Die Wahrheit: Die Ungesundes mit den Händen machen
Clash der Kulturen: Ein Intellektueller trifft auf die Arbeiterschaft, die im Haus des Intellektuellen Arbeitertätigkeiten verrichten soll.
Wegen eines Wasserschadens sind echte Arbeiter bei uns zu Hause. Das finde ich total spannend, weil ich im normalen Leben null Kontakt zur Arbeiterklasse habe. Das ist eine völlig fremde Welt für mich.
Ich bin ja Intellektueller. Meine Hände habe ich nur zum klugen Gestikulieren. Selbst Naturwissenschaften sind mir noch zu praktisch. Wenn mich jemand fragt: „Was ist sechs mal sieben?“, antworte ich so clever wie verschmitzt: „Sorry, aber ich bin eher geisteswissenschaftlich unterwegs.“
Es ist jetzt allerdings nicht so, dass ich groß die Klassiker gelesen hätte. Klassiker bin ich selber, sag ich immer. Ich habe einen tollen Humor. Aber Fremdsprachen, Philosophie und Geschichte sind jetzt auch nicht so mega mein Ding. Mit den „Geisteswissenschaften“ will ich eigentlich nur ausdrücken, dass ich wie ein Vampir zu Staub zerfalle, sobald ich eine mathematische Gleichung oder ein physikalisches Gesetz nur von Weitem sehe.
Ich habe ja auch nicht studiert. Das musste ich nicht. So ein Studium ist eher was für Leute, die nicht von Natur aus intellektuell sind, sondern es erst werden wollen. Was dann meistens auch nicht klappt. Dressierst du einen Affen, wird er dadurch kein Professor. Das musst du im Blut haben. So wie ich. Ich hab alles schon von Anfang an gewusst. Das Denken fällt mir unvergleichlich leicht.
Kein Wunder also, dass ich den Anschluss zur Arbeiterschaft verloren habe. Das ist ein bisschen schade, weil die ist ja irgendwie schon auch ein Teil unserer Welt. Jetzt habe ich endlich die Gelegenheit, mal aus der Nähe ihre Gewohnheiten, ihre Mentalität und ihre Sprache zu studieren. Früher kam so was ja noch öfter im Fernsehen: die Arbeiterromantik, das viele Bier, Hosenanzüge, singende Arbeiter am Lagerfeuer. Könnten aber auch „Indianer“ gewesen sein – so genau weiß ich das nicht mehr. Ich bin ja so gespannt.
Als die Maler kommen, bin ich deshalb schon ein bisschen aufgeregt. Ich lasse mir aber nichts anmerken und sage: „Guten Tag. Wie geht es Ihnen? Haben Sie gut hierher gefunden? Konnten Sie die Namen auf dem Klingelschild lesen?“ Wahrscheinlich nicht, doch bestimmt hat sie ihr Instinkt hergeleitet, der bei ihresgleichen sicher noch relativ ausgeprägt ist.
Animalischer Orientierungssinn
Dieser animalische Orientierungssinn wie bei einer Biene oder Fledermaus, ist uns hochgezüchteten Geistesmenschen leider völlig verloren gegangen. Wir müssen immer auf Google Maps nachgucken, wo’s langgeht. In der Hinsicht sind wir so wie degenerierte Möpse, die nicht mehr jagen können. Oder eben keine Decken mehr streichen und Nägel in die Wand schlagen.
Bevor die Arbeiter anfangen, sprechen wir kurz über die anstehende Arbeit. „Können Sie mich verstehen?“ Ich spreche extra laut und langsam. „Kennen Sie die Wörter? Wissen Sie, was ich meine? Wo Sie sind? Wer ich bin? Was Ihr Auftrag ist?“
Als Antwort kommt nur ein diffuses Nuscheln. Vielleicht tauschen sie sich auf diese Weise über ihre Arbeit aus. Für solche Themen bin ich als Kopfmensch ja gar nicht geschaffen. Aber interessant finde ich das schon: Warum nuscheln Arbeiter immerzu? Ist das ein interner Code, damit Feinde sie nicht verstehen? Aber ich bin doch gar nicht ihr Feind. Eventuell nehmen Sie auf diese Weise auch weniger Giftstoffe über den Mund auf. Diese Mit-der-Hand-mach-Sachen sind ja oft sehr ungesund: Kohle, Stahl, Feuer, Lacke, Radioaktivität.
