Bericht einer Ärztin: Überfordert auf der Intensivstation

Wen behandelt man zuerst? Wen zuletzt? Wen kann man gar nicht behandeln? Und muss man gesehen haben, wie jemand stirbt, um Corona ernst zu nehmen?

Intensivstation in der Universitätsklinik Kiel, Schlweswig-Holstein, ein Pfleger eilt durch den Gang

Derzeit werden deutschlandweit mehr als 4.000 Corona­patienten auf Intensiv­stationen behandelt Foto: Frank Molter/dpa

Mein Telefon klingelt im Minutentakt, ich habe Nachtdienst auf der Intensivstation. Der letzte Anruf kommt aus der Rettungsstelle. Dort reanimieren sie gerade einen Pa­tienten mit Herzinfarkt, und es sieht so aus, als könnte er es schaffen. Für diesen Fall bräuchten sie ein Intensivbett, höre ich die Stimme des Pflegers durch das Telefon.

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„Ich verstehe“, sage ich, „aber ich habe keins. Das letzte habt ihr vor einer halben Stunde belegt.“

Der Pfleger klingt angespannt.

„Was sollen wir jetzt machen?“

„Ich kann versuchen, jemanden zu verlegen. Das dauert aber. Übergangsweise kann ich nur den Schockraum anbieten.“

Die Schwester, die neben mir steht, weitet die Augen und schüttelt vehement den Kopf. Der Schockraum ist der Raum für Notfälle. Dort werden Pa­tien­ten kurzfristig versorgt, bevor sie auf die Zimmer verteilt werden. Dauerhaft betreut werden kann dort keiner, zu knapp ist das Personal ohnehin schon für die regulären Betten.

„Was soll ich denn machen?“, flüstere ich der Schwester zu.

Die zweite Welle der Corona-Pandemie geht um Welt. Welche Regionen sind besonders betroffen? Wie ist die Lage in den Kliniken? Den Überblick mit Zahlen und Grafiken finden Sie hier.

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Sie hält sich ihren Finger an den Kopf und drückt ab.

„Bis ich das freie Bett habe, muss einer von euch mitkommen“, sage ich durchs Telefon „ich kann sonst nicht noch einen beatmeten Patienten betreuen.“

„Wir sind auch knapp mit dem Personal“, sagt der Pfleger, „aber wenn es nicht anders geht …“

„Es geht nicht anders“, sage ich.

Er legt auf. Die Schwester blickt mich an. Sie weiß, dass ich nichts dafür kann. Sauer ist sie trotzdem.

„Ich kann bald für nichts mehr garantieren“, sagt sie, bevor sie beginnt, den Beatmungsplatz vorzubereiten. Sie wird später die vierte Überlastungsanzeige in Folge stellen und damit eine offizielle Meldung an den Arbeitgeber vornehmen, aber jetzt hilft sie mir, und auch morgen wird sie wiederkommen. Noch, denke ich und rufe meinen Kollegen an.

Kämpfe ums Überleben

Der hat Nachtdienst auf der anderen Hälfte der Station. Wir überlegen gemeinsam. Sieben unserer Patienten sind beatmet, zwei stehen kurz davor, und einer wurde erst vor wenigen Stunden von der Beatmungsmaschine entfernt. Bleiben zwei Patientinnen mit Herzrhythmusstörungen und eine, die gerade eine schwere Gallenwegsinfektion hinter sich hat. Alle drei sind überwachungspflichtig. Dennoch greife ich zum Telefon.

Aber die Kollegen aus der Magen-Darm-Abteilung haben keinen Monitor auf Station, und die Kardiologen haben kein Bett. Ich telefoniere vergeblich mit drei anderen Kliniken. Dann kommt der neue Patient. Er ist intubiert und beatmet und hat laut Katheterprotokoll jetzt drei Stents in seinen Herzkranzgefäßen. Die Intervention war schwierig, die Option auf weitere Stents bestehe aktuell nicht, schreibt der Kardiologe.

„Was soll ich denn machen?“, flüstere ich der Schwester zu. Sie hält sich ihren Finger an den Kopf und drückt ab

Ich lege dem Patienten einen zentralen Zugang, und mein Kollege informiert die Angehörigen. Dann fällt der Blutdruck, und kurz darauf wird der Patient erneut reanimationspflichtig. Mein Kollege und ich wechseln uns ab, die Schwester reicht Adrenalin. Währenddessen alarmiert der Monitor aus dem Nebenzimmer. Die Sauerstoffsättigung der Patientin mit Lungenentzündung sinkt, der Beatmungsschlauch ist verstopft.

Mein Kollege übernimmt die Reanimation, und ich wechsle das Zimmer. Gemeinsam mit der Schwester sauge ich der Patientin zähen Schleim aus der Lunge. Im Schockraum ist der Patient unterdessen ohne Herzaktion, und nach einer weiteren Stunde brechen wir die Reanimation ab. Er hat es nicht geschafft.

