Einschränkungen für Ungeimpfte : Her mit der Impf-Lotterie!
Die Debatte um Einschränkungen für Ungeimpfte geht in die falsche Richtung. Bevor man zur Peitsche greift, sollte man es mit Zuckerbrot versuchen.
D ie Debatte um Einschränkungen für Impfunwillige geht derzeit in die falsche Richtung. Zwar ist es sicher wissenschaftlich und auch politisch sinnvoll, langfristig auch auf ein bisschen Druck zu setzen, um das leider rapide sinkende Impftempo wieder anzuheben. Allerdings sorgt diese Diskussion zum jetzigen Zeitpunkt, in dem es bundesweit immer noch über 30 Millionen ungeimpfte Menschen gibt, eher für verhärtete Fronten als Impffortschritt.
Warum dreht man die Debatte nicht einfach um und setzt zunächst auf mehr niedrigschwellige Angebote und – vor allem – Anreize? Ideen dafür gibt es doch genug: Warum etwa gibt es noch keine Impflotterie, wie es sie etwa in einigen Staaten der USA schon länger gibt – mit wöchentlichen Millionengewinnen, die unter allen Geimpften verlost werden?
Zwar ploppte der Vorschlag hier und da auf, aber ernsthaft aufgegriffen wurde er bislang nicht. Bevor man es mit härteren Maßnahmen versucht, wie Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sie vorschlägt, sollte man alle Möglichkeiten für niedrigschwellige Angebote ausreizen. Die Bundesregierung könnte es sich locker leisten, mehrere fette Millionengewinne und Sofortrenten unter allen Geimpften zu verlosen – gerne auch mit viel medialem Tamtam. Wenn schon eine Gratis-Bratwurst zur Impfung in Thüringen für Schlangen vor dem Impfzentrum sorgt, lassen sich sicher deutlich mehr Leute durch die Aussicht auf Millionengewinne locken.
Und vermutlich würde es sich sogar rechnen: der volkswirtschaftliche Schaden durch mehr Covid-19-Erkrankungen und Krankenhausaufnahmen bei einer hoch ausschlagenden vierten Welle dürfte auf lange Sicht größer sein, als ein paar Milliönchen für eine unkomplizierte Lotterie. Ganz zu schweigen von der verschonten Gesundheit der zusätzlich Geimpften.
Gleichzeitig bleibt es natürlich absurd, dass Anreize für die Impfung überhaupt erforderlich sind. Mit hoher Wahrscheinlichkeit gesund zu bleiben müsste eigentlich Anreiz genug sein. Aber angesichts des sinkenden Impftempos müsste doch jede pragmatische Idee und jeder Anreiz willkommen sein. Und wenn alle diese Register gezogen sind, nebst niedrigschwelliger Angebote wie Impfungen in Wohnsiedlungen oder vor Einkaufszentren, könnte man noch immer über Verschärfungen für Impfunwillige diskutieren.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert