Corona-Tagebuch 2021: Wie ich zum Staatsbürger wurde

Seit Beginn der Pandemie führt unser Autor Tagebuch. Ausgewählte Einträge zu Lockerungen im Lockdown und einem Brezendramolett.

Eine Markierung mit rot-weißem Klebeband auf einem Fliesenboden

Unterwegs zwischen Weimar und Nürnberg hielt unser Autor fest, was 2021 alles scheiterte Foto: Philipp Reiss/plainpicture

Montag, 4. Januar

Silvester war so lala, habe nur acht Biere geschafft. Trotz Pyro-Verkaufsverbot gab es eine Knallerei in der Weimarer Nordvorstadt, aber nach 20 Minuten ging den Böllermännern die Munition aus. Hier werden heute wieder die Unmaskierten für die Freiheit aufmarschieren und die Polizei unseres feigen Innenministers wird darauf aufpassen, dass ihnen nichts passiert.

Samstag, 20. Februar

Zehn Wochen Lockdown, leichte Abwärtstendenz. Ich muss mich mit Staatsbürgertum infiziert haben. Jedes Mal, wenn ich im Supermarkt einen sehe, der die Nase raushängen lässt, kriege ich die Wut.

Samstag, 27. Februar

Die Infektionszahlen steigen wieder, jeden Tag sterben Hunderte von Menschen, doch die Dämme bröckeln. Die Verantwortlichen werden nervös, alles motzt, das letzte Vertrauen in die kopflosen Maßnahmen der Politik ist weg. Erst fehlten die Vakzine. Dann wurden mehr als 1,4 Millionen Impfdosen AstraZeneca nach Deutschland geliefert, aber nur rund 240.000 verimpft.

Dienstag, 16. März

Die CDU verliert die Wahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg und zeigt sich plötzlich zerknirscht, weil ihre Abgeordneten mit Seuchenbückware gedealt haben oder auf der Payroll einer vorderasiatischen Bananenrepublik standen. Wie süß. Drei Drittel ihrer Wähler erwarten doch nichts anderes.

Dienstag, 23. März

Der international beachtete deutsche Zickzackkurs bei der Coronabekämpfung ist in dieser Woche konsequent fortgesetzt worden. Beim Bund-Länder-Gipfel am Dienstag wurde ein harter Lockdown über Ostern beschlossen und am Mittwoch wieder abgeblasen. Für nächste Woche wird angestrebt, die ausgesetzte Aussetzung der Impfung mit AstraZeneca vorübergehend auszusetzen.

Derweil hat die Gefangenenhilfsorganisation der Union viel zu tun. In den vergangenen zwei Jahren sind gegen 21 Politiker von CDU und CSU schwerwiegende Vorwürfe erhoben worden. Es geht um Aktienoptionen, Aufsichtsratsposten, Berateraffären, Briefkastenfirmen, Erpressung, Kungelei beim Hauskauf, Lobbyismus, Millionendeals mit Masken, Schmiergeld aus Aserbaidschan, Steuerhinterziehung, Vetternwirtschaft und Werbung im Amt.

Die Delinquenten verbüßen ihre Bewährungsstrafen als EU-Kommissionschefin, Ministerpräsident, Bundesminister und Bundestags- oder Europaabgeordnete. Die ganz schweren Jungs müssen ihre Zeit im Bayerischen Landtag absitzen.

Dienstag, 27. April

Ich habe vorgestern meine Erstimpfung erhalten, in einer Nürnberger Praxis, dauerte keine fünf Minuten. Rein, Test, Gespräch, Piks, fertig. Ich sollte noch eine Viertelstunde dableiben, um auszuschließen, dass mir ein drittes Ohr wächst. Ist nicht passiert, danach keine Beschwerden außer Pferdekussgefühl unterm Pflaster.

Donnerstag, 3. Juni

Es ist wohl vorbei. Die dritte Coronawelle verebbt, die mühsam zusammengeschusterten Pandemieregeln werden hektisch außer Kraft gesetzt, fast überall kann man schon einkaufen, ohne dabei in der Nase bohren zu müssen. Bald dürfen wir Restaurants, Kinos und Theater besuchen und sogar hineingehen, wenn es regnet.

Mittwoch, 7. Juni

Nürnberg Hauptbahnhof, Brezen Kolb

Mann mit Aktentasche: Ich kriege das Angebot, Butterbreze mit Kaffee.

Brezenverkäuferin: Mechten Sie hier trinken oder tu go?

Mann: Hier, wenn das jetzt geht?

Verkäuferin: Nein, tut mir sehr leid, wegen Corona nur außer Haus.

Mann: Was soll das? Warum fragen Sie dann?

Verkäuferin: Hat Chef gesagt.

Mann: Ihr Chef ist ein Idiot!

Verkäuferin: Nein, ich Idiot. Arbeite ich für zehn Euro pro Stunde Scheißjob mit viele dumme Kunden.

Mann: Meinen Sie mich damit?

Verkäuferin: Nein, Sie nicht dumm. Sie Arschloch. 2,90 bittä.

Mann: Das ist ja wohl die Höhe!

Verkäuferin: Nein, 2,90 sehr billig für Kaffee und Breze, mein Härr. Sie vielleicht doch dumm.

Kunde weiter hinten in der Schlange: Gehts do erchendwann amol waider?

Verkäuferin: Tut mir leid, diese Mann hier dumm und Arschloch, vielleicht auch Idiot.

Mann mit Aktentasche: Jetzt reicht’s aber!

Er sieht sich um und winkt einen Polizisten herbei: Diese Frau hier hat mich mehrfach beleidigt! Ich möchte Anzeige erstatten!

Polizist: Mooment. Erscht amol des: Wo hams denn Ihre Masken?

