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Beziehung statt StatusberichtCatch-up-Culture? Ohne mich

Unsere Autorin möchte am Leben ihrer Freundin teilhaben. Und nicht bloß alle paar Wochen ein Update im Café bekommen.

Nein – ab und an Kaffee trinken und das Neuste hören ist nicht genug für Freun­dschaften Foto: Elisa Schu/dpa

L iebste Freundin, vor Kurzem fragtest du mich: „Bald mal wieder Bock auf einen Kaffee?“ Und ich muss sagen: Nein. Nicht, weil ich dich nicht sehen will. Aber ich weiß genau, wie dieses Treffen ablaufen wird. Beim Cappuccino frage ich: „Wie geht’s dir?“ Du erzählst, ich höre zu, nicke – Seitenwechsel: „Und bei dir so?“ Schon ist die Stunde vorbei und der nächste Termin ruft. Ist das noch Freundschaft?

Für dieses Phänomen hat das Internet längst einen Namen gefunden: „Catch-up-Culture“. Anstatt das Leben gemeinsam zu erleben, erzählen wir uns nur noch gegenseitig davon. Wieder ein Update abgeschlossen, wieder eine Freundschaft am Leben gehalten. Freundschaften fühlen sich plötzlich wie Arbeit an, wie ein weiteres To-do, das abgehakt werden muss.

Das Phänomen heißt Catch-up-Culture – plötzlich fühlen sich Freundschaften wie Arbeit an, wie ein weiteres To-do

Das ist kein Zufall. Im Kapitalismus wird das Individuelle überhöht, während das Kollektive an Bedeutung verliert. Alle drehen sich am liebsten um sich selbst. Die eigenen Pläne und Bedürfnisse sind wichtiger als die der anderen. Getrieben von der Taktung unseres Alltags, versuchen wir sogar, Freundschaft effizient zu gestalten. So bleibt uns gerade noch Zeit für ein Heißgetränk – und das auch nur einmal im Monat.

Aber ich war nicht dabei, als du entschieden hast, deinen Job zu kündigen. Du hast mich auch nicht angerufen, als du gezweifelt hast, ob Zusammenziehen wirklich das Richtige für dich ist. Ich bekomme immer nur die Zusammenfassung, wenn die Krise überwunden ist. Ich stehe an der Seitenlinie deines Lebens und schaue zu. So fühlt es sich an.

wochentaz

Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Aber ist nicht echte Verbundenheit das, was eine Freundschaft ausmacht? In den Höhen die Freude zu teilen, in den Tiefen füreinander da zu sein? Gerade hierin liegt doch das Potenzial von Freundschaft. Schon unser aller Lieblingsphilosoph Aristoteles verstand unter Freundschaft eine Verbindung, die keinem Selbstzweck dient.

Komm, wir kochen was Schönes

So weit ist es bei uns zum Glück noch nicht, aber ich will auch nicht mit dir befreundet sein, um im Schnelldurchlauf von deinen letzten paar Wochen berichtet zu bekommen. Sondern, weil ich deine Art mag und weil ich schätze, wie du denkst. Ich will nicht dein Publikum sein, sondern deine Kumpanin. Ich will nicht nur von deinem Leben hören, ich will es mit dir erleben.

Früher hat sich das alles irgendwie leichter angefühlt. Nach der Schule haben wir uns einfach getroffen. Mehr Plan gab es nicht. Wir haben uns Geschichten ausgedacht, über Serien diskutiert oder mit großem schauspielerischen Talent Videos gedreht. Als du deinen Führerschein bestanden hast, haben wir zusammen die erste Runde gedreht. Du hast meinen Mutti-Zettel unterschrieben, damit wir uns auf Partys schmuggeln konnten.

Schon klar, jetzt haben wir mehr Verpflichtungen. Aber ich will unsere Freundschaft nicht in dieses Leistungskorsett aus Terminen quetschen. Daher schlage ich mehr Mut zur Spontanität vor. Lass uns gemeinsam aus dem Planbaren ausbrechen! Es muss ja gar nicht aufwändig sein. Stell dir vor, das nächste Mal, wenn du in meiner Gegend bist, klingelst du einfach und kommst hoch. Ganz ohne, dass wir das vor sechs Wochen festgelegt haben. Vielleicht putze ich ja gerade die Wohnung und du hilfst mir. Gut, da wäre vielleicht doch ein wenig Selbstzweck dabei …

Oder ich komme zu dir und wir verkochen unsere Reste. Dabei kommt bestimmt etwas Feines heraus. Wir könnten auch zusammen einkaufen gehen oder du begleitest mich zum Zahnarzt. Der ist sowieso bei dir um die Ecke, und dann bin ich weniger nervös. Liebste Freundin, lass uns unseren Alltag teilen, nicht bloß einen Kaffee.

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Clara Dünkler
seit 2025 Volo bei der taz. Gerade in der zukunft. Davor in Leipzig Journalismus und in Freiburg Kulturanthropologie studiert.
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6 Kommentare

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  • Ein Text für Leute ohne Kinder oder andere schwerwiegende Verpflichtungen. Ist legitim, sollte aber auch als solcher erkannt werden.

    • @My Sharona:

      Ich lese zwischen den Zeilen des Textes, dass bei, Autorin und Freundin derzeit noch ohne Kinder sind.



      Aber auch mit Schließung einer Ehe und Kindern, sollte man sich etwas Zeit für die Freunde nehmen. Verheiratete Männer und Väter finden immer, so höre ich es, Zeit für ihren Sport.

  • Das wird leider oft noch schlimmer, wenn die Freunde Partner/innen oder gleich Familie haben. Wenn man dann noch Single ist, entfernen sich die Lebenswirklichkeiten zusehens ...

  • Viel Glück!



    Als Teil einer anderen Generation muss ich nicht soviel Zeit auf social media zubringen und habe nur reale Freund*Innen.



    Bei gemeinsamer Vergangenheit reicht manchmal auch nur ein Kaffee.



    Seit ein paar Jahren habe ich das Konzept Arbeit/Mensch so angepasst, dass Mensch ( auch Andere) auf Platz 1 stehen.



    Klar muss Arbeit und daraus Geld irgendwie sein , ist aber doch kein Selbstzweck.



    Was nützen die Millionen (😉), wenn ich morgen aus den Latschen kippe?



    Was ist es wert zu leben - richtig viel Geld zu verdienen?



    Woran ich mich erinnere, sind gemeinsame Urlaube, Konzerte, Ausflüge, das ist es doch was zählt!



    Manchmal ist es aber auch Wichtig, sich selbst Zeit zu nehmen und die Zeit für Andere etwas einzuschränken.



    Gut darüber nachzudenken.



    Möchtegernkanzler wie Merz kommen und gehen - work life Balance ist das eigene Leben über das man*frau am Besten selbst bestimmt!

  • Ein schöner, ehrlicher Artikel. 👍



    Aber das Phänomen hat wohl eher etwas mit Zeitgeist zu tun - ich glaub nicht, dass das kapitalismus-spezifiach ist.(aber wir sind ja hier in der tZ, da quetscht wahrscheinlich der Säzzer den Teilsatz rein, wenn er nicht schon in der Ursprungsfassung steht 😉)



    Lasse mich aber gerne eines Besseren belehren...

    • @Emmo:

      Ja irgendwie entlarvend, weil das eine ohne das andere kaum geht. Früher hiess es Zweck-WG. Heute würde man sie 'Freunde' nennen. Ohne Ellbogen, Digitalisierung, Selbstoptimierung etc. ist die Entwicklung ins Jetzt aber schwer vorstellbar.