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Cyberangriff auf Berliner Verwaltung Digitale Verantwortungslosigkeit

Hanno Fleckenstein

Kommentar von

Hanno Fleckenstein

Berlin wird nach einem Hackerangriff erpresst. Dabei zeigt sich: nicht nur die Datensicherheit ist dürftig, sondern auch die Krisenkommunikation.

W ie naiv die Berliner Verwaltung mit IT-Sicherheit umgeht, offenbaren einige der zahllosen Dokumente, die jetzt in die Hände von Hackern geraten sind. „Passwort.docx“ heißt etwa eine unverschlüsselte Datei mit allen möglichen Zugangsdaten, darunter das Kennwort „Sonnenschein13“. Und aus einer anderen Liste geht hervor, dass ein Sachbearbeiter überall das gleiche, schwache Passwort verwendet hat: „Ahabostsee123“.

Aber es sind nicht allein die erbeuteten Logins, die den Cyberangriff auf Berlin zum Fiasko machen. Hinzu kommen eine schlechte Krisenkommunikation, eine erstaunliche Unwissenheit über die eigene IT-Infrastruktur – und eine gehörige Portion Verantwortungslosigkeit gegenüber den Ein­woh­ne­r*in­nen der Stadt.

Fast zehn Tage lang hat Berlins schwarz-rote Landesregierung kleingeredet, was sich inzwischen als der größte Cybervorfall in der Geschichte der Stadt herausstellt: Bereits am 7. August waren Hacker in das Landesnetz eingedrungen – und wurden erst eine Woche später erwischt. Selbst dann dauerte es nochmal drei Tage, bis die Öffentlichkeit informiert wurde – und das viel zu spärlich und erstaunlich gutgläubig.

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Denn inzwischen ist klar: Hinter dem Angriff steckt die bekannte Ransomware-Gruppe „Rhysida“, die jetzt den Berliner Senat erpresst. Das ist möglich, weil die Hacker anders als zunächst dargestellt sensible und brisante Daten gestohlen haben.

Identitätsdiebstahl, Betrug und Erpressung

Noch bis Freitag gibt es nun laut der Gang die „Gelegenheit, auf exklusive, einzigartige und beeindruckende Daten zu bieten“, wie es in einer süffisanten Mitteilung im Darknet heißt. „Öffnen Sie Ihren Geldbeutel“. Mindestens 30 Bitcoin – das sind rund 2 Millionen Euro – verlangen die Hacker. Und drohen, ansonsten die Daten zu veröffentlichen.

Und die haben es in sich, wenn die Darstellung der Gruppe stimmt. Demnach gehören dazu 80.000 Ordnungswidrigkeitsverfahren und 46.500 Verträge, 11.000 vertrauliche Dokumente, 12.000 Telefonnummern, 16.000 E-Mails und 150 IBAN-Kontonummern. Mehr als 12.000 Menschen sollen persönlich betroffen sein – auch das Spitzenpersonal der Verwaltung. Hinzu kommen rund 6.000 Dateien mit Logins – wie eben „Passwort.docx“.

Was für ein Desaster. Denn es ist zwar richtig, dass das Land wie angekündigt das Lösegeld nicht zahlt. Aber „Rhysida“ wird seine Drohung danach sehr wahrscheinlich wahr machen und die Daten veröffentlichen – allein, um in Zukunft noch ernst genommen zu werden – und dann dürfte die Katastrophe erst so richtig ihren Lauf nehmen.

Dann trifft es die Privatpersonen, die das Pech haben, in irgendeiner Weise in dem Datensatz aufzutauchen. Alle möglichen Cyberkriminelle und Trittbrettfahrer können mit den Informationen viel Übles anstellen: Identitätsdiebstahl, Betrug und Erpressung.

