Bachmannpreis 2026: In frontaler Opposition zu allem
Lena Schätte gewinnt den Ingeborg-Bachmannpreis und den Publikumspreis gleich mit dazu. Das Prekariat offenbart sich am Wörthersee in Form von Flecken.
Es ist ein heißer Sommertag und auf der Anklagebank sitzt Gott höchstpersönlich. Ob er wirklich schuldig ist, wird abschließend nicht geklärt. In Ingeborg Bachmanns Hörstück „Der gute Gott von Manhattan“ klagt der Richter diesen guten Gott zwar an, doch lässt ihn schließlich laufen. Immerhin hat er die Wahrheit, nichts als die Wahrheit gesagt.
Mehrfach wurde an diesen Junitagen auch der Bachmannpreis mit einem Tribunal verglichen. Vor den Augen der Autor:innen nehmen sieben Juror:innen deren Texte auseinander – das sei Mobbing, sagte so etwa Jurorin Mithu Sanyal. Auch auf Social Media entspannten sich dieser Tage wieder die üblichen Debatten, es kam der Wunsch nach einem konstruktiveren Format auf. Dabei muteten die Diskussionen in der Jury bereits jetzt mehr als konstruktiv an. Mitunter wähnte man sich eher in einer Schreibwerkstatt denn beim wichtigsten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum.
Geschürt wurde die Debatte in diesem Jahr insbesondere durch die Teilnahme Slata Roschals. Die Schriftstellerin hatte vorab im Interview mit der SZ angekündigt, die Fernsehbühne gleich nach ihrer Lesung zu verlassen, ohne sich der Jury zu stellen. Was sie auch tat. Ihre Entscheidung unterfütterte sie mit berechtigter, ja, notwendiger Kritik an den Verhältnissen im Literaturbetrieb; schlecht bezahlte Stipendien, schmale Gewinnmargen seien die Leitplanken, innerhalb derer zumeist die Bahnen des Lebens von Schriftsteller:innen verlaufen.
Dass sie auf die Frage, ob sie im Fall eines Gewinns ihr Preisgeld teilen würde, zögerlich reagierte, kam hingegen weniger gut an. Auch, dass es in ihrer in Klagenfurt vorgelesenen Erzählung nur vordergründig um das Prekariat und in der Hauptsache um den Literaturbetrieb ging, festigte den Eindruck: Sie hätte die Sache besser angehen können. Dabei ließe sich Roschal durchaus auf den Spuren der einst von Burkhard Spinnen geforderten „Frontalopposition zu allem“ verorten. Der Autor und einstige Bachmannpreisjuror hatte 2001 zum 25. Jubiläum des Bewerbs in einer TV-Dokumentation erklärt, zum Kunstmachen gehöre ein „gerüttelt Maß an Freiheit“; Freiheit nicht nur von ästhetischen Dogmen, sondern auch von gesellschaftlichem Druck und ökonomischen Zwängen.
Ökonomisches spielte überhaupt eine große Rolle bei diesen nun 50. Tagen der deutschsprachigen Literatur. Das fiel auch der Jury auf, die den Komplex auf eine Weise thematisierte, die zeigte, wo der Vorwurf der angeblich elitären Literaturkritik noch greift – und wo nicht. Denn obwohl einige Texte durchaus mittelmäßig daherkamen, ließ die Jury kaum einen durchfallen, würdigte Einfälle und sogar einzelne Sätze, die hervorstachen. Hierarchien lassen sich da wahrscheinlich eher im Monetären vermessen. Oder wie lassen sich Kommentare wie, etwas sei „wunderbar proletarisch“ oder die attestierte „Faszination für Unterschichtskräfte“ anders erklären?
Blinde Flecken
Eben diese „Faszination“ offenbarte sich übrigens auch in der Häufung bestimmter Motive über die Texte und Textgattungen hinweg. So sorgte der immer wieder auftauchende „Fleck“ für Heiterkeit. Ist nun die Tatsache, dass sich ein:e Schriftsteller:in naturgemäß für Flecken – blinde, aber auch Unheil kennzeichnende – interessiert, beinahe eine Binse, ist die räumliche Verortung dieser Flecken in den jeweiligen Texten eben doch bemerkenswert, tauchen diese nämlich bevorzugt als Wasser- oder Schimmelflecken und geben Auskunft über prekäre Wohnverhältnisse. Bei Lena Schätte sind die Flecken auf Polstern zu finden.
Mit einigem Abstand gewann die den mit 30.000 Euro dotierten Hauptpreis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs und konnte auch den Publikumspreis mit nach Hause ins sauerländische Altena nehmen. Genauso wie der Bachmann’sche Hitzedom gehört zum Wettlesen am Wörthersee eigentlich, dass die Preisvergabe am Ende nur über Stichwahlen zu klären ist und man ohne ORF-Justiziar und heimlichem Publikumsliebling Andreas Sourij schnell den Überblick verliert.
Für die ehemalige Psychatriekrankenschwester Schätte jedenfalls eine schöne Summe und wichtig für die Sichtbarkeit von Diskriminierung gegenüber übergewichten Menschen, wie Schätte kurz nach der Preisvergabe – und sichtlich schockiert – bemerkt.
