Erster Lesetag beim Bachmannpreis: Sprachverwandtschaften am Rande Mitteleuropas
Die Tage der deutschsprachigen Literatur starten mit einem kalkulierten Skandal. Kinga Tóth brachte die Jury an die Grenzen ihres Verständnisses.
Ein bisschen hatte man in Klagenfurt in diesem Jahr womöglich doch das Gefühl, man müsste eine Schippe drauflegen, im Line-up mit ein paar Headlinern auftrumpfen, um relevant zu bleiben. Der Fortbestand des Bachmannpreises ist zwar gesichert, doch wurde im letzten Jahr schon ein paarmal die Klage vernommen: Wirklich herausragend waren wenige Texte.
Diesmal haben 13 von 14 eingeladenen Autor:innen bereits Romane oder Lyrikbände veröffentlicht, verfügen selbstredend über Wikipediaartikel und versammeln teilweise große Followerschaften hinter sich. Dahingehend weckte der erste Lesetag bereits Erwartungen hinsichtlich hoher Headlinerdichte, Erwartungen auch, jedoch hinsichtlich eines kleinen Skandals, eines Skandals freilich mit Ansage.
Es klang erst mal sinnvoll: Slata Roschal sprach in einem Interview mit der SZ auch die unbequemen Seiten des freien, ergo klammen Literatendaseins an. Auch die Medialisierung von Literatur im Rahmen des Bachmann(wett)bewerbs, das Konkurrenzverhältnis, in das Autor:innen so eintreten würden, kritisierte Roschal. Sie werde ihren Text lesen und dann gehen, ohne die Jurydiskussion anzuhören, kündigte sie an.
Vordergründig geht es auch in ihrem Text „Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet“ ums Prekariat, um Solidarität, die sich durch den Fokus auf Putzfrauen, Küchenhilfen und Sekretärinnen im Literaturbetrieb auf diese überträgt. Über den Umweg über den Literaturbetrieb – Literaturagenten tauchen auf, Klagenfurt ebenso – werden die Putzfrauen dann jedoch wieder an den Rand gedrängt, wie die Jurorin Brigitte Schwens-Harrant richtig feststellt. Arbeiterliteratur ist der formal überladene Text eher nicht, doch zitiert er den universalen, linken Grundsatz an, dass das Geld zum Überleben reichen sollte. Gesteht man Roschal diesen Universalismus zu, ist es allerdings zumindest verwunderlich, dass sie sich in ihrem Text plötzlich aus dem Nichts zu den toten israelischen Geiseln äußert und nicht generell die von den Gräueln des Kriegs zermalmten Zivilist:innen überall betrauert.
Der Autor ist weg
Im SZ-Interview danach gefragt, ob sie beim Bachmannpreis das Preisgeld unter allen Teilnehmer:innen teilen würde, wie sie das bei einem anderen Festival bereits anregte, zögerte sie. Die 30.000 Euro könne sie schon gut gebrauchen, sagte sie. Am Ende verlässt Roschal jedenfalls wie angekündigt nach ihrer Lesung das ORF-Studio. Die Jury ist darüber geteilter Meinung. Mithu Sanyal findet den Move gut, weil im Text ja der Tod des Autors verhandelt werde, was man auch weiß, weil tatsächlich ein Autor stirbt, Philipp Tingler ist weniger begeistert. Tot sei der Autor doch nicht, sondern weg. Und überhaupt: „So schlimm sind wir doch auch nicht.“ Was stimmt, die Jury fasste am ersten Lesungstag zumeist wohlwollend auch eher durchschnittliche Texte an.
Der Selbstinszenierung in Form von Kritik an der Selbstinszenierung war es jedenfalls genug an diesem Junidonnerstag. Einen erfreulich unaufgeregten Text liest so etwa Jovana Reisinger vor. Erben verpflichtet und tatsächlich trägt ihre Protagonistin Maria daran schwer. In sich sehr österreichisch nimmt Reisinger die Geschehnisse in einem Dorf in den Blick, in dem sich die Todesfälle häuften. Österreichisch ist darin auch die Erzählinstanz, tritt sie, bitterböse die Geschehnisse kommentierend, doch erkennbar in die Spuren Elfriede Jelineks.
