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Die Zeit nach dem großen O

Ein Gelände in Bochum hat über 150 Jahre Industriegeschichte hinter sich. Was lässt sich hier über die Zukunft lernen?

Aus Bochum Adrian Breitling

Von dem, was war, ist nur ein Kreis übrig. Nur der orange leuchtende Buchstabe O auf dem Dach eines backsteinernen Gebäudes am Rande des Bochumer Stadtteils Laer erinnert daran, dass hier einst der Autobauer Opel saß. Das heutige O-Werk mit der leuchtenden Aufschrift war das Verwaltungsgebäude eines riesigen Opelwerks. Es ist das einzige Gebäude des rund 70 Hektar großen Geländes, das noch steht. Und doch: Auch heute arbeiten hier tausende Menschen.

Das Gelände des ehemaligen Opelwerks heißt heute Mark 51°7, benannt nach den Koordinaten. Auf dieser Fläche am Bochumer Standrand war zunächst von 1865 bis 1958 die Zeche Dannenbaum ansässig, in der einst gut 3.000 Bergarbeiter jährlich über 725.000 Tonnen Steinkohle förderten – und damit ihren Teil zur Industrialisierung beitrugen. Ende der 50er Jahre fiel Dannenbaum dem Zechensterben zum Opfer. 1960 kaufte die Adam Opel AG das Gelände, bot den Menschen fortan Arbeit und Identität und war außerdem Sinnbild des Wirtschaftswunders. Bis der US-Konzern General Motors, dem Opel inzwischen gehörte, nach der Jahrtausendwende billigere Produktionsstätten suchte.

Über 150 Jahre lang war diese Fläche ein Gradmesser für den Industriestandort Deutschland. Erst waren da die Bergarbeiter, die den schwarzen Treibstoff der Industrialisierung förderten, dann die Facharbeiter von Opel, die vierrädrige Symbole des Aufschwungs zusammenschraubten. Seit 2014 das Opelwerk geschlossen wurde, steht das Gelände wieder vor der Frage, wie es weitergehen soll. Es erlebt wie das Ruhrgebiet seinen zweiten Strukturwandel und steckt noch immer mittendrin.

Das Gelände mit dem Koordinatennamen beherbergt heute vor allem Bürogebäude, in deren Eingangsbereichen Schilder darauf hindeuten, dass hier weder Hammer noch Meißel bedient werden, sondern Tastaturen – von einer neuen Generation Arbeiter*innen. Doch wer sind sie? Wie sieht dieser zweite Strukturwandel aus? Und gelingt er?

Roman Storka ist an diesem Julimorgen wie jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit gekommen. Einen Opel fährt er nicht mehr: „Ich hab mir geschwor’n, ich kauf mir nie wieder einen.“ Storka – heute Techniker im DHL-Zentrum – ist, nein, war Opelaner, und das aus Überzeugung. Sein Vater und sein Onkel arbeiteten schon für den Autobauer, waren dort stets zufrieden. Ab 1990 ließ auch Storka sich bei Opel ausbilden.

Storka hat an diesem Tag frei, kommt für den Besuch des Journalisten trotzdem vorbei. In einem Konferenzraum in der ersten Etage gibt es Kekse und schwarzen Kaffee aus Tassen mit der Aufschrift „Eine Zukunft“. Eine Palme auf seinem Shirt symbolisiert eine gewisse Entspannung, die er tatsächlich spürt. Der Grund: berufliche Sicherheit. „Bei Opel gab’s die ja nie.“

Gut zehn Jahre lang hätten er und die in Spitzenzeiten rund 20.000 anderen Ope­la­ne­r*in­nen geblutet, sagt Storka. Ab 2004 plante der Autobauer seinen Abgang, strich tausende Stellen. „Da haben wir die Bude eine Woche lahmgelegt“, erzählt Storka. Ein wilder Streik sei das gewesen, der für das steht, was viele Ehemalige beschreiben: eine immense Solidarität untereinander.

Und nicht nur unter Opelaner*innen. Storka erinnert sich noch an die Stullen und Getränke, die er und die anderen im Streik bekamen, auch von Menschen, die gar nicht bei Opel arbeiteten. Eine ganze Stadt versammelte sich, um ihrem größten Arbeitgeber zu zeigen, dass sie nicht alles mit sich machen lässt.

