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Der lange Abschied von Amerika

Die USA waren nach 1945 das Über-Ich der Bundesrepublik. Deshalb wirkt die politische Klasse hierzulande angesichts von Trump auch so überfordert

Illustration: Katja Gendikova

Von Stefan Reinecke

„Amerika war das Land, das meinen Begriff von Vergnügen überhaupt definiert hat. Dort erschien alles offen.“ Wim Wenders

Können wir uns ein Leben ohne die USA vorstellen? Das Gros der Filme, die Deutsche in Kinos und Streamingkanälen sehen, stammt aus den USA. Hollywood hat unser Empfinden, wie Geschichten in Bildern auszusehen haben, bis in die Verästelungen geprägt. Produktionsfirmen von Amazon bis Disney sind in US-Besitz. Die digitale Infrastruktur, die wir täglich nutzen, wurde zum größten Teil in den USA erfunden und gehört US-Firmen. Fast alle global verbreiteten Popstile, von Rock’n’Roll bis Rap, sind in den Slums oder Vorstädten amerikanischer Metropolen erfunden worden. Deutsche hören bei Spotify am liebsten Taylor Swift. Eineinhalb Millionen Deutsche essen jeden Tag bei McDonalds. Militärisch ist Deutschland abhängig von US-Waffen, digitalen Daten und nachrichtendienstlichen Informationen.

Die deutsche Kultur, Politik und Gesellschaft sind stärker als die anderer europäischer Länder in den vergangenen 80 Jahren von den USA geprägt worden. Die US-Popkultur erschien vielen nach 1945 Geborenen als Ersatz für die im NS-Terror zugrunde gegangen nationale Identität. Jazz und Blues, Miles Davis und Elvis verströmten einen lässigen Hedonismus, der ein Gegengift zu den formierten Nazi-Körpern und der Tristesse der 50er Jahre bildete. Der Regisseur Wim Wenders, geboren 1945, hat die abgründige Faszination der amerikanischen Kultur präzise ausgelotet. „Ohne Rockmusik wäre ich verblödet“, hat er gesagt und eine Textzeile von Velvet Underground zitiert. „Rock’n’Roll has saved my life“.

Wenders in melancholischem, hartem SchwarzWeiß gehaltener Film „Im Lauf der Zeit“ aus dem Jahr 1976 handelt von der Reise zweier Männer, die entlang der innerdeutschen Grenze führt. Bruno (Rüdiger Vogler) erzählt Robert (Hanns Zischler) einmal, dass er bei einem Streit mit seiner Frau die Melodie von Elvis Songs „Mean Woman Blues“ im Ohr hatte. „Die Amerikaner haben unser Unterbewusstsein kolonialisiert.“ Ein Satz, den man aus dem französischen Kino nicht kennt.

Im Lauf der Zeit“ ist ein Roadmovie, ein Genre, das in den USA erfunden wurde. Wenders verbeugt sich vor dem US-Regisseur Nicholas Ray, dessen Filme er darin zitiert. Wie viele in der postfaschistischen Republik suchte Wenders nach moralisch und ästhetisch brauchbaren Vaterfiguren. Das NS-Regime hatte Traditionslinien ausgelöscht oder korrumpiert. Die US-Kultur war eine Möglichkeit, diese Lücke zu füllen. Es ist vielleicht kein Zufall, dass Wenders und Werner Herzog, beide sehr deutsche Charaktere, in Hollywood lebten und arbeiteten – anders als Godard, Truffaut, Fellini, Kaurismäki, Almodóvar, Ozon.

Was in den USA in Mode war, kam später auch nach Deutschland. Start-ups und Nike Schuhe, Milkshakes, Onlineshopping und Marvel-Filme. Die kulturelle Amerikanisierung ist ein globales Phänomen. Aber in der Bundesrepublik war sie besonders. Die Deutschen saugten auf, was aus Übersee kam. Sie waren das brave Kind und der demokratische Musterschüler, die USA das Vorbild, dem man nacheiferte und das die Rolle des geachteten (und nur heimlich oder an den politischen Rändern verwunschenen) Vaters spielte. Die USA waren das Über-Ich der Bundesrepublik.

