Lohnarbeit in Coronazeiten: Dienst ist immer

Freizeitstätten sind schon lange geschlossen, Schulen und Handel nun bald auch wieder. Nur der Bereich Arbeit bleibt weiter sich selbst überlassen.

Stechuhr in Solo, Indonesien

Was will man machen? Die Stechuhr tickt eben weiter Foto: Thomas Koehler/imago

Es gibt diesen einen Satz, der gerade besonders gut passt: „Es ist einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus.“ Das Zitat wird sowohl Literaturwissenschaftler Fredric Jameson als auch Philosophieposterboy Slavoj Žižek zugeschrieben und bringt eine zentrale Eigenschaft der Moderne auf den Punkt.

Diese scheint zu banal, um angesprochen zu werden, ihre Macht steckt aber gerade in der Banalität: Das kapitalistische Wirtschaften, also das Produzieren, Verkaufen und Konsumieren von Waren, wirkt mindestens so naturgegeben wie, aber unumstößlicher und selbstverständlicher als die Schwerkraft. Oder als das Bedürfnis der Menschen nach Sauerstoff.

Wie viel Wahrheit in diesem Satz steckt, das zeigt die Pandemie – seit Monaten: In Debatten über den Infektionsschutz spiegeln sich zwar immer partikulare Interessen, die bei einer Lehrerin anders ausfallen als bei einem Familienvater, bei einem Kassierer anders als bei einer Restaurantbetreiberin; doch worüber diskutiert wird, weist auch immer darauf hin, welche Maßnahmen überhaupt gesellschaftlich denkbar sind. Und welche als zumutbar gelten.

Leidenschaftlich haben Menschen in den vergangenen Monaten über die Schulschließung diskutiert; Restaurants und Kneipen sind schon eine Weile zu; und ab Mittwoch muss auch der Einzelhandel vorerst bis zum 10. Januar schließen, wie Bund und Länder am Sonntag angesichts steigender Infektionszahlen beschlossen haben. Das ist einerseits erfreulich, weil es zeigt, dass zumindest von der Naturgegebenheit des Konsums, wenn auch unter großem Leidensdruck, ein bisschen Abstand genommen wird.

Appelle sind absurd

Dagegen bleibt die andere Konstante des Kapitalismus, die Arbeit, weiterhin sich selbst überlassen: Anders als in den anderen regulierten Lebensbereichen sprechen Bund und Länder Arbeitgeber:innen gegenüber keine Verpflichtungen aus. Sie bitten nur höflich, wenn auch „dringend“, „zu prüfen, ob die Betriebsstätten entweder durch Betriebsferien oder großzügige Homeoffice-Lösungen vom 16. Dezember bis 10. Janaur 2021 geschlossen werden können, um bundesweit den Grundsatz ‚Wir bleiben zu Hause‘ umsetzen zu können“.

Es ist jedoch absurd, Ar­beit­geber:innen ehrfürchtig zu bitten, sie mögen doch selbstständig prüfen, ob sie ihre Betriebe schließen können. Denn kapitalistische Betriebe stehen in Konkurrenz zu anderen. Wenn sie freiwillig auf Profite verzichten, dann werden sie von anderen übertrumpft und besiegeln ihr eigenes Ende.

Dass Unternehmer:innen nicht freiwillig auf Profite verzichten und sich gegenüber Kon­kurren­t:innen nicht freiwillig in eine unvorteilhafte Situation begeben, gehört zur bitteren strukturellen Notwendigkeit des Kapitalismus.

Deshalb braucht es verbindliche Verpflichtungen statt Appelle, will man Infektionen am Arbeitsplatz genauso entschlossen verhindern wie in Restaurants und Kaufhallen. Und für Betriebsschließungen, die auch differenziert möglich wären, spricht: Man kann davon ausgehen, dass das Infektionsrisiko in Fabriken und Produktionshallen mindestens so hoch ist wie im Einzelhandel, wenn nicht sogar höher.

Mehr als Lieferketten

Es gibt zwar Arbeitsschutzvorgaben, die das Bundesarbeitsministerium in Zusammenarbeit mit der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin im August nochmals konkretisiert hat, aber auch im Einzelhandel gab es ja Schutzmaßnahmen. Der Ausbruch des Coronavirus in der fleischverarbeitenden Industrie oder in Logistikzentren hat in den vergangenen Monaten gezeigt, wie anfällig Betriebe sind. Vor zwei Wochen eskalierte ein Streit zwischen der Gewerkschaft Verdi und Amazon. Die Gewerkschaft sprach von einem Corona-Hotspot mit 300 Infizierten im bayerischen Amazon-Standort Graben, der Konzern dementierte und sprach von 31 Infizierten.

Natürlich würden Betriebsschließungen die gegenwärtige wirtschaftliche Ordnung noch mehr ins Wanken bringen. Aber es würde deren vermeintliche Naturwüchsigkeit auch hinterfragen helfen. Weil es bei der Lohnarbeit aber um mehr als das Aufrechterhalten von globalen Lieferketten geht, wird das allerdings schwer. Denn wer die Lohnarbeit auch nur temporär infrage stellt, der stellt damit gleich auch die essentiellste Notwendigkeit des Kapitalismus infrage.

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Kolumnist ("Postprolet") und Redakteur im Ressort taz2: Gesellschaft & Medien. Bei der taz seit 2016. Schreibt über Soziales, Randständiges und Abgründiges.

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