2014 war Schluss bei Opel, war der letzte Wagen vom Band gelaufen und das Werk geschlossen worden. Storka suchte sich einen neuen Job, für den er jeden Morgen nach Hagen fuhr, über die A448 am alten Opelgelände vorbei. So sah Storka, wie dort die Mauern erst immer niedriger und dann schnell immer höher wurden. Als er in einer Jobbörse sah, dass der Nachmieter DHL Techniker suchte, bewarb er sich.

2019 eröffnete das Bochumer DHL-Zentrum mit der unternehmensinternen Nummer 43. Bundesweit ist es das zweitgrößte seiner Art. Bis zu 50.000 Pakete können in den großen Hallen stündlich sortiert, aus Containern auf Fließbänder entladen, mit Laserstrahlen erfasst und über Rutschen in Lieferwagen verfrachtet werden.

In der Produktionshalle mit all den über Bänder sausenden Paketen ist Roman Storka nicht so oft. Bei Opel bestens ausgebildet, ist er in leitender Funktion tätig, sitzt meistens vor einem Laptop in einem teppichbelegten Büro und prüft, ob technisch alles rundläuft.

Storka ist schon verhältnismäßig lange bei DHL, kam kurz nach Werks­eröffnung. Doch die Solidarität, wie bei Opel, die stellt sich noch nicht so richtig ein, sagt er. Mit einigen Kollegen aber gibt es sie noch – den Ex-Opelanern, von denen es mehrere an die alte Wirkungsstätte gezogen hat. „Man ist einfach ein bisschen vertrauter.“

Das Früher fehlt Storka aber nicht, denn besser war es keineswegs. Eine Ursache für die Verbundenheit unter den Ope­la­ne­r*in­nen war, dass es mit dem abwandernden Arbeitgeber einen gemeinsamen Feind gab und dazu die Existenzangst.

Jetzt sitzt Storka endlich „im sicheren Sattel“, den er sich so lange gewünscht hat. „Am Ende“, sagt Storka, „ist Arbeit halt Arbeit, ne“. Ob er nun mit Autos oder Paketen zu tun hat, mache keinen Unterschied. „Die Autos waren nur größer.“

Ex-Opelaner weinten an der Baustelle

Das, was Roman Storka beschreibt, die schnell niedriger und noch schneller höher werdenden Mauern auf Mark 51°7, macht Christoph Bork stolz. Er ist Flächenentwickler bei der Bochumer Wirtschaftsentwicklung, die verantwortlich ist für den Umschwung von Opelwerk zu O-Werk, von Autofabrik zu Mark 51°7. Es sei schon besonders, sagt er auf einem Rundgang über extrabreite Fußwege, vorbei an den modernen Bürogebäuden und der neuen Bahnhaltestelle, wie schnell das alles ging.

Bork hat schon viele Interessierte über das knapp 100 Fußballfelder große Gelände geführt, das er selbst mit­entwickelt hat. Er kennt hier jeden Meter. Noch während die alten Gebäude abgerissen, während die Böden auf ihre Sauberkeit überprüft wurden und während trauernde Ex-Opelaner*innen an den Baustellenzäunen den Abbau ihres alten Arbeitsplatzes beweinten, fing die Arbeit am Neuen an, erzählt er. 2016 – vor genau zehn Jahren – pachtete der Lieferriese DHL als erster Opel-Nachfolger knapp ein Sechstel der Fläche. Heute sind über 90 Prozent des Areals vergeben.

Dass alles so schnell ging, erklärt Bork sich so: Erstens sei da ein „Wunsch des Gelingens“ und zweitens die Idee sehr gut gewesen, mehrere Zukunftsbranchen auf das Gelände zu holen statt ein großes Unternehmen.

Mit dabei bei der Planung war auch Garrelt Duin, der von 2012 bis 2017 Wirtschaftsminister in Nordrhein-Westfalen war. In dieser Funktion war er nicht nur eng an den Planungen für das Projekt auf dem alten Opel-Gelände beteiligt. Er hat der Stadt Bochum seinerzeit auch insgesamt gut 65 Millionen Euro Landesgelder für den Neustart verschafft.

