CDU und Kirche: Wie die CDU sich vom C entfremdet
Die Entfremdung zwischen Unionsparteien und den großen Kirchen dauert schon eine Weile an. Aber jetzt ist ein neuer Punkt erreicht.
Berlin | Nur noch das Protokoll stimmte, als die Delegierten der Union vor ihrem Kurz-Parteitag zum ökumenischen Gottesdienst in der Grunewaldkirche erschienen. Der Beziehungsstatus zwischen den großen Kirchen und den Unionsparteien ist gerade mächtig kompliziert. „Überrascht nicht, interessiert nicht“ – so versuchte CDU-Vorstandsmitglied Steffen Bilger die Kritik von Kirchengremien an Merz’ AfD-Flirt vergangene Woche abzutun. Aber so einfach ist es dann doch nicht.
Man konnte sich schon länger fragen, wie viel C bei der Union noch übrig ist, und wie die christlichen Stammwähler*innen es eigentlich finden, dass Merz von Nächstenliebe anscheinend nicht so viel hält. Aber es passierte nicht viel. Bis die Berliner Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland und der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Anne Gidion und Karl Jüsten, zu einem kleinen Akt der Rebellion ansetzten.
Sogar Bundeskanzler Olaf Scholz nahm ihre Warnung vor Abstimmungen mit der AfD in seine Rede vor dem Bundestagsplenum auf. Die Bischofskonferenz beeilte sich, klarzustellen, dass sie mit der Aktion nichts zu tun habe. Aber da war es schon zu spät. „Die Kirchen kritisieren die Union“ – dieses Narrativ war in der Welt.
Seitdem gibt es Stress. Ex-CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer etwa beendete ihre Mitarbeit beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken, weil sie mit der Kritik am Migrationskurs der Union nicht einverstanden sei. Eine Verständigung sei laut Komitee nicht möglich gewesen. Die Laienorganisation der katholischen Kirche hatte Merz’ Vorstoß zum „Zustrombegrenzungsgesetz“ scharf kritisiert.
„Die Zerwürfnisse, die wir in den letzten Tagen beobachtet haben, sind der Ausdrucke einer schon lange währenden Entfremdung“, sagt Zeithistoriker Thomas Großbölting. In den Kirchen seien die Stimmen seit den 80er Jahren pluraler geworden. In der CDU wiederum habe man den C-Kern immer stärker hinter sich gelassen – zuletzt etwa bei der Diskussion, ob das C im Namen nicht gänzlich abgeschafft werden solle. „Auch die christlichen Arbeitnehmerausschüsse haben in der Union an Einfluss verloren“, sagt Großbölting.
Während Kirchenmitglieder sich in der Flüchtlingshilfe engagieren und wohl eher der Merkel-CDU nahestehen, rücken die Unionsparteien weiter nach rechts. Im Parteitags-Gottesdienst fiel die Kritik an der Union dafür recht sanft aus. Die Botschaft dürfte trotzdem angekommen sein.
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