Favoriten geben sich die Klinke in die Hand
Das Losglück hatte den Zuschauern beschert, dass gleich am ersten Tag des Wettlesens viele der Autor:innen antraten, denen man im Vorfeld eine Favoritenrolle zugeschoben hatte – zumindest, wenn man als Kriterium die Bekanntheit gelten lässt. Dazu zählt die im letzten Jahr für den Deutschen Buchpreis nominierte Fiona Sironic, die allerdings einen deutlich konventionelleren Text vorliest, als die Lektüre von „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft“ erwarten ließ. Ähnlich sieht das auch Jurymitglied Philipp Tingler, der gleich im ersten Text zu einer kleinen Tirade ansetzen konnte, die im apodiktischen Urteil „banal und langweilig“ mündet.
Zu den Favoriten zählt sicher auch Kurt Prödel, seines Zeichens Twitter-Comedystar (bevor sich ein gewisser rechter Raketenbillionär anschickte, den Spaß zu verderben) sowie Musiker bei der Internet-Punk-Band The Screenshots. So ganz springt der Funke jedoch nicht auf die Bachmann-Bühne über, vielleicht, weil man sich fragt, wo Witz und Ironie geblieben sind, für die Prödel und Co eigentlich bekannt sind. Der in Berlin lebende Autor liest einen eher Klagenfurt-konformen Text über den Umgang mit einem Feuermal im Gesicht, in seinem eigenen dazu. Ob das alles am Ende ernst gemeint ist, kann dabei auch sein Autorenvideo nicht aufklären, in dem er sich als tischtennisspielender Internet-Nerd in einer Mehrzweckturnhalle filmen ließ, in der sonst eher die zweite Mannschaft des TSV Muggensturm ihre Hallenturniere austrägt, als dass literarische Wettlesekandidaten an ihrer Autoreninszenierung arbeiten.
Ein erstes Highlight
Dass vor allem vielstimmige Texte erst durch einen starken Vortrag ihre ganze poetische Wirkung entfalten, konnte man schon bei Vorjahresgewinnerin Natascha Gangl erleben. In „Da Sta“ wechselte die Österreicherin virtuos zwischen Deutsch und steirischer Mundart, konnte Jury sowie Publikum über Landes- und Sprachgrenzen hinweg überzeugen, was ihr zu Recht den Hauptpreis einbrachte.
Kinga Tóths „OstblockMädl“ kommt ebenfalls als polyphoner wie polyglotter Gesang daher. Als Performancekünstlerin, die auf Deutsch, Englisch und ihrer Muttersprache Ungarisch schreibt, scheint sie bei ihrem Vortrag ganz in den eigenen Text abzutauchen. Mal werden Wassertropfen mit Soundeffekten untermalt, dann Geräusche mit auf die Bühne geschmuggelten Kieselsteinen erzeugt, hin und wieder wird gesungen – und das ziemlich gut: Die Drangsal deutscher Beamtensprache als liturgisch vorgetragener Gesang entlarvt ihre menschenfeindliche Funktion auf subtile wie geniale Weise.
Wortspiele und Verwandtschaften
Verborgen blieb die Verwandtschaft mit Gangl auch nicht Jury-Vorsitzendem Klaus Kastberger, der ihr gar einen „Gangl-am Style“ attestiert. Nachdem das ein oder andere Wortspiel in der Eröffnungsrede zum Weimern, äh, Heulen war, kommt auch die Jury langsam an am höllisch heißen Wörthersee.
Dass Sprachinnovationen auch immer ein:e besonders konzentrierte:n Zuhörer:in voraussetzen, macht Jurymitglied Thomas Strässle deutlich, den die Lektüre Tóths an die „Grenzen seines Verständnisses“ brachte. Vieles wird hier angerissen: die Sprache der Öffentlichkeit, die Umgangssprache der Straße in der migrantischen Perspektive ungarischer Einwanderer, verortet im Grenzgebiet zwischen Österreich und Ungarn, zwischen Stadt und Land.
Hätte nicht eben jene Gangl im Vorjahr bereits mit einem ähnlichen Versuch gewonnen, könnte man bei Tóth wohl von einem ersten Favoritentext sprechen, denn bis auf Philipp Tingler zeigten sich alle Jurymitglieder von Text und Performance tief beeindruckt.
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