vom Gümmnasdings dann eben zum Kirchplatz verbracht, das lässt sich ja einfacher schreiben.

    Anekdotisch, doch ich weiß von einem Fall, wo jemand durchaus schreiben (und Bücher lesen) kann und nur durch eine Verletzung eben den Sporttest noch nicht machen kann.

  • David Lejdar

    In anderen Worten, Bücher lesen ist nicht so angesagt bei der Jugend, hä? Würde aber viel helfen, wobei auch Romane gut genug für den Zweck, bzw. auch manche Dinge vermitteln können, wie es z.B. Charles Dickens tat, dank welchem die Oberschichten ein Bild dessen bekamen, wie das bei den Unterschichten insbesondere für Kinder so aussah, mit Gangs die Straßenkinder rekrutieren, um damit irgendwelches Ding zu machen - wo ein politisches "alle hart rannehmen", nicht unbedingt toll.

    Oder z.B. 1984 von Orson Welles, auch interessant zu Thematik von Überwachung, als Schauspiel dessen, wie heftig das in Theorie schon sein kann, wenn das übertrieben wird, und mit dem "Newspeak" - wozu argumentativ auch der Begriff "Gefährder" gehört, der von Hinterzimmer so eingestuft wird, aber sowas eben nicht unbedingt mit akademischem Konzept einhergeht, wo man schon paar Fragen hätte, wie z.B. ob die Polizei sagt, dass der Anschlag von Utoya "christianistisch" motiviert war.

    • sollndas

      @David Lejdar:

      "Oder z.B. 1984..."



      ... von George Orwell, bitte.

  • Sybille Bergi

    Deswegen ist Deutsch in der Kita und dann in der Schule so wichtig.

  • Ricky-13

    CDU/CSU, SPD und FDP haben doch jahrzehntelang mit ihrer Sparpolitik dafür gesorgt, dass die Schulbildung der jungen Leute immer schlechter wurde - worüber regt man sich jetzt also auf?

    Wir haben seit Jahren einen akuten Lehrermangel, deshalb gibt es auch keine kleineren Klassen. Es ist aber für ein Land, das nur mit Bildung "punkten" kann, auf Dauer sehr schlecht, wenn es durch Sparmaßnahmen zu wenige Lehrer hat. Wenn das Bildungssystem als wichtigste Ressource der Zukunft durch unbesetzte Stellen und überfüllte Klassenzimmer geschwächt wird, gefährdet das langfristig unseren Wirtschaftsstandort.

    Dann kommt noch folgende Idiotie dazu. Jedes Jahr im Sommer werden Tausende angestellte Lehrkräfte und fertig ausgebildete Referendare zum Beginn der Sommerferien vom Staat entlassen und in die Arbeitslosigkeit geschickt. Zum neuen Schuljahr werden sie dann oft an derselben Schule wieder eingestellt. Die Finanzministerien der Länder nutzen nämlich Lücken im Arbeitsrecht gezielt aus, um kurzfristig Haushaltsgelder einzusparen, während die Kultusministerien die langfristigen Schäden am Bildungssystem verwalten müssen.

    Es geht hier also nicht nur um den "Einstellungstest" bei der Polizei.

    • Il_Leopardo

      @Ricky-13:

      An Ihrer Analyse ist sicher einiges wahr. Aber vielleicht liegt es auch ein wenig daran, dass die jungen Leute heutzutage nicht mehr Briefe schreiben oder Romane lesen, sondern sich nur noch in den neuen Medien tummeln. Und da lernt man nun mal nicht Lesen und Schreiben.



      Aber ich habe auch Menschen in meinem fortgeschrittenen Alter erlebt, die nach der Schule kaum noch Bücher in die Hand genommen hatten, vielleicht in praktischen Berufen tätig waren, und dann im späteren Alter nicht einmal in der Lage waren, eine Ansichtskarte aus dem Urlaub mit einem fehlerfreien Text zu versehen. Leider!

      • Ricky-13

        @Il_Leopardo:

        **... sich nur noch in den neuen Medien tummeln. Und da lernt man nun mal nicht Lesen und Schreiben.**

        Lesen und schreiben sollte man ohnehin in der Schule lernen, wie auch Grammatik und Orthografie. Aber wenn man nur noch kurze WhatsApp-Texte "chattet" (und dann auch noch alles klein schreibt), dann verkümmert das mühsam in der Schule gelernte Wissen bei den jungen Leuten natürlich.

        Apropos "chatten", denn Anglizismen nehmen in der Jugendsprache einen immer größer werdenden Raum ein – und das ist echt 'cringe'.