Duin war klar, dass nach dem Abgang Opels schnell etwas passieren müsse. Er wollte „nicht hinterm Sarg herlaufen“. Von leeren Solidaritätsbekundungen hatte er nach Jahren politischer Tätigkeit genug. So berief Duin einen Roundtable ein, an dem Lan­des­ver­treter*innen, die Stadt Bochum und auch Opel saßen. Das Gelände gehörte damals noch dem Konzern, weswegen Duin ihn mit am Tisch haben wollte. Gemeinsam gründete man die „Bochum Perspektive 2022“, die seitdem Inhaberin der Fläche ist. Inzwischen hat sich der Zusammenschluss in „Bochum Wirtschaftsentwicklung“ umbenannt, für die auch Christoph Bork arbeitet.

In der Planung des neuen Geländes war es Duin wichtig, nicht den Fehler alter Tage zu begehen und sich von einem großen Unternehmen abhängig machen zu lassen. Denn sonst hätte es wieder, wie bei Opel, passieren können, dass die Entscheidung eines fern sitzenden Konzerns plötzlich den wirtschaftlichen Boden unter einer ganzen Region wegzieht – und Menschen wie Roman Storka den Job kostet. Stattdessen sollte auf dem Gelände ein Mix aus verschiedenen Arbeitgebern Platz finden. Insgesamt über 10.000 Beschäftigte sollen einmal auf Mark 51°7 arbeiten, gut 6.000 sind es aktuell.

Das Ruhrgebiet im Dauerlimbo

Bork läuft auf dem Rundgang an der fast fertiggestellten Baustelle eines Max-Planck-Instituts hinter einem hölzernen Gebäude entlang. Es gehört den Stadtwerken, die hier die Klimaanlage für das ganze Gelände steuern. Die Wärme und Kälte beziehen sie aus rund 800 Metern Tiefe, genauer: aus den alten Schächten der Zeche Dannenbaum.

Per Geothermieverfahren wird Erdwärme aus dem Grubenwasser genutzt, erklärt Bork, um nachhaltig Wärme und Kälte für die Gebäude auf Mark 51°7 bereitzustellen. Dabei stehe es den angesiedelten Unternehmen frei, eigene Konzepte vorzulegen und umzusetzen, „wenn sie denn nachhaltiger sind“.

Nur was die Biodiversität auf dem Gelände betrifft, da würde er sich noch mehr Vielfalt wünschen, sagt er, was wegen der Altlasten auf dem Arreal aber schwierig sei. Dann hält Bork hält kurz inne und ruft: „Schauen Sie mal, Natur pur!“ Durch das flache Gras neben dem Fußweg hoppelt ein Hase.

Der Rundgang führt eine steinerne Rampe hoch, am Wegesrand wachsen Wildblumen. Bork erklärt, dieses gepflasterte Landschaftsbauwerk nenne man in der Fachsprache Umlagerungsbauwerk. Auf Ruhrdeutsch: eine Halde.

Von den Bergarbeiten war belastetes Gestein übrig geblieben. Dieses sollte gesichert werden und möglichst auf dem Standort bleiben. So habe man auf Mark 51°7 wie in vielen Ruhrgebietsstädten das verseuchte Geröll gesichert, darauf etwas Gras gepflanzt, Wege verlegt und aus dem Müll von gestern eine Aussichtsplattform gemacht.

Oben angekommen, schaut Bork sich um, hat alles im Blick – bereits fertiggestellte Gebäude und die Baustellen, bestehende und künftige. Zu seiner Rechten leuchtet das gelbe DHL-Zentrum die grauen Parkplätze drumherum an. Ein paar Meter weiter ist die Rückseite des Backsteinbaus zu sehen, des O-Werks.

Seit Jahrzehnten ist das Ruhrgebiet im Dauerlimbo zwischen „noch nicht“ und „nicht mehr“, weiß nicht ganz, ob der Blick von den Halden der Gegend in Richtung Vergangenheit oder Zukunft zeigt. Weiß nicht, was es bedeuten würde, die Vergangenheit sie selbst sein zu lassen und der Zukunft eine Chance zu geben. Und ob nicht vielleicht auch beides gleichzeitig funktionieren kann, am Pendelschlag zwischen davor und danach.

Die Demokratisierung der Produktionsmittel

Alina Barkanowitz, genannt Al, hat „die Utopie von Strukturwandel in der eigenen Biografie“, wie sie sagt. Ihr Vater war einst Bergmann, ihre Mutter Köchin. Sie ist beides nicht, sondern hat als Erste in der Familie studiert und einen Master in Szenischer Forschung abgeschlossen. Al arbeitet im Makerspace, der zur Ruhr-Universität Bochum gehört, direkt im ersten Geschoss des O-Werks. Durch die Fenster hinten raus sieht man das DHL-Zentrum und in der Ferne fein liniert die Halde.

