„Drachenlord“ bekommt zwei Jahre Haft: Hass ist eine Form von Gewalt

Der Youtuber „Drachenlord“ wurde wegen Körperverletzung verurteilt. Über das Risiko, sich zu wehren.

Eine Gruppe von Menschen demonstriert vor dem Haus des Youtubers "Drachenlord"

Hass-Demo gegen den Drachenlord vor seinem Haus 2018 Foto: David Oßwald/NEWS5/dpa

Die Geschichte vom Drachenlord ist auch eine Geschichte von der Lust am Hass. Es ist eine Geschichte vom Internet als Raum der Entladung der Masse. Eine Geschichte von Plattformen, auf denen Menschen gejagt werden, von Rechtssystemen, die hinterherhinken. Es ist, vor allem, eine Geschichte von jemandem, der so dreist war, sich zu wehren.

Doch erst zum Anfang, der vermeintlich in einem Gerichtsurteil sein Ende gefunden hat. Zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung wurde der Drachenlord, eigentlicher Name Rainer Winkler, vor wenigen Tagen wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Er hatte eine Person mit einer Taschenlampe an­gegriffen, eine andere mit einem Backstein beworfen. Beide hatten sich in der Nähe seines Grundstücks aufgehalten, es kam zu einer Auseinandersetzung.

Angefangen hat alles vor zehn Jahren, als Winkler seinen Youtube-Kanal startete, der heute „Drachenlord“ heißt. Zunächst war es unauffälliger Youtube-Content. Er spielte Videospiele, redete über Musik, sprach auch mal über persönlichere Themen wie den Tod seines Vaters. Er kreierte eine Persona, die er Drachenbarden nannte und durch die er eigens gedichtete Märchengeschichten erzählte. Das erzeugte kaum Aufmerksamkeit, Monate später hatte er nicht mal 100 Abonnenten.

Anfang 2014 ändert sich das. Er lud ein Video hoch. „Ich habe einen Aufruf an euch kleine, miese Drecksschweine“, sagt er darin. Jemand habe seine Schwester angerufen und sie bedroht. Also nennt er seine Adresse und fordert die Täter auf, zu ihm zu kommen. „Ich prügel die Scheiße aus euch raus.“

Er hat sich gewehrt

Die Geister, die er rief – kamen. Seit Jahren wird Rainer Winkler nun schon gemobbt, bedroht, gehasst. Im Internet, unter seinen Videos. Auf eigens für ihn erstellten Websites und in Foren. Aber eben auch direkt vor seiner Haustür. Teils zu Hunderten versammeln sich Menschen vor seinem Haus, bewerfen es, bewerfen ihn. Schon vorher hatte sich Winkler dem tätlich entgegengesetzt, etwa Pfefferspray eingesetzt, bekam eine Bewährungsstrafe. Aber nun sind es zwei Jahre, die er im Gefängnis absitzen soll. Er hat sich gewehrt.

Aktuell dreht sich die Berichterstattung um den Drachenlord oft darum, wie viel Schuld ihn eigentlich selbst trifft. Seit Anfang 2014 besteht der Inhalt seines Youtube-Kanals größtenteils aus Reaktionen auf die Menschen, die ihn hassen. „Haider“ nennt diese Gruppe sich selbst. Er postet stundenlange Videos, in denen er auf Kommentare eingeht oder Material aus seinen Überwachungskameras zeigt, in dem Personen zu sehen sind, die um sein Haus schleichen.

Unter den Videos Kommentare wie: „Hör doch mit dem albernen Gejammer auf.“ Oder: „Er und Kinder, der Witz war gut, als ob das Jugendamt es zulassen würde, dass Kinder in der Messie-Bude leben, was für ein Vollidiot.“

Der Drachenlord hat 166.000 Abon­nen­t:in­nen auf Youtube. Im Vergleich zur Aufmerksamkeit, die er konstant bekommt, ist das wenig. Gronkh, einer der größten deutschen Youtuber:innen, hat knapp fünf Millionen. Winkler ist vor allem durch den Hass bekannt. Der Hashtag #Drachenlord trendet auf Twitter, wenn er wieder etwas vermeintlich Peinliches auf Youtube hochgeladen hat – oder wenn mal wieder ein Mob vor seiner Tür steht.

Es sind Mechanismen des Internets, die hier offenbar werden und die er auch selbst befeuert. Aber wieso ist die erste Frage, die sich viele stellen, ob er selbst Schuld hat an dem Hass, den er ständig abbekommt? Der Blick sollte sich auf die Hassenden richten.

Masse und Macht

Elias Canetti hat 1960 sein Buch „Masse und Macht“ veröffentlicht. Es war auch eine Reaktion auf den Nationalsozialismus und die Strukturen, die der eruptiven Gewalt der Masse zugrunde liegen. Darin beschreibt er das Verhältnis von Masse und Meute – im Speziellen der Kriegsmeute. „Sie setzt eine zweite Meute aus Menschen voraus, gegen die sie sich richtet, die sie als solche empfindet, auch wenn sie im Augenblick gar nicht besteht.“

Canetti hat damals nicht über Hassbewegungen im Internet geschrieben. Aber eines ist an Drachenlord und der Reaktion auf ihn bemerkenswert „kriegsmeuterisch“: Weil er sich wehrt, wird er als Meute gesehen. Wird so vom Opfer zu einem legitimen Feind. Es entsteht eine Freude daran, ihn zu hassen.

