Die Wahrheit: Bestseller mit Strähnchen
Erfolgsromane kommen bisweilen ohne Skrupel oder Lektorat aus, lassen ihre Leser aber ebenso ratlos wie erschöpft zurück.
A ls Kleinschriftstellerin mit überschaubarem Erfolg muss ich gelegentlich neidisch darauf gucken, was die anderen so machen. Was haben sie, das ich nicht habe? Da blättere ich in den Buchhandlungen verzagt durch aktuelle Romane und lese tolle Sätze, zum Beispiel diesen hier: „In mir keimte die Erkenntnis, dass Leif ein Geheimnis hatte, das er vor anderen verbarg.“
In mir keimt dagegen die Erkenntnis, dass dieser Verlag das Lektorat eingespart hat, was er allerdings nicht vor mir verbergen kann. Wie käme wohl Leif mit seinem Geheimnis klar, wenn er es nicht vor anderen verbergen tät? In mir weint die Unkenntnis über sein Geheimnis und dabei bleibt es auch, weil in mir zugleich die Einsicht greint, dass ich Leif nicht näher kennenlernen will, Geheimnis hin oder her. Und müsste es nicht heißen: „In mir reifte die Erkenntnis“? Können Erkenntnisse neuerdings keimen wie Getreide?
Sicherheitshalber wechsle ich zum Bestsellerregal. Dort muss ich lesen: „Unwillkürlich prüfte ich die Beschaffenheit meiner modischen Kurzhaarfrisur à la Uschi Glas und zupfte an ein paar Strähnchen herum, spitzte die Lippen und befeuchtete sie mit der Zunge.“ Wäre nicht „mit der Spitze meiner Zunge“ noch etwas anschaulicher gewesen? „… spitzte meine aufgespritzten vollen sexy Lippen und befeuchtete sie liebevoll und routiniert mit der attraktiven Spitze meiner begehrten Zunge“, ja, so wird ein Stöckelschuh draus.
Und überhaupt, kann eine Frisur eine „Beschaffenheit“ haben und wie prüft man die, vielleicht auch mit der Zunge? Meint die Autorin in Wahrheit nicht bloß: „Ich guckte in den Spiegel – aber das kann ich leider so einfach nicht schreiben, weil du, liebe Leserin, wissen sollst, dass dieser Roman in den achtziger Jahren spielt, als noch nicht alle Frauen lange Haare hatten, und schlag jetzt gefälligst nach, wer Uschi Glas ist.“
Klischees ohne Skrupel
Möchten wir nicht eigentlich auch noch wissen, wie die Friseurin hieß (Uschi Glas?) und was das Haarfrisur-Kunstwerk gekostet hat? Ja, denn bisher wurde nur Klischee auf Klischee gestapelt. Da überrascht es kaum, dass die Augen des Vaters der Erzählerin „von Lachfältchen umzingelt“ sind.
Hier bricht sich spontan eine unglückliche Liebe zu Originalität Bahn, die von der Sprache nicht erwidert wird und nicht rechtzeitig von schriftstellerischen Skrupeln umzingelt wurde. Aber, ruhig bleiben, schon drei Seiten später zupft die Erzählerin wieder kokett an ihren Strähnen. Etwas anderes fällt der Autorin anscheinend nicht ein, um uns anschaulich zu machen, dass diese Frau ebenso eitel wie saudämlich ist. Ach nein, es ist ja die Heldin. Also ist Strähnenzupfen wohl ihr Markenzeichen und irgendwie doch in Ordnung.
Ich klappe das Buch erschöpft wieder zu und prüfe die Beschaffenheit meiner Seele mit der Spitze meiner ganz okayen Zunge. Was soll ich sagen, es geht noch. Irgendwie geht es ja immer, notfalls auch ohne Bestseller.
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