Jan Phillip Reemtsma hat vor längerer Zeit scharfsinnig darauf hingewiesen, dass die „kulturell weitgehende Identifizierung mit den USA“ auch eine Unterwerfung war, nicht nur Befreiung der Körper durch Konsum und Popkultur. Westdeutschland ordnete sich nach 1945 der Autorität der potenten Siegermacht unter. Nazi-Deutschland hatte das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte begangen – die USA verkörperten die Macht, die strafen konnte, aber darauf (anders als in Japan) verzichtete. Der Kalte Krieg sorgte dafür, dass die USA im westdeutschen Psychohaushalt gusseisern die Rolle der Schutzmacht besetzten, die garantierte, dass die befürchtete Strafe, „die Rache der Russen“, ausblieb.

Das ist eine psychodynamische Grundlage für die Fixierung auf die USA. Deshalb ist das Ende des Westens, das wir gerade erleben, auch ein Drama der alten Bundesrepublik, das man im Osten eher interessiert beobachtet.

1962 besuchte der US-Botschafter in Paris Präsident Charles De Gaulle und berichtete, dass die USA die Häfen in Kuba verminen werden. De Gaulle unterbrach den US-Botschafter mit dem Satz: Erzählen Sie mir das oder fragen Sie mich? In Bonn und in Berlin wäre dieser Satz kaum einem Kanzler über die Lippen gekommen. (Gerhard Schröder 2003 war die Ausnahme.) Dass die USA die Bundesrepublik in geopolitischen Affären nicht zu fragen brauchten, verstand sich nahezu von selbst.

Frankreich rüstete in den 60er Jahren atomar auf und stieg militärisch für Jahrzehnte aus der Nato aus. In der Bundesrepublik hält man auch 2026 den Abzug der US-Militärs noch immer für einen Schicksalsschlag, den es unbedingt zu verhindern gilt. Es mag angesichts der Drohungen aus Moskau gegen Europa Gründe geben, US-Soldaten für vorteilhaft zu halten – aber die panische Angst, von der Schutzmacht verlassen zu werden, hat irrationale Anteile. Der frühere SPD-Außenminister Heiko Maas sagt: „In einem Familienverhältnis hätten die USA die Rolle der Eltern, wir die des Kindes.“ Dieses Zitat steht in Holger Starks lesenswertem Buch „Das erwachsene Land – Deutschland und Amerika eine historische Chance“, das die Stationen der transatlantischen Entfremdung nachzeichnet.

Der Westen ist zerbrochen. Die Trump-USA haben die Rolle des schützenden Vaters abgestreift wie einen alten Mantel. Alles, was selbstverständlich war, wankt, auch das Selbstbild der Bundesrepublik. Die Meistererzählung der Bundesrepublik, entworfen von dem Historiker Heinrich August Winkler, war die erfolgreiche Westbindung: Die Deutschen haben demnach nach 1945, unter Führung der USA, den weiten Weg nach Westen absolviert, das Autoritäre gezähmt, den Sonderweg beendet. Seit 1990 ist die deutsche Frage gelöst, Deutschland ist zivil, freundlich und reich geworden. Diese gefeierte Selbsterzählung war keine nüchterne Beschreibung, es war eine Erlösungsgeschichte, die die Frage aufwarf: Was kommt eigentlich nach dem Happy End?

Foto: taz

arbeitet im Parlamentsbüro der taz mit den Schwerpunkten SPD und Linkspartei.

Nichts Gutes. Das bundesdeutsche Narrativ von der glücklichen Ankunft im zivilen Westen verdampft jedenfalls in dem Moment, in dem man vom Westen nur noch in der Vergangenheitsform reden kann.

