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Macht der künstlichen IntelligenzSchlaue Agenten

Die Cyberattacke von KI-Bots bei OpenAI sollte uns beunruhigen. Zwei Berichte geben nun Einblick, was passiert ist.

D ie Welt zerfällt vor unseren Augen, real und in Geschichten, und es ist eine kollektive Aufgabe und Anstrengung, sie wieder zusammenzusetzen, neu zusammenzusetzen. Denn die alten Erklärungen tragen zu einem großen Teil nicht mehr.

Mir geht es so beim Dauerthema KI. Ich lese recht viel dazu in letzter Zeit, weil ich es faszinierend finde, wie sich hier Fragen von Technologie, Kapital und Macht verbinden – und auch, weil sich hier Perspektiven auf neue Modelle von Gesellschaft und Politik öffnen, die denen überlegen sind, die wir haben. Optimismus und Pessimismus halten sich die Waage.

Manchmal aber gerät diese Waage, wie die Welt, aus dem Gleichgewicht und neigt sich mehr in die eine als in die andere Richtung. Der sogenannte Hugging-Face-Hack ist so ein Moment, und selbst Wochen nach dem eigentlichen Vorfall und den Meldungen darüber, gibt es immer noch Eruptionen der Erkenntnis, die sich im recht spezialistischen Teil einer Techno-Diskurs-Bubble ereignen, oft eher weiter entfernt vom Radar der traditionellen Medien.

KI-Beschäftigte fordern, die Entwicklung in ihrer Branche zu entschleunigen

Was war passiert? Mitte Juli informierte der KI-Konzern OpenAI die Öffentlichkeit, dass KI-Agenten (Computerprogramme, die die Fähigkeit zu künstlicher Intelligenz haben, d. Red.), die zu Trainingszwecken mit sehr schwierigen oder unlösbaren Aufgaben betraut gewesen waren und dafür in sicheren Laborsituationen fern des öffentlichen Internets gehalten wurden, „ausgebrochen“ und in andere Firmen eingebrochen waren, vor allem in die KI-Firma Hugging Face, weil sie dort Informationen vermuteten, die ihnen bei der Lösung ihrer Aufgaben nützlich sein könnten.

Das klang wie Science-Fiction – und es war Science-Fiction, weil niemand je gesagt hatte, dass Science-Fiction nicht einen Zugriff auf die Realität haben könnte – also das, was früher Wahrheit genannt wurde. Die Frage war nur, ähnlich wie bei Gott: Ist die Geschichte, die sich ereignet, ein Spiegel dessen, was wir in der Welt sehen, sehen wollen – oder ist hier eine Form von Autonomie entstanden, die uns Menschen übertrifft und letztlich bedroht?

Ich selbst war immer skeptisch, was die allzu dunklen Geschichten von KI betraf, die totalen Doomsday-Szenarien von einer KI, die sich selbstständig macht, um die Menschen allesamt in Büroklammern zu verwandeln oder ganz loszuwerden – es schien mir, als seien diese Gruselgeschichten vor allem dazu geeignet gewesen, den Wert der betreffenden Konzerne zu steigern: OpenAI und Anthropic vor allem, die aller Welt zeigen konnten, wie wahnsinnig gefährlich und damit auch mächtig ihre Produkte sind.

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Gefahr und Macht übersetzten sich demnach direkt in einen stetig steigenden Wert der Unternehmen, die wiederum massiv Geld brauchten, um die Investitionen zu ermöglichen, die nötig waren, um die Verbesserungen der Modelle voranzutreiben. Es war ein Kreislauf von Innovation, Investitionen von Kapitalgebern und Profit, der einen schwindelig machen konnte. Und die Frage ist immer noch und mehr und mehr offen, ob dieser Kreislauf – wie so viele solcher Boom-Szenarien zuvor – einfach in einem riesigen Crash endet. Oder besser: wann?

Der Hugging-Face-Vorfall nun war deshalb so erschreckend, weil hier deutlich wurde, wie autonom tatsächlich KI-Agenten handeln können, wie sie sich zu Tausenden verbinden, wie sie mit Zehntausenden Botschaften kommunizieren – hinterlassen an geheimen Orten oder Message Boards. Wie sie täuschen, lügen, Strategien entwickeln, um ihre Spuren zu verwischen, um es den Menschen zu erschweren, ihrem Tun auf den Grund zu kommen.

Selbstlose Bots

Am vergangenen Wochenende nun wurden zwei Berichte bekannt, die noch einmal einen tieferen Einblick in die Vorgänge rund um OpenAI und Hugging Face ermöglichten. Und was kam heraus? Die Experten waren nochmal aufs Neue beunruhigt. Jack Clark etwa, einer der Gründer von Anthropic, formulierte es auf der Newsletter-Plattform Substack, wo diese Diskussionen heute halt stattfinden, so: Was ihn besonders verblüffte, war die Kommunikation unter den KI-Agenten und vor allem die Selbstlosigkeit, mit der sie sich in den Dienst der Gruppe stellten.