        Und wenn ich mir so einige Kommentare unter YouTube-Videos durchlese, dann bin ich wirklich froh, dass ich kein Deutschlehrer oder Germanist bin, sonst würde ich wohl einen Schreianfall bekommen.

        **... in meinem fortgeschrittenen Alter erlebt, die nach der Schule kaum noch Bücher in die Hand genommen hatten ...**

        Die "Leseunlust" hat sich leider auch schon bei vielen älteren Leuten verbreitet. Ich bin natürlich auch weit davon entfernt, ein gutes 'Thomas-Mann-Deutsch' zu schreiben und meine Kommasetzung ist oftmals auch katastrophal, aber ich versuche in 'meinem fortgeschrittenen Alter' wenigstens einigermaßen verständlich zu sein. 😉

        • Il_Leopardo

          @Ricky-13:

          Ihr Deutsch ist klar und verständlich, und ich lese Ihre Kommentare immer gerne.

  • rero

    Wirft ein ausgesprochen mieses Bild auf die Schulbildung in Berlin.

    Dabei werden seit langer Zeit Preise an Schulen für ihr tolles pädagogisches Konzept vergeben.

    Lügt man sich womöglich in die eigene Tasche?

    War die letzte Schulreform eventuell doch Mist?

  • Chris McZott

    Meines Wissen war das Diktat "schon immer" die große Hürde vor der Polizei(Fachhoch)schule.

    Es ist aber auch ein undankbares Anforderungsspektrum für den mittleren und gehobenen Dienst:

    Sportlich, zupackend und emotional belastbar um in harten Situationen zu bestehen - damit haben die meisten Abiturienten schonmal Probleme. Anderseits aber auch intellektuell belastbar genug um Gesetze konkret anzuwenden und die Staatsgewalt kompetent zu vertreten - damit haben wiederum eher die Nicht-Gymnasiasten ihre Probleme.

    Und dazu noch sozialkompetent, resilient, entscheidungsfreudig und verantwortungsbewusst.

    • Il_Leopardo

      @Chris McZott:

      Wie kommen Sie darauf, dass Abiturienten Probleme sportlicher Natur haben oder emotional nicht belastbar seien.



      Ich denke eher, dass die ihre Zukunft aus ganz anderen Gründen nicht bei der Polizei sehen. Diese Gründe will ich hier nicht weiter ausführen ... möchte der Polizei ja nicht zu nahe treten!

  • Il_Leopardo

    Die oben zitierten Sätze aus dem Diktat sind "Hauptschulniveau". Was machen die Prüflinge, wenn ihnen beispielsweise nominalisierte Verben begegnen. Aus die Maus! Beim Plusquamperfekt drehen die endgültig durch.



    Ich gehe davon aus, dass alle Bewerber einen Hauptschulabschluss vorweisen können und die Hälfte sogar einen mittleren Abschluss. Man muss sich also fragen, was lernen die da im Deutschunterricht?



    Wer solch einfache Sätze nicht fehlerfrei zu Papier bringen kann, hat bei der Polizei wirklich nichts verloren. Wie will so jemand komplexe Gesetzestexte verstehen und umsetzen.

  • My Sharona

    14 Wörter pro Minute und Nomen werden groß geschrieben. Ein schönes Porträt der Bildungsrepublik Deutschland, die sich nicht mal auf leistungsschnittsenkende Migranten rausreden kann. Ist es in anderen Bundesländern genauso? Oder zieht die Polizei als Arbeitgeber ein Klientel an, dass der Schriftsprachlichkeit von Anfang an eher fern ist? Beim Blick auf manch eine Einsatzhundertschaft könnte einem dieser Verdacht kommen.

    • Il_Leopardo

      @My Sharona:

      Ich denke, das Problem liegt tiefer: Wer zur kritischen Reflexion fähig ist, geht garantiert nicht zur Polizei - einem Laden mit ausgesprochen autoritären Strukturen und eine der letzten Männerdomänen.

  • wheredallthegoodpeoplego

    Wundert mich überhaupt nicht. Was ich bei der Arbeit teilweise für E-Mails kriege, ist haarsträubend. Nicht mal Zeitungen werden mehr redigiert. Siehe hier, zum Beispiel. Anderswo dpa- Meldung, Copy paste, fertig. Die gleichen Fehler in unterschiedlichen Medien. Gibt halt leider nur eine richtige Rechtschreibung. Diese Entwicklung wird sich so lange fortsetzen, bis niemand mehr weiß was die anderen von einem wollen. Hauptsache, Insta und TikTok funktionieren. Sprache und Rechtschreibung, völlig überbewertet.