US-Präsident Donald Trump will die EU zerschlagen und die Nato auflösen, jedenfalls manchmal. Die hiesige politische Klasse wirkt angesichts dieser Drohungen meist eingeschüchtert, selten trotzig, immer ratlos. Wenn Trump es beliebt, freundliche Töne anzuschlagen, lodert in Deutschland die Hoffnung, dass man ihn mit Geschenken günstig stimmen kann. Oder dass all dies nur ein böser Traum ist, und wenn man die Augen aufmacht, alles wieder so ist wie früher. Bestenfalls wird angekündigt, dass Europa jetzt aber wirklich unabhängig von den USA werden sollte, um dann dort für Milliarden Dollar Waffen zu kaufen. Die politische Klasse besteht aus gescheiten, strategisch denkenden Köpfen, die hochgezüchtete Analyseapparate nutzen. Aber das Ende des Westens ist eine affektive Überforderung.

Für die politische Elite der Bundesrepublik, allesamt mehr oder weniger Boomer, war das besondere transatlantische Verhältnis eine Selbstverständlichkeit. Die Linksliberalen hielten die USA, trotz Abu Ghraib und dem Irakkrieg, immer für den Garanten der westlichen Demokratie. Der Antiamerikanismus war ein Phänomen der Linksextremen und vor allem der völkischen Rechten, die auf nationaler Identität ohne wirklichen Bruch zum Nationalsozialismus beharrten. In der Ära Trump ist das implodiert. Vance & Co haben die liberalen Transatlantiker zum Gegner erklärt. Die AfD ist derzeit die proamerikanische Partei.

Kurzum: Das Ende des Westens ist kein Ereignis, das mit einer entschlossenen Renovierung unserer Weltsicht zu bearbeiten ist. Das Ende des Westens ist das Ende dieses Weltbildes selbst.

Die brütende Ratlosigkeit der politischen Klasse, die flüchtige Hoffnung, dass es schon nicht so schlimm kommen wird und der lähmende Attentismus, mag an die Endzeit der DDR erinnern. Die SED-Führung befand sich nach 1985 in einem Dilemma. Einerseits ahnte sie, dass Michail Gorbatschow eine Revolution anzettelte, die die Nachkriegsordnung zum Einsturz bringen konnte. Andererseits verdankte die DDR der Sowjetunion, der Siegermacht des Zweiten Weltkrieges, ihre Existenz und es war Staatsraison der DDR, Moskau zu gehorchen. Dieser Widerspruch war unlösbar. Es gab keinen Ausweg. Die Selbstabwicklung der UdSSR, die von ihrer Rolle als Supermacht überfordert war, überstieg den Horizont des Denkbaren. Bis zum Abend des 9. November 1989 begriff die politische Elite der DDR nicht, was geschah.

Mit Trump haben die USA die Rolle des schützenden Vaters abgestreift wie einen alten Mantel. Alles, was selbstverständlich war, wankt, auch das Selbstbild Deutschlands

Natürlich ist die Bundesrepublik 2026 stabiler als die DDR 1989. Sie ist ein funktionierender demokratischer Staat, mit einer vitalen Ökonomie und Öffentlichkeit und eingebettet in die EU. Aber es gibt ein paar Ähnlichkeiten. Trump ist wie Gorbatschow eine Reaktion auf eine imperiale Überdehnung einer Supermacht, die eine radikale Neudefinition der internationalen Ordnung nach sich zieht. Die bundesdeutschen Politiker, die sich nach jeder Demütigung aus Washington zum Bündnis mit den USA bekennen oder nuschelnd vor einer US-Invasion in Grönland warnen, erinnern in ihrer ideologisch verformten Realitätsverdrängung an das taube SED-Politbüro.

Europa muss sich von den USA abkoppeln. Der französische Präsident Emmanuel Macron hat das schon vor fast zehn Jahren vorgeschlagen. In Berlin fand man das nach 2017 eher lästig und klammerte sich an die Rolle des Musterschülers der USA. Das Ende des Westens mag sich für manche Bundesdeutsche anfühlen, als würde ihnen ihre zweite Haut abgezogen.

Vielleicht werden erst Jüngere kühl, ohne Affekte und bohrenden Abschiedsschmerz die transatlantische Trennung vollziehen und erkennen, was die USA sind – ein unberechenbarer Konkurrent in der neuen, gewalttätigen Weltordnung.

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