Daher sicher auch die häufigen und langen Pausen. Das beobachte ich nämlich. Wahrscheinlich, dehydrieren und unterzuckern Arbeiter unheimlich schnell. Jedenfalls schneller als wir Intellektuellen, die wir ja eher geistige Nahrung zu uns nehmen.
„Stimmt’s, Sie dehydrieren recht schnell bei der Arbeit?“, frage ich neugierig, und wieder kommt nur so ein Gebrumm zurück, das alles oder nichts bedeuten kann. Ich tippe eher auf nichts. Dann arbeiten sie eine Zeitlang weiter, schnell und konzentriert, ich könnte das ja nicht. Mir wird immer alles schnell langweilig, außerdem hab ich selbstverständlich tausend andere Sachen gleichzeitig im Hirn, wie den Sinn der Welt und den Sinn des Lebens und solches. Ohnehin würde ich alles falsch anmalen, und wie herum die Nägel jetzt in die Wand gehören, weiß ich ebenfalls nicht.
Ich mustere sie unauffällig von der Seite. Faszinierend. Diese kontrollierten Bewegungen. Unglaublich geschickt, wie so geschäftige kleine Haselmäuse, die sich aus Zweigen und Blättern ein Nest bauen.
Aber sonst scheint es ihnen ja ganz gut bei uns zu gefallen. Ständig koche ich ihnen neuen Kaffee. Sie haben es nicht eilig, und nach einer halben Stunde ist es wieder so weit: Rauchpause. Arbeiter müssen anscheinend in festen Abständen rauchen, vielleicht ist das so eine Art Ladefunktion. Auch wieder interessant! Selten habe ich in so kurzer Zeit so viel gelernt.
Pech beim Rauchen auf dem Balkon
Zum Rauchen gehen sie jedes Mal runter auf die Straße, obwohl ich ihnen gesagt habe, dass sie auf dem Balkon rauchen können. Aber vielleicht gilt das in ihren Kreisen als Pech bringend. Womöglich sind schon mal Arbeiter beim Rauchen vom Balkon gefallen. Man steckt nicht drin – das ist ja eine ganze eigene Kultur. Oft beherrscht der Aberglaube alles, gerade bei einfachen Leuten.
Offenbar bin ich ihnen ebenso suspekt wie sie mir. Dabei habe ich heute extra für sie einen Arbeiterhut mit Bommeln in Regenbogenfarben aufgesetzt. Immer wenn ich auftauche, nuscheln sie einander etwas zu, leise und fast ängstlich. Das muss das über Jahrtausende aufgebaute Misstrauen sein, der Gutsherr könne sie um ihren Lohn prellen, und dazu gibt es überall diese merkwürdigen Gegenstände, deren Zweck ihnen fremd sein dürfte: Möbel, Bücher, Bilder, Espressomaschinen. Dabei müssten sie im Zuge ihrer Arbeit doch eigentlich an bürgerliche Haushalte gewöhnt sein, wo sie automatisch mit solchen Dingen in Berührung kommen.
Da könnten sie langsam ruhig mal ihre Scheu ablegen. Ich meine es schließlich nur gut mit ihnen und halte mich ganz bewusst mit irgendwelchem Denkkram zurück, den sie eh nicht kapieren würden. Authentisch zu sein ohne Arroganz, das ist meine Devise; offen zu bleiben für das Andere, Ungeschlachte, Primitive und auch dessen Stärken und schlichte Schönheit zu sehen.
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