Einstellungstest bei der Polizei: Die höchsten Hürden lauern nicht in der Turnhalle
Die Berliner Polizei sucht händeringend Nachwuchs, aber viele Bewerber*innen scheitern. Am Sporttest liegt es wohl nicht, wie die Ausbilder in Spandau vorführen.
Foto: Peter Kneffel/dpa
Im Flur von Gebäude 5 der Polizeiakademie in Spandau riecht es nach Turnhalle und altem Schweiß, der Boden quietscht. Laute Rufe ertönen, im Sportraum zur Linken findet gerade Nahkampftraining statt: schlagen, treten, Deckung hoch.
Geradeaus, in der großen Sporthalle, ist teils bekanntes Instrumentarium aus dem Schulsport aufgebaut: kleine Plastikhütchen, Holzkästen, blaue Matten. Aber dort liegen auch eine schwere Stoffpuppe und ein riesiger Traktorreifen, außerdem stehen ein Rollwagen und Polizeiabsperrgitter bereit.
„Das sind Elemente, die Polizisten im Einsatz begegnen“, sagt Sportlehrer Thomas Mehnert. Mehnert, ein drahtiger Mann um die 60 mit kahl rasiertem Schädel, erklärt an diesem Nachmittag Journalist*innen den Sporttest, den Bewerber*innen bei der Berliner Polizei absolvieren müssen.
Denn die Behörde hat ein massives Nachwuchsproblem. Es gehe die Sorge um, dass sich die Polizei selbst abschafft, witzelt ein Mitarbeiter. Tatsächlich rechnet man damit, wegen des demografischen Wandels bis 2030 die Hälfte des Führungspersonals zu verlieren. Gleichzeitig bleiben viele Ausbildungsplätze unbesetzt. Von rund 1.200 Stellen wurden im vergangenen Jahr nur etwas mehr als 900 vergeben.
Die 1,80 Meter hohe Palisade ist nicht die größte Hürde
Deshalb will man heute aufräumen mit Mythen rund ums Bewerbungsverfahren. Und dazu gehört eben auch der Sporttest. Innerhalb von knapp dreieinhalb Minuten müssen Männer – Frauen in vier Minuten – den Hindernisparcours mit allerlei Schindereien bewältigen: über eine Mauer klettern, unter einer Matte hindurchrobben, den riesigen Reifen wälzen.
Auf Mehnerts Kommando traben die 17 Polizeischüler*innen los, die das Ganze vormachen sollen. „Rückwärts“, „auf den Bauch“, Mehnert bellt seine Anweisungen. Die Nachwuchsbeamt*innen springen über das Hamburger Gitter, als wären sie gut trainierte Autonome. Als die Journalist*innen auch mal dürfen, geben die Kollegen von Bild, RTL und Neuer Zürcher Zeitung alles. Keuchender Jubel, als sie erfahren: bestanden, für den Polizeidienst geeignet.
Seit 2021 findet der Parcours in dieser Form statt. Die meisten Bewerber*innen bestehen ihn. Auch die rund 1,80 Meter hohe Holzwand, die überwunden werden muss, stellt offenbar kein großes Hindernis dar.
Die weitaus höhere Hürde lauert nämlich ganz woanders: beim Deutschtest. Der ist ein weiterer Teil des Bewerbungsverfahrens, neben weiteren Prüfungen zu Allgemeinbildung, Intelligenz und Mathe sowie einem Bewerbungsgespräch mit Rollenspielen.
Ein praxisnahes Diktat
Beim Deutschtest falle fast die Hälfte der Anwärter*innen durch, berichtet der Psychologe Leonard Maier, der das Verfahren managt. Was ist also so schwer? Maier spielt ein Diktat vor, das Teil des Deutschtests ist. „Der La-den-dieb-stahl“, liest eine Stimme langsam vor. „Am frühen Abend“, Pause, „ging bei der Polizei“, Pause, „eine Meldung über einen versuchten Einbruch ein. Satzende.“ Und so weiter. Bei nur 14 Wörtern pro Minute wirkt es zwischendurch so, als wäre der Sprecher eingeschlafen.
Warum so viele Anwärter*innen an dieser Aufgabe scheitern, macht auch Leonard Maier ratlos. Ob die Kandidat*innen aus Familien mit Migrationserfahrung kommen oder nicht, mache keinen Unterschied, auch der Schulabschluss spiele kaum eine Rolle, erklärt er. Auf einer PC-Tastatur zu schreiben, sei für viele junge Leute heute ungewohnt. Der Trend gehe eben hin zur Sprachnachricht, zu KI.
Polizei-Influencerin
Deshalb unternimmt die Behörde so einiges, um es den Anwärter*innen leichter zu machen. Wer nur wegen des Diktats scheitert, kriegt eine zweite Chance. Und das Social-Media-Team veröffentlicht Videos mit Tipps in den sozialen Netzwerken: „Satzanfänge und Nomen werden großgeschrieben“, weiß man da.
Polizei-Realityshow fast zu erfolgreich
Die Anforderungen senken will Maier aber trotzdem nicht. „Wir sind die Polizei der Bundeshauptstadt und nicht irgendeiner Kleinstadt“, sagt er. Auch Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel ist dieser Meinung: „Wer niedrigere Hürden aufstellt, kassiert später höhere Abbrecherquoten“, betont sie. Allerdings brauche man derzeit 8 bis 20 Bewerber*innen, um einen einzigen Platz zu besetzen.
Auch deshalb rührt die Polizei weiter eifrig die Werbetrommel. Gemeinsam mit dem öffentlich-rechtlichen Contentnetzwerk funk produziert man die Youtube-Serie „Hundertzehn“, die junge Berliner Polizist*innen – bereits bekannt vom Tiktok-Kanal – beim Einsatz begleitet. Die Realityshow kommt gut an: Im ersten Jahr habe es 120 Millionen Zugriffe gegeben. Zu gut: Die Protagonisten waren irgendwann so bekannt, dass sie keine normalen Einsätze mehr durchführen konnten.
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