Die Unsichtbarkeit akzeptierend
In ihrem Text „Was wir tragen“ erzählt sie von der Beziehung zweier übergewichtiger Schülerinnen, die schon von Kindesbeinen an aus dem sozialen Leben ausgegrenzt werden und in der Folge die Unsichtbarkeit nicht nur akzeptieren, sondern auch selbst herstellen – indem sie sich etwa für das Pausenbrot auf der Schultoilette einschließen, „auf dem Klodeckel sitzend, wo die Blicke nicht auf unseren kauenden Mündern ruhen“.
Es ist ein Text, der von der Gewalt erzählt, der übergewichtige Menschen ihr Leben lang ausgesetzt sind, nicht nur durch Fremde, sondern auch die eigene Mutter: „Wenn sie mich schlägt, rollt sie eine Zeitung zusammen, zieht einen Hausschuh aus oder greift nach dem, was sonst herumliegt. […] Aus dir wird mal ein fettes Fabrikweib, schreit sie dann.“
Doch Schätte gewährt auch einen Einblick, welche Coping-Mechanismen sich einschleifen, wie die Flucht in Gedanken einen Ausweg aus der traumatischen Lebenserfahrung gewährt: „Ich stelle es mir vor, während ich stillhalte. Dutzende dicke, glückliche Frauen an einem Fabrikfließband, mit Schürzen auf den Bäuchen, die sich unterhalten, gegen den Lärm anreden, mit offenen Mündern lachen, während sie sich Metallteile hin und her reichen. […[ Wie sie dann irgendwann nach Hause gehen und essen, was sie wollen, kauend vorm Fernseher sitzen, die Füße hochgelegt, zufrieden.“
Dass Kinga Tóth den KELAG-Preis erhielt, überrascht nicht, denn bereits nach ihrer Lesung am Donnerstag zeigte sich die Jury begeistert von Sprachwitz und Polyphonie der Autorin mit ungarischen Wurzeln. Es ist bemerkenswert, mit welcher Genauigkeit Tóth das Schicksal, die täglichen Herabwürdigungen von „Ostblockmädchen“ in einer Sprache beschreibt, die sie erst in der Schule gelernt habe. Tóth brach mehrfach in Tränen aus und dankte nicht nur Jury und Publikum, sondern auch allen Personen, die im Hintergrund dafür sorgen, dass der Bachmannpreis stattfinden kann. Gäbe es einen Preis für das sympathischste Preisgewinnen, Tóth hätte ihn sicher verdient.
Heimlicher Favorit
Verdient hätte den Hauptpreis in jedem Fall auch Ozan Zakariya Keskinkılıç, der für seinen Text „Vater ohne Sohn“ stattdessen mit dem Deutschlandfunkpreis ausgezeichnet wurde. Der vielleicht beste Vorleser dieses Jahrgangs erzählte vom Zwiespalt eines schwulen Vaters, der, statt sich um seinen Sohn zu kümmern, vor allem Zeit mit seinem deutlich jüngeren Liebhaber verbringt und dafür von seiner besten Freundin zurechtgewiesen wird. Ein sinnlicher, nie vulgärer Text, der in seiner „sprachlichen Pracht“ nicht nur den scheidenden Jurychef Klaus Kastberger überzeugen konnte, sondern auch in den sozialen Medien viel Anklang fand.
Den mit 7.500 Euro „kleinsten“ 3sat-Preis erhielt Magdalena Schrefel für ihren Text „Kirschen, Herz mit Verband“, der sich mit einer Brustkrebs-Diagnose und vor allem dem Sprechen darüber beschäftigt. In seiner zurückgenommen, fast sachlichen Sprache zeugt der Text vom dem Versuch, durch das Sprechen über die Erkrankung Kontrolle über sie und den eigenen Körper zurückzuerlangen. Einen „meisterhaften“ Text, hatte Schrefel vorgelegt, meinte Jurorin Laura de Weck in ihrer Laudatio.
Irgendwo ist der Bachmannpreis auch eine Castingshow. Doch wo die im Privatfernsehen zusammengesetzten Popstars schnell wieder in der Versenkung verschwinden, treten in Klagenfurt mitnichten Unbekannte an. Anfänger:innen waren unter den Teilnehmenden eigentlich keine vorhanden, 13 der 14 Nominierten haben bereits Romane oder Lyrikbände veröffentlicht. So war das Niveau der Texte in diesem Jahr auch höher als im letzten Jahr, wo der Bachmannpreis überdies noch mit drohenden Sparmaßnahmen konfrontiert war, die nun jedoch vorerst abgewendet sind.
Auch die 51. Tage der deutschsprachigen Literatur werden so im nächsten Jahr wohl wieder und, so der gute Gott will, unter den Augen Heinz Bachmanns stattfinden, der an den Bachmanntagen wie selbstverständlich in Klagenfurt weilt. Ein Blick ins Gesicht des 87-Jährigen ist auch ein Blick in eine Zukunft, die nie eingetreten ist, durfte seine Schwester aufgrund ihres frühen Feuertods das hohe Alter doch nie erreichen.
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