Das unterirdische Krisenmanagement der Berliner Landesregierung verschärft die Misere weiter. Noch vor einer Woche hieß es, es seien lediglich öffentliche Geodaten kopiert worden. Berlins Landesbevollmächtigter für Informationssicherheit sagte sogar selbstsicher: „Vielleicht haben wir den Einbruch für den Täter einfach zu schnell gesehen – und die richtigen Maßnahmen getroffen“.

Ein fahrlässiger Zustand

Welch Irrtum. Ohnehin ist Berlins digitale Infrastruktur extrem schlecht geschützt – und das ist seit Langem bekannt. Deshalb wäre es auch falsch, jetzt von einem Weckruf zu sprechen. Bereits vor sieben Jahren hatten Unbekannte das Kammergericht infiltriert. Berlins höchstes Gericht war danach monatelang offline. Und erst im vergangenen Jahr gelang es einer iranischen Hacker-Gruppe, sich Zugriff auf Privatadressen und digitale Terminkalender von Berlins Justizsenatorin zu verschaffen.

Die Ursache für die Misere ist eine beispiellose Kleinstaaterei in der digitalen Infrastruktur Berlins. Viele Behörden, Ämter und Stadtbezirke setzen auf eigene IT-Lösungen. Die Folge: ein Flickenteppich an Software mit teils gravierenden Sicherheitslücken. Versuche zur Zentralisierung scheitern bislang am Widerstand der jeweiligen Verwaltungen.

Darüber staunt sogar Berlins Staatssekretär für Digitalisierung Florian Hauer, der den hochtrabenden Titel „Chief Digital Officer“ trägt. „Wir sind überrascht, wie groß das IT-System des Landes ist“, musste Hauer, der das ja eigentlich wissen sollte, vor Kurzem gestehen.

Das ist eine peinliche Unwissenheit und ein fahrlässiger Zustand. Das Land erhebt viele sensible Daten von seinen Bür­ge­r*in­nen – und baut diesen Zugriff derzeit weiter aus. Etwa wurden im neuen Polizeigesetz die Befugnisse der Sicherheitsbehörden massiv ausgeweitet. Seitdem dürfen verschiedenste Polizeidaten in einer großen Datenbank zusammengeführt und mithilfe von künstlicher Intelligenz analysiert werden. Hoffentlich besser geschützt als mit dem Kennwort „Sonnenschein13“.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Hanno Fleckenstein

Hanno Fleckenstein Redakteur taz berlin

Schreibt für den Berliner Lokalteil der taz vor allem über Polizei, Justiz und Rechtsextremismus. Seit 2021 bei der taz, zuerst als Text-Chef in den Ressorts Inland und Wirtschaft+Umwelt. Hat Politikwissenschaft und Publizistik in Berlin und Maskat (Oman) studiert.
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10 Kommentare

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  • realnessuno

    Wer mehr darüber wissen will:



    blog.jakobs.system...berlin-governance/

    Und scheinbar sind "Passwortmanager" auch hier bei Lesern noch nicht so angekommen. Mit denen verwaltet man Listen von Passworten auf sichere Weise. Siehe "keepassxc"

  • Nyah

    Wofür haben wir gleich nochmal die EU-Richtlinie NIS-2? Mich würde mal die persönliche Haftung in diesem Fall interessieren..

  • fwfw

    Bei RBB war dazu kürzlich zu lesen:

    Ein Notfallstab tagt, eine US-Spezialfirma scannt das Berliner Landesnetz.

    Ein großartiger Schritt in Richtung digitaler Souveränität.

  • Zange

    Es ist wie in jeder Firma. Natürlich gibt es eine Liste mit Passwörtern. Wenn sich ein Mensch an mehreren Stationen einwählen muss, müsste er ansonsten jedes Passwort auswendig wissen. Das ist vollkommen illusorisch.