Mann: Ach lecken Sie mich doch -

Polizist: Pass amol auf, dou, des wörd etz deuer!

Verkäuferin: Sag ich doch: Kunde dumm!

Polizist: Können Sie sich ausweisen?

Mann: Ich -

Polizist: A ned? Dann kommers amol bidde mit.

Mann: Aber -

Verkäuferin: Der Nexte bittä.

Nächster in der Schlange: Na endlich! Eine Emmentaler-Brezn.

Verkäuferin: Für hier oder tu go?

Donnerstag, 10. Juni

Impfung Nummer zwei, wieder keine Beschwerden.

Juli bis September

Die Politik macht Sommerferien und nimmt danach den Wahlkampf auf. Inzwischen breitet sich die Seuche wieder aus.

Sonntag, 26. September

Die CDU verliert die Bundestagswahl, die langweiligste Partei mit der am wenigsten peinlichen Witzfigur gewinnt sie, und die Seuche breitet sich weiter aus.

Anfang Oktober

CDU, SPD, Grüne und FDP beschließen zu sondieren, mit wem über Sondierungsgespräche sondiert werden könnte, und die Seuche …

Mitte Oktober bis 18. November

SPD, Grüne und FDP beschließen, miteinander zu sondieren, ob über einen Koalitionsvertrag verhandelt werden könnte, beschließen nebenher auf Wunsch einer einzelnen liberalen Partei, die epidemische Lage auslaufen zu lassen, während die Inzidenzwerte explodieren, die Todeszahlen wieder dreistellig werden, die Klimakon­ferenz scheitert und ein umherirrendes ­Coronavirus heimlich bei einer Freundin von mir einzieht. Irgendwann danach besuche ich sie, einen Tag später kann sie nichts mehr riechen und geht zum Arzt, heute, zwei Tage später, kommt die Nachricht, dass sie ­positiv ist, ich informiere erst meine Kontakte, lasse mich schnell (negativ) und PCR (mal sehen) testen und veranlasse dann alles Nötige für die Quarantäne: Ich bitte die vor­trefflichen Genossen M. und F. J., mir eine Kiste Wei­ßenoher Kloster Hell vorbeizubringen. Da schau her! Endlich mal einer, der sofort weiß, was zu tun ist!

Freitag, 19. November

Heute bekomme ich das Testergebnis, haben sie gestern gesagt. Ab halb neun habe ich die Praxis zurückgerufen, ­19-mal, dann war die Schwester in der Leitung: „Das Testergebnis ist noch nicht da. – Sobald wir das Ergebnis haben, rufen wir an. – Nein, erst am Montag, vielleicht. – Sie bleiben so lange zu Hause.“ (Tuut.)

Montag, 22. November

Fünfter Tag in Quarantäne. Am Nachmittag der Befund: negativ. Ich hebe den Hausarrest auf und gehe einkaufen.

Mittwoch, 24. November

Weil ich seit Mitte Oktober mehrfach erfolglos meine Nürnberger Hausarztpraxis um einen Booster-Termin bat, habe ich heute Morgen die Telefonnummer der Thüringer Kassenärztlichen Vereinigung gewählt. Um 8.15 Uhr schon überlastet. Ich werde mir einen funktionierenden Hausarzt suchen müssen. Schwierig in einem Bundesland, in dem nichts funktioniert außer die Erfurter Filialen der kalabrischen ’Ndrangheta. Wie finde ich heraus, in welcher Pizzeria ich den Briefumschlag abgeben muss?

Sonntag, 28. November

Erster Advent in Nürnberg, leise nieselt der Matsch, am Münchner Flughafen sind die ersten Omikron-Viren eingereist.

Donnerstag, 2. Dezember

Ich nehme es auf mit der neuen Mutante und habe mir den dritten Stich abgeholt. Die Sieben-Tage-Inzidenz in Weimar ist erneut um fast 50 Punkte gestiegen auf 873, bis Nikolaus könnten wir unseren ersten Eintausender schaffen. In Österreich sind Entwurmungsmittel für Pferde ausverkauft. Warum nicht. Auch wer ein Zyankalizuckerl schluckt, wird auf keinen Fall an Corona sterben.

Samstag, 4. Dezember

Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat „Wellenbrecher“ zum „Wort des Jahres“ erklärt. Favorit für den „Witz des Jahres“ ist: Der Bundestag hat das Auslaufen der epidemischen Lage beschlossen.

Montag, 6. Dezember

Bergfest in Weimar, wir haben bei den Sieben-Tage-Inzidenzen wie versprochen zum Nikolaustag den Eintausender erklommen: 1.035! Der Bundestag hat in erster Lesung über eine Impfpflicht für Beschäftigte in Kliniken und Pflegeheimen ab März debattiert, damit die Helfer die freiwillig ungeimpften Kranken nicht anstecken, wenn sie sie an die Beatmungsmaschine anschließen. 527 Tote seit gestern, so viele wie seit Februar nicht mehr.

Montag, 20. Dezember

Einen Lockdown noch vor Weihnachten wird es nicht geben. Geht nach dem Gutes-Pandemie-vorbei-Gesetz nicht mehr, merkt Karl Lauterbach leise an. Die Wettervorhersage: Heiligabend wird’s regnen wie sonst auch. Das ist wichtig, in der Krise braucht man Verlässlichkeit. Die Ergebnisse des gestrigen Bund-Länder-Gipfels: Für Genesene und Geimpfte bleibt fast alles offen außer Bars, Clubs, Kinos und Theater, erst nach Weihnachten soll es Kontaktbeschränkungen geben, die keiner kontrollieren kann. Die Länderchefs und der Neubundeskanzler machen keine halben Sachen mehr. Sie vierteln jetzt.

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