Gabbie Hanna ist eine 30-jährige Youtuberin, die mit der Videoplattform Vine bekannt wurde. Dort hat sie lustige und teils nachdenkliche Video-Snippets hochgeladen, die millionenfach geteilt wurden. Als Vine seinen Dienst einstellte, wechselte sie zu Youtube, kreierte vor allem „story time“-Videos, in denen sie aus ihrem Alltag erzählte. Sie fand ein großes Publikum, hatte über sechseinhalb Millionen Abos.

Dann konzentrierte sie sich mehr auf ihre Musik. Brachte oftmals recht kitschige Lieder heraus, mit dramatischen Videos. Sie veröffentlichte Poesiebände mit simplen Gedichten, zu denen oft das Jugendwort des Jahres passen würde: „Cringe“, also sich ­krümmen, weil man so peinlich berührt ist.

Hang zur Pose

Gabbie Hanna und Rainer Winkler könnten kaum unterschiedlicher sein. Haben aber doch etwas gemein: Er ist dick, sie ist peinlich – so der Konsens. Sie thematisieren immer wieder den Hass gegen sich – und bekommen nur noch mehr Hass. Im Fall von Hanna begannen Zuschauer:innen, sich über ihre Musik lustig zu machen, ihre Poesie auseinanderzunehmen. Hanna reagierte. Immer mit einem Hang zur Dramatik und zur Pose. Das hat sie mit Winkler gemein. Beide geben sich ihrer Reaktion voll hin, schmeißen sich mit Verve auf ihre Hater:innen.

Sie zeigen sichtbar ihre Verletzbarkeit, offenbaren, dass sie den Hass nicht nur mitbekommen, sondern dass er sie trifft. Das gefällt der Meute. Unter dem Stichwort Gabbie Hanna findet man auf Youtube vor allem Videos, in denen Menschen sich über sie lustig machen. Sich amüsieren über ihr offensichtliches Getroffensein.

In der Reaktion auf die Menschen, die sich wehren, scheint eine Lust am Hass durch. Eine geradezu sadistische Freude daran, zu dieser Masse der Quälenden zu gehören – und zu schauen, welche Reaktionen die neueste Boshaftigkeit hervorruft.

Nicht alle, die auf den Drachenlord oder Gabbie Hanna oder andere öffentliche Personen reagieren, wollen Teil des Hasses sein. Manche bringen valide Kritik hervor, versuchen den Diskurs zu nuancieren. Doch die Reflektierten sind meist nur Einzelstimmen im Chor des Hasses.

Das Internet ist die Echokammer, die diesen Chor zur Kakofonie macht. Wer zuerst geschrien hat, wessen Geschrei eine Gegenreaktion ist, das ist nicht mehr ausmachbar. In diesem Gedröhne verliert sich jede Spur; Opfer werden schnell zu Tä­te­r:in­nen – und umgekehrt.

Mögliche Maßnahmen gegen Internet-Mobbing

Was ist dem entgegenzusetzen? Social-Media- und Videoplattformen müssten ihre Prioritäten ändern. Weg von Algorithmen, die Aufregung und Feindlichkeit ordentlich Reichweite geben. Unter den eigenen Videos oder in den eigenen Streams können Crea­to­r:in­nen Kommentare löschen oder Use­r:in­nen sperren. Sie haben einigermaßen Kontrolle. Doch wenn fremde Videos über sie verbreitet werden, haben sie kaum Möglichkeit, sich dem zu widersetzen. Es sei denn, in dem Video ist Musik oder Bildmaterial mit Copyright. Dann werden Videos schnell gelöscht.

Viel wichtiger wäre es, das gesellschaftliche Feingespür für die Lust am Hass zu schärfen. Wieso ist es für viele ein Genuss, auf jene loszugehen, die sich wehren? Wieso ist keine Entschuldigung ausreichend, um den Geifer zu stoppen? Wieso ist Getroffensein ein Impuls für viele, noch mehr zu zielen?

Im Internet werden Einzelne zur Masse, gehen in ihr auf. Manchmal werden Teile dieser Masse zum Mob. Das Urteil des Gerichts scheint diese Gewalt nicht zu sehen. Es sieht nur die Gewalt, die sich manifestiert: eine Taschenlampe und ein Backstein. Das ist Gewalt, die geahndet werden sollte.

Aber was ist das, was davor kam? Lappalien aus dem Internet? Wie Sascha Lobo in seinem Artikel für den Spiegel schreibt: „Das Urteil des Gerichts scheint diese Gewalt nicht zu sehen.“ Winkler hat indessen Berufung eingelegt. Es ist fraglich, ob sie ihm nützen wird.

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