Die Wahrheit: „Warum machen die das immer?“
Die Wutbürger-Anklage abseits globaler Krisen und Kriege: Fahrradkorbvermüller sind die Allerallerschlimmsten auf der ganzen großen Welt.
Es ist mir eines der größten Rätsel, und zugleich ein gewaltiger Dorn im Auge: Bei jedem Fahrrad mit Radkorb, das irgendwo am Straßenrand abgeschlossen steht, ist der Korb innerhalb kürzester Zeit bis obenhin voller Müll: To-go-Kaffeebecher, Wurstpappen, Brötchentüten, Plastikflaschen. Selbst gefüllte Hundekotbeutel habe ich schon gesehen.
Sobald irgendein Arsch das erste Teil hineinwirft, ist das der Startschuss – „Müll bekommt Junge“, hat mal ein Hauswart treffend über dieses Phänomen gesagt: Nach und nach werfen andere Ärsche anderen Abfall dazu. Jedes Mal, wenn ich das sehe, könnte ich kotzen, obwohl es gar nicht mein Fahrradkorb ist. Könnte mir also egal sein, wenn mir die Allgemeinheit so egal wäre wie offenkundig den Verschmutzern.
Ist sie aber nicht. Ich ärgere mich aus Prinzip. Die müssen doch wissen, dass das kein Papierkorb ist, und jemand anderes nun die Arbeit hat, ihren Dreck zu entsorgen. Und selbst, wenn man völlig wertneutral beleuchtet, dass nun mal einfach gnadenlose Dreckschweine existieren, die sich nicht um ihren eigenen Müll kümmern, so what, weil solche Leute muss es ja anscheinend geben, wie die Natur auch die Wespe, die Ratte und die Bettwanze mitschleppt, hegt, und für ihre Übeltaten obendrein mit Pflaumenkuchen und multiplen Orgasmen belohnt: Selbst dann also, nach deren inneren Logik, wäre es doch weitaus bequemer, den Abfall einfach fallen zu lassen oder so zufällig wie random in die Gegend zu pfeffern. Da verwittert er dann, oder eine Kehrmaschine der BSR, der Berliner Stadtreinigung, nimmt ihn irgendwann mit.
Sonntagsspaziergang in Rage
Aber nein, sie drücken das Zeug lieber anonymen Mitmenschen auf. Auf unserem Sonntagsspaziergang gerate ich zunehmend in Rage. „Nee, ehrlich. Wer denkt hier denn bloß im Ernst, er räumt so seinen Müll auf“, predige ich meiner Frau, um dann unvermittelt in einen Tonfall weinerlicher Anklage umzuswitchen: „KANN MIR DAS BITTE MAL JEMAND ERKLÄREN: ICH MÖCHTE DOCH EINFACH NUR VERSTEHEN, WARUM DIE DAS IMMER MACHEN?“
Ebendieser Ton in Verbindung mit dem steinhart mahlenden Unterkiefer und der hervortretenden Halsschlagader, konterkariert die Wörter „bitte“ und „einfach“, und entlarvt die Frage als rein rhetorisch, denn die Antwort steht ja längst fest: Nur ein komplett bescheuertes, mieses, scheißverficktes Schweinearschloch macht so etwas, und zwar aus dem einzigen Grund, damit vor aller Augen das Hochamt seiner unfassbaren Niedertracht und Rücksichtslosigkeit zelebrieren zu können.
Doch auch wenn ich, in einer weiteren Nuance aus der beispiellos schillernden Palette meiner Sprachmodulationstools, stattdessen mit jener unnachahmlich seidig-erotischen Stimme, die mich seit jeher zum angebeteten Schwarm aller älteren Damen kürt, säuseln würde, „ach, ihr Lieben, hättet ihr vielleicht die Güte, mich über die Hintergründe dieses Rätsels aufzuklären. Ich sehne mich doch einfach nur so sehr danach, mich in eure armen kleinen Köpfchen einzufühlen: Was mag einen gewiss vom Schicksal geprügelten Menschen wohl dazu bewegen, sich so zu verhalten? Sind es vielleicht seine ureigensten Enttäuschungen, seine tief verborgenen Wunden und seine unerfüllten Wünsche?“, könnte ich die passive Aggressivität dahinter nicht verbergen.
