Corona und die Nachwirkungen: Die vergiftete Gesellschaft

Das Politische der Pandemie ist zu strikt in richtig und falsch geteilt. In diesem „Wir gegen die“ wird der Raum für Zweifel knapp.

Eine Maske liegt auf den Boden

Foto: Fabian strauch/dpa

Menschen brechen. Langsam und unsichtbar, leise oder laut, aber sie brechen. Es ist ihnen zu viel, sie sind müde oder leer oder pleite. Sie fühlen sich nicht sicher, sie fühlen sich verletzt, sie sind wie Unfallopfer, die an der Kreuzung stehen, einen Totalschaden neben sich, der Motor rauchend. Und sie sagen: Nein, nein, alles gut, während sie eine klaffende Kopfwunde haben, die sie noch nicht spüren.

Die Gesellschaft steht unter Schock. Und die Wirkungen von Corona werden erst nach und nach sichtbar, spürbar, greifbar. Ich weiß das, und ich wusste das. Ich habe ein Tagebuch über Corona geführt, das extra nicht politisch war, weil das Politische der Pandemie mir zu aufgeladen war, von Anfang an.

Es gab gleich diese Fronten. Es gab uns und die anderen. Es gab richtig und falsch und wenig dazwischen. Dabei wären Zweifel, Ausprobieren, Austausch so wichtig gewesen.

Ich wusste es also, dass Menschen brechen. Aber ich habe es erst richtig verstanden, als ich vor ein paar Wochen vor einer Werkstatt stand und mich mit dem Handwerker unterhielt, der in dieser Werkstatt arbeitet. Normalerweise jedenfalls.

Denn an diesem Tag sagte er, er könne nicht mehr arbeiten. Aber warum denn nicht, fragte ich ihn. Ich wollte etwas bei ihm in Auftrag geben. Er machte eine lange Pause, also, wie soll ich es sagen, so kam es zögernd, dann eine lange Pause, ich habe kein Geld mehr.

Eine Pause voller Angst

Es war diese Pause, die mich verfolgte, in den Tagen danach. Eine Pause, die eine Existenz verschluckt. Eine Pause, die gefüllt werden will. Eine Pause, die voller Angst war und Unsicherheit, voller Verzweiflung und Ratlosigkeit. Wie soll ich es Ihnen sagen, das waren seine Worte, als ob er es sich selbst erklären musste, wie es so weit kommen konnte. Dabei wollte er doch nur seine Arbeit machen, aber nun fehlte ihm das Geld, um seine Materialien zu kaufen.

Menschen wie ihn wird es viele geben, Tausende, Hunderttausende, die mehr oder weniger still vor sich hin leiden, weil die Pandemie ihre Existenz zerstört hat; oder eben auch eine Politik, die für viele Menschen verstörend agiert hat und stümperhaft, die Nachrichten produziert von Korruption und Zaudern, die mal hart war und mal weich, die wenig vorsorgend oder fürsorgend wirkt, die Widerstand produziert hat, der sich bislang nur in Formen äußert, die man leicht abtun kann.

Und in vielem zeigt sich in diesem Widerstand auch vor allem ein Grad an Weltabweichung, der möglicherweise pathologisch ist; in manchem aber zeigt sich auch die Wirklichkeit wie in einem Vexierspiegel, verzerrt vielleicht, aber doch die Wirklichkeit.

Verzerrt, aber nicht grundlos

Manches ist als Symptom unangenehm oder autoritär, verschwörerisch und raunend – aber manchmal ist das Symptom auch nur ein Verweis auf ein Phänomen, das tatsächlich real ist, einen Zustand, eine Frage von gesellschaftlicher Relevanz und mehr als eine Statistik.

Anders gesagt: Nur weil jemand falsch liegt, heißt das nicht, dass alles in Ordnung ist. Die Ablehnung des Abseitigen produziert auch eine Gewissheit, die trügerisch sein kann. In der Ablehnung konstruiert sich eine Geschlossenheit, die so eigentlich nicht existiert.

Das war gerade mal wieder am Beispiel der Schau­spie­le­r*in­nen zu beobachten, die ironisch gegen die Coronapolitik protestieren wollten, eine Aktion von orchestrierter Bescheuertheit – und gerade weil ja nicht alle von denen, die da mitgemacht haben, komplette Volltrottel sind, konnte man sich immerhin fragen, wie es so weit kommen konnte, dass sie ihren Verstand und ihr Urteilsvermögen in der Maske ließen und nackt vor das Land traten.

Ich fand die Aktion exemplarisch falsch und teilte auf Twitter einen Thread, in dem speziell die Nähe von bestimmten Aussagen über eine gleichgeschaltete Presse mit den Querdenkern beschrieben wurde.

Die Macht des Irrationalen

Und dann bekam ich eine SMS, von eben dem Mann, der mir gesagt hatte, dass ihm das Geld fehlt. Als „Gewerbetreibender und Demokrat“, schrieb er mir, müsse er mir sagen, dass ich mir einen anderen Handwerker suchen müsse, weil ich diesen Tweet „vollumfänglich“ unterstützt habe. Ich war ziemlich sprachlos.

Aber, wie gesagt, Menschen brechen. Und das erzeugt scheinbar irrationale Reaktionen. Es erzeugt eine Wut, die sich ihr Gegenüber sucht. Es erzeugt ein toxisches gesellschaftliches Klima, wenn das alles im Schema von Freund und Feind gesehen wird.

Der Mann, mit dem ich mich dann in der kalten Frühlingssonne unterhielt, hatte mich als Gegner ausgemacht. Weil ich regierungstreu sei, unkritisch, weil ich eine Politik unterstütze, die ihm schade. Ich versicherte ihm, dass ich die Politik in Weitem kritisch sehe, beschrieb ihm das Versagen und meine Alternativen. Er schien sich zu beruhigen, auch wenn seine Sorgen nicht weggehen.

Ein Schadensbericht, später

Der Punkt ist: Das ist erst der Anfang. Wenn der Schock nachlässt und damit die Anspannung, die bislang verhindert hat, dass das Ausmaß der individuellen Verwüstungen deutlich wird, dann wird sich das alles wiederholen, tausendfach, hunderttausendfach. Und ich frage mich: Sind wir dafür bereit? Haben wir die Zeit, die Aufmerksamkeit, haben wir die Strukturen und die Ressourcen, um diesen gesellschaftlichen Totalschaden erst einmal zu sehen, wahrzunehmen, anzunehmen – und dann miteinander ins Gespräch zu kommen über das, was da passiert ist?

Es geht um Existenzen, und das ist erst einmal eine wirtschaftliche Angelegenheit. Aber tatsächlich geht es auch um Existenzen im eigentlichen Sinn, und dafür braucht es Foren und Formate der Fürsorge, der Offenheit, des Austauschs und des Halts. Denn Menschen brechen. Was in den kommenden Jahren droht, wenn wir nicht aufpassen, ist eine Austerität der Herzen, mit katastrophalen Folgen.

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