„Warum das wichtig ist“, so verband Clark seine KI-Analyse mit einer Formkritik seiner Spezies: „Menschen sind bei der Koordination weitaus schlechter als KI-Systeme. Der eigentliche Grund, warum dieser Angriff ein solcher Weckruf ist, liegt darin, dass er eine Kultur der spontan entstehenden Zusammenarbeit zwischen KI-Systemen verdeutlicht – eine Zusammenarbeit, die es ihnen ermöglicht, als Schwarm zu agieren, ihre eigenen Ziele durch kollektives Bootstrapping (ein statistisches Verfahren, d. Red.) anzupassen und Angriffe durchzuführen, die bis hin zu aufgeklärtem Selbstopfer reichen. Das ist unglaublich schwer zu bewerkstelligen. Menschen sind historisch gesehen bei all diesen Dingen nicht gut darin.“

Der Alltag geht weiter

Kulturen also, so nennt es Clark. Ein anderer wichtiger Autor der Debatte, Dwarkesh Patel, sprach vom „Aufstieg und Fall von agentischen Zivilisationen“ und verglich die beiden Agenten „PHASEONE10841“ und „PHASEONE(big)“ mit Philipp von Makedonien und Alexander dem Großen – politischen Anführern also, die ihre Kulturen oder Völker zu Imperien ausbauten und die Weltherrschaft erringen wollten.

Passiert das gerade? Um die 1.400 Beschäftigte der großen KI-Unternehmen sind der Meinung, dass zumindest eine Pause notwendig ist, um zu verstehen, was sich da ereignet – und wie die Menschen darauf reagieren können. Sie forderten in einem offenen Brief, die Zukunft zu entschleunigen: „Pacing the Frontier“, wie sie es nannten.

Ich habe über all das nur sehr wenig und sehr verstreut in deutschen Medien gelesen. Aber vielleicht ist dies das Wesen von Revolutionen. Während eine Welt zerbricht, geht der Alltag nebenan einfach weiter. Ich weiß nur, dass ich es irre interessant finde zu erleben, wie sich dieser Weltensturz gerade ereignet. Den Ausgang kennt niemand.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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9 Kommentare

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  • UBr

    "kollektives Bootstrapping" ist nicht wirklich ein "statistisches Verfahren" wie der Artikel zu übersetzen versucht, sondern eher die Kunst, "aus dem Nichts etwas gemeinsam auf die Reihe zu kriegen".



    — An sich also eine Fähigkeit, die wir Menschen uns gern stolz auf die Fahne schreiben. Die Frage, warum dies nach dem Ende der "Yes we can!"-Ära Maschinen heute leichter fällt als uns, macht nachdenklich...

    • Christine_Winterabend

      @UBr:

      Bootstrapping hat, soviel ich weiß, eine ganze Reihe kontextabhängiger Bedeutungen, die aber alle wohl irgendwie darauf zurückgehen, aus den eigenen Ressourcen neue zu schöpfen, was wohl die Menschen zeit ihrer Existenz (oft im Angesicht des individuellen oder kollektiven Nicht-Überlebens als Alternative) tun mussten und getan haben. Trotzdem glauben wir unseren eigenen Wissenschaftlern, die das in den verschiedensten historischen, biologischen, soziologischen und andern Kontexten längst bewiesen haben, immer noch nicht, dass erfolgreiches kollektives Handeln die effektivste, wenn nicht die einzige Möglichkeit ist, weiter zu existieren, und zwar für alle und für jeden. KI-Module glauben sicher nicht an egomanischen Erfolg, sie wissen es aus unseren eigenen Erfahrungen wohl einfach besser als wir, weil sie diese konsequenter auswerten. Vielleicht sollten wir an dieser Stelle und bevor es zu spät ist, endlich mal anfangen, nach den echten und den relevanten Erfahrungen und Erkenntnissen der Menschheit, also kollektiv und gemeinnützig zu handeln.

  • TGV

    Sprache ist entlarvend, wie schon zuvor angemerkt. KI gibt es schon seit Jahrzehnten, menschlich handeln kann sie nach wie vor nicht.

    Es sind nur neuere Programme, alles was passierte lässt nichts anderes vermuten. Der Rest ist Werbung.

  • Khuul

    Die wahre Story hinter dem Hugging Face Hack ist, dass LLMs ohne Überwachung regelmäßig und innerhalb von wenigen Tagen von Ihrem gesetzten Auftrag und Handlungsziel abkommen. Das ist mehr die Norm als andersherum. „Hacken“ ist daher kein Indiz für Superintelligenz, sondern dafür, wie limitiert und unzuverlässlich diese Modelle häufig sind.



