Die Wahrheit: Bleifreie Pest
Menschen, die alkoholfreie Flaschen als Gastgeschenke mitbringen, verlieren automatisch jegliches Gastrecht.
In jüngster Zeit bekamen wir von Besuchern zu verschiedenen Anlässen gleich mehrmals Flaschen überreicht. Zwei davon eher bauchiger Natur, mit bonbonbunten Flüssigkeiten gefüllt, und die dritte sieht nach einem edlen Sekt aus.
Man denkt also, da kommt was Leckeres, und dann die Enttäuschung. Die scheinbaren Likörpullen enthalten alkoholfreie Grundstoffe, die sich mit Eis und Sprudelwasser zu irgendwelchen Mocktails mixen lassen – eine Idee direkt aus der Hölle. Das alles wird einem dann noch mit so einem unangebrachten Stolz in der Stimme haarklein erklärt. Und auch der Sekt ist alkoholfrei. Folglich kein Sekt, so klar muss man das sagen.
Es ist, als ob die Oma früher statt Schokolade altes Schwarzbrot mitbringt. Da noch Freude und Dankbarkeit zu heucheln, kostet mich das mimische Talent eines todkranken Schauspielers, der in einer Hochzeitskomödie den verliebten Bräutigam gibt.
Ich glaube ja nicht mal, dass die Schenkenden hier groß missionieren wollen, weil sie vielleicht seit neuestem selbst nichts trinken. So wie man das von verkniffenen Ex-Rauchern kennt, die sogar an der frischen Luft immer gleich so super genervt herumwedeln, sobald im Umkreis von fünfzig Metern irgendjemand qualmt. Aber so sind meine Leute gar nicht drauf. Das sind normalerweise gute Menschen.
Stattdessen nehme ich zu ihren Gunsten einfach an, dass sie mir auf diese Weise so takt- wie liebevoll signalisieren, dass sie sich kritisch mit meinem mutmaßlichen Alkoholkonsum und dessen Auswirkungen auf meine Gesundheit auseinandersetzen. Das ehrt sie ja auch.
Liebe Freunde, ich weiß eure Sorge wirklich zu schätzen, aber sprecht mich dann ruhig direkt an oder geht meinetwegen den Umweg über gemeinsame Bekannte, Angehörige oder den sozialpsychiatrischen Dienst. Das halte ich nicht nur für legitim, es rührt mich sogar. Das ist total nett. So muss es sein. Nur bitte behaltet euer Zeug.
Aber vermutlich interpretiere ich auch zu viel hinein, und man macht das jetzt einfach so. Es ist das Lifestyle-Mitbringsel schlechthin, ein Gesundheitsgeschenk wie ein Obstkorb oder ein Gutschein für Yoga. Was gestern das Buch, die Zimmerpflanze, der Rotwein war, ist heute die Fake-Plörre. Laut einem jüngeren Bekannten ist das inzwischen sogar der angesagte Trend bei Kneipenbesuchen: Nicht mehr saufen – alkfrei ist das neue Ecstasy.
Das ist ja auch alles ganz wunderbar. Eingetretene Scheiße aus dem ausgelatschten Profil eines überholten Zeitgeists zu kratzen, war noch nie das Dümmste. Dass man in Zügen, Restaurants und Krankenhäusern Zigaretten raucht, kann sich heute auch keiner mehr vorstellen. In diesem Rahmen gehört selbstverständlich auch die uneingeschränkte Gesellschaftsfähigkeit kollektiver Druckbetankung auf den Prüfstand.
Nur bitte doch nicht so. Natürlich habe ich das bunte Gesöff aus Respekt vor Gabe und Gebern gutwillig probiert: Das eine ein bitterer Ersatzstoff, der vage Richtung Aperol oder Campari geht beziehungsweise gehen soll, das andere ein reines Fantasy-Produkt, ohne Anlehnung an irgendwas, am ehesten vielleicht noch Hubba-Bubba-Kaugummis.
Das Zeug schmeckt einfach nicht, denn Alkohol ist ein Geschmacksträger, der für bestimmte Getränke unverzichtbar ist. Wer den Geschmack ohnehin nicht mag, umso gesünder, herzlichen Glückwunsch. Aber ersetzen kann man ihn nicht.
Wenn ich keinen Cocktail trinken will, mache ich das am besten, indem ich keinen Cocktail trinke. Bei Wein genauso. Alles besser als dieser flüssige Coitus interruptus, der nach Traubensaft schmeckt, bloß noch einen ganzen Zacken schlechter als echter Traubensaft.
Wie in einem Auto ohne Räder sitzen
So etwas zu konsumieren, ist, wie in einem Auto ohne Räder zu sitzen und laut „brrmm, brrmm“ zu machen. Lieber trinke ich Tee oder Wasser, Saftschorle, Tonic oder Ginger Ale. Oder alkoholfreies Bier – das ist tatsächlich das einzige, was auf dem Feld der Ersatzstoffe gut funktioniert.
Oder ich trinke eben Alkohol, weil ich von meiner überbordenden Intelligenz ja auch mal dringend eine Auszeit benötige, deren Notwendigkeit wahrscheinlich nur diejenigen verstehen, deren quälend selbstzerstörerische Neigung zum übermäßigen Denken meiner ähnelt. Was Balkonien für den Körper, ist Alkohol für den Geist: Erholung daheim. Aber vielleicht hätte ich genau das den Freunden gegenüber nicht so oft betonen sollen. Jetzt schleppen sie in einem fort das nichtsnutzige Gesöff an.
Über den Sekt hat der Schenker übrigens gesagt, der sei sehr gut, der schmecke „eben nicht wie Traubensaft“. Aber ich bleibe argwöhnisch, weil genau das es ist, was diese Leute immer gern zu diesen Sachen sagen. Deshalb habe ich den Sekt noch nicht geöffnet. Dabei könnte ich den ja guten Gewissens zu jeder Tageszeit trinken. Nur, warum sollte ich das tun?
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