Der Makerspace, erklärt Al, ist ein Ort des Transfers. Zum einen sei er ein Ort des Technologie- und Wissenstransfers, zum anderen auch ein Ort des Transfers von der Welt der Universität in die breite Gesellschaft. Das Konzept: Im Space stehen auf zwei Etagen Geräte und Werkzeuge, von 3D-Druckern über Metallsägen bis hin zu Kunststoffpressen. Wer will, kann die teuren ­Geräte hier nutzen – und wird von ­Menschen wie Al geschult und unterstützt.

Der schönste Ort im Makerspace ist für Al die Kunststoffwerkstatt. Wer in diesem Raum ein Modell für die Masterarbeit, einen Prototypen für das Start-up oder einfach ein Experiment machen will, bekommt von Al gezeigt, wie das geht.

Eine klare Berufsbezeichnung gibt es für das, was Al macht, nicht. Eine mögliche Herleitung aber wäre, dass sie im Makerspace arbeitet, also Makerin ist, Macherin. Obwohl: Mal abgesehen von der Vecnabüste an der Wand, dem Abbild des Bösewichts aus der Serie Stranger Things, und dem drehbaren Brettspielfeld in der Ecke, die Al selbst gebaut hat, ermöglicht sie es eigentlich anderen, zu machen. Die Suche nach einem passenden Begriff dauert also an.

Ginge es nach Al, dann hat ihr noch unbenannter Berufsstand Zukunft. Letztlich geht es ihr nämlich um nicht weniger als die Demokratisierung von Produktionsmitteln. Nicht Großkonzerne wie Opel sollen die Geräte besitzen, sondern alle. Jeder Mensch mit einer guten Idee solle diese auch umsetzen können.

Zunächst jedoch muss Al für den nächsten Tag noch Material vorbereiten. Dafür schreddert sie Plastik. „Das hier war mal ein Stuhl, das hier eine Mappe“, sagt sie und zeigt auf weiße und gelbe Flocken aus Kunststoff. Aus Altem wird also bald schon Neues.

„Neues muss man wollen“, sagt Gar­relt Duin, der heute Direktor des Regionalverbands Ruhr ist. Dieser Wille aber ist im Ruhrgebiet nicht in den Werkseinstellungen der Menschen verankert. Im Gegenteil: In Souvenirshops gibt es bis heute förderturmförmige Nudeln und Magneten mit Aufschriften wie „Ker, watt ham wa malocht“. Der Pottler ist Arbeiter, auf Zeche oder bei Opel, und stirbt an Staublunge – selbst wenn die Realität ganz anders aussieht. Duin findet deswegen: „Man müsste den Industriebegriff weiterdenken.“ Und damit auch das Verständnis von Identität.

Was das heißt, zeigt sich auf dem Gelände bei Bochum. Das Ruhrgebiet – und insgesamt Deutschland – solle laut Duin nicht nur „billig die Ideen aus anderen Ländern zusammenschrauben“, sondern sich weiter vorn in der industriellen Nahrungskette ansiedeln und die Ideen selbst entwickeln. Einen Titel für diese neue Generation der Industrie, mit Arbeitern wie Roman Storka und Macherinnen wie Al Barkanowitz, hat Duin auch schon: „Maloche 2.0.“

In dieser zweiten Generation der Maloche sollen – wie auf Mark 51°7 – Vergangenheit und Zukunft aufeinandertreffen und sich beim Schichtwechsel kollegial zunicken. Zum einen die älteren Arbeiter wie Storka, die müde sind von all der Historie und pünktlich ihr Gehalt auf dem Konto sehen wollen. Und zum anderen die neuen Macherinnen wie Al, mit Ideen dafür, wie die Welt von morgen aussehen könnte. Die mitten im zweiten Strukturwandel schon an den nächsten denken.

Christoph Bork ist am Ende seines Rundgangs wieder vor dem Eingang des O-Werks angekommen. Hier soll bald auch ein Restaurant hin, einige Meter weiter eine zweite Kita. Das alte Verwaltungsgebäude aber wird nicht weichen müssen, trotz des Wandels. Das O-Werk steht nämlich unter ­Denkmalschutz.

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