Keine Privatsphäre für den Abschied

Da klingelt mein Telefon. „Wir haben einen Monitor freigemacht“, sagt der Kardiologe. „Danke“, sage ich, „ich melde mich, wenn ich ihn wieder brauche.“ Zehn Minuten später ist es so weit. In der Rettungsstelle ist ein Pa­tient mit Magenblutung im Schock, der Blutdruck ist niedrig, und das Herz schlägt zu schnell. Außerdem ist er nierentransplantiert und hat hohes Fieber. Der Oberarzt, der die Blutstillung durchführen wird, ist unterwegs, aber die Situation ist kritisch. Drei Kollegen finden keine Vene, und der Patient braucht zwingend in den nächsten Minuten Bluttransfusionen und ein Antibiotikum.

Die Nadel, die der Notarzt bereits notfallmäßig in den Knochen gelegt hat, ist verstopft, der Kollege aus der Rettungsstelle klingt panisch. „Bringt ihn in den Schockraum“, sage ich. Während die Schwester den verstorbenen Patienten auf den Flur schiebt, treffen dessen Angehörige ein.

Sie werden sich später nicht über die fehlende Privatsphäre beschweren, dennoch tut es mir leid, dass sie kein Zimmer hatten, um in Ruhe Abschied zu nehmen. Doch der Notfall ist offensichtlich.

Kaum ist der Patient aus der Rettungsstelle mit unserem Monitor verkabelt, bricht sein Kreislauf zusammen. Mein Kollege benötigt drei Anläufe, um einen zentralen Venenkatheter in seine kollabierten Blutgefäße zu legen. Als es uns nicht gelingt, den stark blutenden Patienten zu intubieren, rufen wir die diensthabende Anästhesistin, und noch bevor die erste Bluttransfusion läuft, muss auch dieser Patient reanimiert werden. Dann kommt der Oberarzt.

Auch ohne Pandemie schwere Fragen

Er schafft es tatsächlich, die Blutung zu stillen, doch es dauert mehrere Stunden, bis sich der Patient stabilisiert. Er bleibt im Schockraum. Den nächsten Patienten aus der Rettungsstelle müssen wir abweisen, denn das Bett, das der Kardiologe in Aussicht gestellt hatte, ist inzwischen belegt.

Als die Nacht vorbei ist, verlassen mein Kollege und ich die Klinik, ohne eine einzige Pause gemacht zu haben. Solche Nachtdienste habe ich zuhauf erlebt, denn auch unter alltäglichen Bedingungen sind die Intensivstationen oft voll und das Personal knapp. Wen behandelt man zuerst? Wen zuletzt? Wen kann man erst gar nicht behandeln? Und wie viel besser wäre unsere Medizin mit mehr personeller Kapazität?

Fragen, die auch ohne Pandemiebedingungen schwer zu beantworten sind, und Entscheidungen, die auch ohne Corona niemand gezwungen sein sollte zu treffen. Sukzessive füllen sich die Intensivstationen, Bilder beatmeter Patienten tauchen in den Nachrichten auf, und Intensivmediziner warnen vor der reellen Bedrohung eines überlasteten Systems. Parallel verabschiedet sich ein beunruhigend großer Teil der Gesellschaft aus der Realität. Reichen die Bilder nicht aus?

Muss man auf einer Intensivstation gearbeitet haben, um zu verstehen, was es heißt, Verantwortung für andere zu übernehmen? Muss man vom Alarmton der Beatmungsmaschine bis in den Schlaf verfolgt werden, um zu verstehen, was Luftnot bedeutet? Muss man gesehen haben, wie jemand stirbt? Muss man erlebt haben, dass es nicht besser ist, wenn der, der stirbt, über sechzig Jahre alt ist?

Häme nicht angebracht

Es wurde viel geschrieben über die Motivation von Menschen aus der Leugnerszene. Allen möchte man ein „Bleibt zu Hause!“ zurufen, vorneweg denjenigen, die selbst zur Risikogruppe gehören – aber 70 ist das neue 30, und jeder ist so jung, wie er sich fühlt. Ironie des Schicksals, dass ich am Ende für diese Menschen zu Hause bleibe. Zumindest privat, denn beruflich muss ich ja raus, und es könnte durchaus sein, dass ich es bin, die sie in der Klinik mit Luftnot in Empfang nimmt.

„Nein, nein, nein, Corona ist ausgeschlossen, das ist doch alles Panikmache“, könnte ich sagen, „ich glaube, Sie haben gar keine Luftnot, und ich untersuche jetzt erst einmal in Ruhe Ihre Gelenke.“ Aber das tue ich nicht, denn Häme ist im Falle von Luftnot nicht angebracht, und ich behandle sie alle.

Dennoch wünschte ich mir, diese Menschen ließen sich wachrütteln, vor allem die, die Corona nicht ganz, aber so ein bisschen leugnen, die, die nicht ganz, aber so ein bisschen an eine Verschwörung glauben. Niemand will kleinreden, dass, wer aufgrund von Lockdown-Beschränkungen um seinen Job fürchtet, dies im übertragenen Sinne auch um sein Leben tut.

Wer jedoch um den nächsten Atemzug fürchtet, braucht auch bald keinen Job mehr – und eine volle Intensivstation kann nur in Kauf nehmen wollen, wer nicht weiß, was das heißt, wenn sie voll ist.

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