Und auch meine Frau hat mich längst durchschaut. „Du bist manchmal so ein Wutbürger“, sagt sie. Und dann noch irgendwas mit Gaza, Iran, Ukraine und irgendwelchen wirklichen Problemen. So genau habe ich es nicht verstanden, und ehrlich gesagt auch nicht hingehört. Was hat denn das bitteschön auch mit dem Fahrradkorb zu tun? Das ist doch jetzt gerade wieder dieser Whataboutism, von dem sie immer alle reden, oder?
„Wutbürger“ hat ja leider einen ähnlich negativen Bedeutungswandel vollzogen, wie „Gutmensch“ oder „woke“. Da hat man sich ja anfangs auch erst mal gewundert: „Hä?, ein Schlechtmensch ist euch also lieber?“ Oder „Was soll denn jetzt eigentlich so schlimm daran sein, wenn jemand wach ist – findet ihr Schläfer etwa besser?“
Und ebenso der Wutbürger. Das war ja auch mal was Gutes. Er erfreute sich höchster Anerkennung. Wenn im Mittelalter deine Stadt überfallen wurde, konntest du dich nicht allein auf eine Handvoll bezahlter Söldner verlassen, sondern musstest dich als Bürger mit dem Spieß (Spießbürger) bewaffnen.
Und manchen Verteidigern blieb sogar nichts als ihre Wut. Das war die Holzklasse unter den Bürgerwehren. Schreiend, spuckend und nur mit der bloßen Faust bewaffnet, sind diese Wutbürger auf den Feind zugerannt. Der konnte sein Glück gar nicht fassen und hat ihm als erstes gleich mal mit der Streitaxt das Maul gestopft. Aber das Wutbürgertum leistete auf diese Weise natürlich einen aufopferungsvollen Dienst an der Gemeinschaft. So wurde in Zorneding bei München 1641 erstmals eine offizielle Wutbürgerwürde verliehen, kenntlich an dem kleinen Rohrspatzen aus Zinn, den der Geehrte fortan an einer Kette um den Hals trug.
Doch seitdem ist der Stern des Wutbürgers am Sinken. Heute wird der Begriff nur noch mit Internettrollen, Stauhupern, Schwurblern, sowie Straßen-, Block-, Wald-, Feld- und Wiesenwarten in Verbindung gebracht.
Dafür kann ich aber nichts. Und das sage ich ihr auch. „Dann bin ich halt einer“, sage ich. „Im guten alten Sinn. Ein aufrechter Kämpfer gegen das Böse, wie einsam und chancenlos ich auch sein mag. Ein edler Ritter von der traurigen Gestalt.“ Und mache Anstalten, den Müll aus dem Korb zu klauben, um ihn mitzunehmen.
„Wirfst du den jetzt etwa bei uns zu Hause weg?“, fragt sie. „Das kann jetzt nicht sein, oder?“
Nein, das ist auch nicht so. Selbstverständlich nicht. Ich nehme ihn nämlich mit zur Polizei. Als Beweisstücke, wenn ich das Schwein nachher anzeige. Beziehungsweise die Schweine. Die Serientäter, Mitläufer und Trittbrettfahrer, dieses Quasi-Pogrom gegen unschuldige Radfahrerinnen. Aber vorher mache ich noch ein Foto vom Tatort. Ich mach’ die so fertig.
Die Wahrheit auf taz.de
Die Wahrheit
ist die einzige Satire- und Humorseite einer Tageszeitung weltweit.
Die Wahrheit
hat den einzigartigen täglichen Cartoonstreifen: ©Tom Touché.
Die Wahrheit
hat drei Grundsätze:
Warum sachlich, wenn es persönlich geht.
Warum recherchieren, wenn man schreiben kann.
Warum beweisen, wenn man behaupten kann.
Deshalb weiß Die Wahrheit immer, wie weit man zu weit gehen kann.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert