Die Wahrheit: Aussterbende Zombies
Nicht nur weil es in Europa immer heißer wird, schrumpfen die Bestände an Mensch, Tier und Pflanze und Kleinschriftstellern mit Baumwollbeuteln.
W er wie ich versucht, sich vor dem Horror um uns herum (Krieg! Politbarometer! Noch mehr Krieg! Noch mehr Politbarometer!) in unverfängliche Bereiche herüberzuretten und nur noch Naturdokus guckt, lernt andere Gegner fürchten.
Zum Beispiel die asiatische Hornisse, die inzwischen bei uns heimisch ist (Globalisierung!), täglich circa siebzehn Kilo Wildbienen frisst und somit Mitteleuropa vernichten wird, noch ehe Putin und die AfD einmal „Heil Hitler!“ rufen können. Falls nicht zuvor schon der steigende Meeresspiegel mein süßes Norddeutschland komplett ertränkt haben wird, während die durch den Klimawandel verursachten Bergrutsche Wurstsemmelsöders Königreich huldreich überwölben. Aber München liegt ja praktisch im Flachland, sodass sich die bayerische Landesregierung gar keine Sorgen machen muss.
Der Bayer und der Norddeutsche als solche wissen ohnehin, dass der Dreck immer nur die anderen trifft, Menschen auf entlegenen pazifischen Inseln, die langsam absaufen, weit weg und also eher zum Lachen. Da wird die Meldung, dass ausgerechnet Europa sich am allerschnellsten erwärmt, wenig Freude machen. Allerdings fallen Hitzetote zwar statistisch ins Gewicht, aber medial nicht auf, weil sie keine gut erzählbaren Geschichten liefern. Ebenso wenig wie aussterbende Berufe, zum Beispiel der des Kleinschriftstellers. Gerade lief mir noch ein Exemplar in hängender Jeans und mit Baumwollbeutel mit Handzetteln für die nächste Lesung über den Weg. Süß! Wahrscheinlich war er auf dem Weg zum Zombiecasting.
Patient Wal
Ebenso geht es den sterbenden Walen, die sich verlaufen (Klimawandel!), dabei ganz neue Religionen stiften und für die Kameras mehrmals wiederauferstehen müssen, anstatt in Frieden dahinsiechen zu dürfen. Leider können sie keine Patientenverfügung unterschreiben, die die Quälerei verhindert.
Zu derlei Vorsorge möchte mich meine Lokalzeitung nötigen und mir einen Ratgeber zu allen Fragen des Siechtums und Ablebens verkaufen. Ja, ich weiß, dass man das tunlichst erledigt haben sollte, ehe es zu spät ist. Der Liebste und ich tasten uns an das Thema heran, konnten aber die Frage, wer von uns wohl zuerst sterben wird, nicht schlüssig beantworten, und davon hängt dann ja einiges ab.
Zur Ablenkung könnte ich inzwischen einen Sargbauworkshop besuchen, den mir die Zeitung ebenfalls anpreist. Das so erstellte Möbel sei vielseitig verwendbar, beispielsweise als Sitzbank oder als Schrank. Man kann sich auch für die nächsten Jahre reinlegen und auf das Ende warten. Wenn es allerdings von einer Kleinschriftstellerin persönlich zusammengezimmert wird, wird sie nach dem Tod in der Erde vom Gekicher der Würmer gestört und muss wiederauferstehen. In diesem Fall möchte ich in einem Bassin schwimmend in die Nordsee expediert werden. Das ist ja wohl nicht zu viel verlangt.
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