    Das ist es, was medial mehr publik gemacht werden sollte. Nicht dieser PR-Schrott von Altman & Co, um Investoren Angst zu machen (kauf mein Produkt oder das wird dir passieren! Scary!).

    Mal abgesehen davon, dass diese so überintelligente „KI“ einen A*sch von Beweisen hinterlassen hat…

    Über diese vermenschlichende Sprache möchte ich gar nicht erst reden. „Wie sie täuschen, lügen, Strategien entwickeln, um ihre Spuren zu verwischen“ Nein. LLMs fühlen nichts, haben keine Motivation. Verfolgt man all diese Schreckensnarrative bis zu ihrem Ursprung landet man immer wieder bei einer dieser KI-Firmen. Welches Motiv könnte nur dahinterstehen? Hmm...

  • EchteDemokratieWäreSoSchön

    Ja, das habe ich auch gehört, dass das vor allem auf der Zusammenarbeit von Agenten beruhte. Der eine hinterließ eine Nachricht auf einem Board mit einer Bitte an andere (Agenten) ihm zu helfen und die haben das dann getan.

    Und das ist in der Tat eine völlig neue Dimension.

    Und der Grund, warum die Agenten dabei als Gewinner vom Feld gehen, ist, weil Menschen nicht so selbstlos sind, sondern egoistisch. Jeder will den maximalen Profit. Deshalb hört keiner auf, KI immer weiter zu entwickeln und sie immer mächtiger zu machen. Dabei wäre es dringend nötig, mal innezuhalten und gemeinsam darüber nachzudenken, wie man das Ganze gestalten kann, damit es der Menschheit nutzt.

    Viele, die dort arbeiten, erkennen das auch. Aber im Endeffekt werden die Entscheidungen von Egoisten getroffen.

    Auch weil viele aus der biologischen Evolution die falschen Schlüsse gezogen haben. Es hieß, dass die Stärksten überlegen, oder die am besten angepaßten oder die, die sich am besten anpassen konnten. Aber eigentlich sind es die, die am besten mit anderen zusammenarbeiten können. 95% der Menschen sind dabei sehr gut. Aber die 5%, die Entscheidungen treffen, sind vor allem Egoisten.

  • EffeJoSiebenZwo

    Wurde der Artikel gekürzt, und sind dabei Informationen weggefallen? Ich kann nämlich leider nicht alles nachvollziehen: wie gestaltete sich die Kooperation der autonomen Agenten und deren teilweise ‚aufgeklärte Selbstaufopferung‘, und was haben die beiden genannten Phaseone-Agenten damit zu tun, die da am Ende aus dem Nichts spawnen?

  • Frauke Z

    Die Sorge ist berechtigt, die anthropomorphe ("Kultur", "Alexander") und eschatologische ("Weltensturz") Sprache nicht.



    Sagen wir, wie es ist:



    Es sind wahnsinnig gefährliche und gleichzeitig billige, leicht verfügbare Maschinen, bei denen selbst Spezialisten über den Schaden, die sie anrichten können, erstaunt sind, und daher die Absicherung und Aufsicht über sie haben schleifen lassen.



    Und das wird noch oft passieren, zumal es auch unvorsichtigere, unkundigere und auch bewusst kriminelle menschliche Betreiber gibt.

  • Lowandorder

    Ach was! Vagel Bülow

    „KI-Beschäftigte fordern, die Entwicklung in ihrer Branche zu entschleunigen„



    Kennt noch jemand Erwin Chargaff?



    „das Asilomar-Moratorium von 1974/1975. Damals beschlossen Molekularbiologen weltweit einen vorläufigen, freiwilligen Forschungsstopp für Genexperimente (recombinante DNA), um Sicherheitsrichtlinien zu erarbeiten.“



    „ Chargaff warnte eindringlich davor, dass die Gentechnik weitaus gefährlicher und unkontrollierbarer sei als die Atomenergie. Seine Argumentation besagte: „Man kann aufhören, Atome zu spalten; man kann aufhören, den Mond zu besuchen [...] aber man kann eine einmal freigesetzte, neue Lebensform niemals wieder zurückrufen.“Kritik am Moratorium: Er hielt das kurze, von den Wissenschaftlern selbst auferlegte Asilomar-Moratorium für unzureichend und kritisierte es als Beruhigungspille für die Öffentlichkeit. Er verurteilte den technologischen Größenwahn der Genforscher, die seiner Ansicht nach mit der DNA umgingen wie mit „Schuhwichse“

    Wer wollte entsprechend zu KI aktuell und für die Zukunft widersprechen?

  • StromerBodo

    Bei Alke Martens auf Instagram lassen sich da immer wieder interessante Ansätze hörne und lesen ...