    In der Verwaltung arbeiten Menschen, junge Menschen die naiv gegenüber der Schlechtheit der Welt sind, alte Menschen die mit Stift und Zettel großgeworden sind und ein paar mittelalte die den Laden irgendwie am laufen halten müssen. Natürlich gibt es mehrere parallel laufende Systeme. In manchen Firmen wird gefühlt "schon immer" eine "neue ERP-Software" eingeführt, dann braucht es für eine Aufgabe zwei Passwörter. Mindestens. In der Praxis zweimal das gleiche. Ein befreundeter Mensch ist supply chain manager. Der hat mir schon mehrmals erzählt, dass er ein "sicheres" Passwort hat und das verwendet er überall.



    Am Ende des Tages gibt es entweder eine Liste mit Passwörtern. Oder halt immer wieder das gleiche. Oder sogar beides in Kombination. Allerdings würde kein Email Anbieter der Welt Passwörter wie die im Text zitierten jemals zulassen. Das das möglich war ist aus meiner Sicht grob fahrlässig.

    • Petra Minaler

      @Zange:

      Für das Problem gibt es seit langer Zeit eine Lösung und die heißt Single Sign-On (SSO). Dazu benötigt man halt eines IT-Abteilung, die nicht aus einem Sachbearbeiter besteht, der den ganzen Kram nebenbei machen muss.

      Und wenn man mehrere Passwörter braucht, dann nutzt man halt einen Passwortmanager wie zum Beispiel Keepass.

      Passwörter in einer Word-Datei zu speichern ist schlimmste digitale Steinzeit und sollte mindestens eine Abmahnung nach sich ziehen.

    • wortwart

      @Zange:

      Sorry, wer eine Datei "Passwort.docx" ins Intranet stellt, hat sich eine Abmahnung verdient -- aber offensichtlich ist das eher das Symptom als die Krankheit.

      Für das Problem, das Sie beschreiben, gibt es seit vielen, vielen Jahren Passwort-Manager, und die sind nicht besonders schwer zu bedienen. Aber vermutlich haben manche Behördenleiter nichts von ihrer Souveränität abgeben wollen und Strukturen etabliert, in denen IT-Sicherheit und -Kompetenz kein Thema ist.

      Hundertprozentige Sicherheit gibt es nie, aber wenn man die Haustür offen stehen lässt und das Portemonnaie auf die Türschwelle legt, muss man sich nicht wundern, wenn was wegkommt.

    • realnessuno

      @Zange:

      Für Listen von Passworten hat man einen Passwortmanager.



      Das bedeutet: Man merkt sich genau ein einziges tolles Passwort und bekommt darüber Zugriff auf alle anderen Passworte. Diese können vielfältig und komplex sein, sollen sie auch!

      • Herma Huhn

        @realnessuno:

        Und der Passwortmanager ist dann erst anschaltbar, wenn man den Rechner selbst angeschaltet hat. Login für den Rechner selbst kommt also doch wieder oben drauf. Oder man nutzt den Passwortmanager auf einem Gerät, auf dem ein Kollege per Pausenvideo einen Keylogger gezogen hat und schluss ist mit sicher. (Ja, ich weiß, dass man den auf einem extra Gerät laufen hat, aber wir reden von hunderten Mitarbeitern.)



        Problem ist doch eher, dass überhaupt so viele Daten gespeichert werden, ohne dass ein Bürger sich dagegen wehren könnte.

  • Semon

    Ach was, die Probleme wurden doch schon alle behoben. Die Passwörter z.B. wurde natürlich alle geändert. Der eine verwendet jetzt „Sonnenschein14“ und das andere Passwort ist jetzt viel stärker, den es lautet jetzt „Ahabostsee123_!“.

  • Offebacher

    ....



    Seitdem dürfen verschiedenste Polizeidaten in einer großen Datenbank zusammengeführt und mithilfe von künstlicher Intelligenz analysiert werden. Hoffentlich besser geschützt als mit dem Kennwort „Sonnenschein13“.



    Dieses Passwort ist nun verbrannt, wir nehmen jetzt "Sonnenschein14"