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Bachmannpreis 2026Die Karbunkel des Karl Marx

In Amerika endet die Vorrunde, in Klagenfurt der Bachmannpreis: Die Tage der deutschsprachigen Literatur zwischen Lindwürmern und dem Kampfplatz der Nationen.

Wandelt man während der Bachmanntage durchs pittoreske Klagenfurt, vergisst man leicht, dass die Gegend um die Kärtner Landeshauptstadt in der Vergangenheit wohl kaum als Ausflugsziel für den deutschsprachigen Literaturzirkus getaugt hätte.

Der Sage nach gab es hier lange nur feuchtes Moos und nur selten betrat „eines Menschen Fuß jenes unheimliche und undurchdringliche Dunkel“. Zu allem Überfluss lebte an den Ufern des Wörthersees ein blutrünstiger Drache in Wurmgestalt, dem sich der hiesige Herzog nach einigen Klagen seiner Untertanen durch einen Wettkampf entledigen wollte: Wer den Lindwurm besiegen könne, dem winke „reicher Lohn“; ein Preisgeld also, wenn man so will.

Ob es nun ausgerechnet vierzehn Hasardeure waren, „die, vom Preise des Sieges angelockt, hin zum Kampf zogen“ und ob das Preisgeld etwa dem damaligen Gegenwert von 30.000 Euro entsprach, ist unbekannt. Sicher ist, dass die mutigen Jünglinge den Lindwurm mit einer List besiegen konnten und „an der Stelle des Drachenkampfes das friedliches Dörfchen“ entstand, in dem später einmal Ingeborg Bachmann geboren und Peter Handke zur Schule gehen würde.

Auf dem Neuen Platz in Klagenfurt erinnert heute noch ein Brunnen aus dem 17. Jahrhundert an den Lindwurm. Der steht im Moment jedoch etwas beengt da, ist auf dem Platz doch das zentrale Public-Viewing-Areal der Stadt eingerichtet. Viel bekommt man sonst von der WM allerdings nicht mit, bei den diesjährigen Tagen der deutschsprachigen Literatur, dabei verbindet Wettkicken und Wettlesen eigentlich so einiges.

Ein Fußballspiel, schrieb Norbert Elias 1983, sei im Kern „eine Figuration von Menschen, die in einer kontrollierten Spannung“ zueinander stehen. „Ausgespannt“, heißt es weiter, seien die Spiele zwischen den beiden Polen „Unordnung und Langeweile“ und dass sich die Balance nicht zu sehr in Richtung der Unordnung zuneige, das sei doch immerhin eine zivilisatorische Leistung.

Der Nachfolger des Lindwurms

Nun, langweilig sind die Jurydiskussionen in Klagenfurt nicht direkt, aber unordentlich geht es auch nicht gerade zu. Mit Marcel Reich-Ranicki hat wahrscheinlich der letzte Lindwurm in Klagenfurt sein Feuer ausgehaucht, Philipp Tingler taugt nur episodisch zum Nachfolger als Juryfiesling. Einen Text über Fußball hätte Mithu Sanyal ungern gelesen, gibt sie an einer Stelle zu, Skispringen interessiere sie eigentlich ebenso wenig, aber Christoph Szalays Text „Amiata“ habe ihr dann doch gefallen.

Darin begibt sich der Protagonist auf eine Expedition in die italienischen Alpen. Ohne danach zu suchen, stößt er auf die Reste einer abgerissenen Skisprungschanze. Der Fund erinnert den Protagonisten an seine eigene Vergangenheit als Skispringer und all die Strapazen, Essstörungen und Verletzungen, die diesen ebenso gefährlichen wie faszinierenden Sport begleiten.

Szalay folgt dabei einem autofiktionalen Ansatz, war der Autor in jüngeren Jahren doch selbst Nordischer Kombinierer, einer Sportart, bei der Skilanglauf und Skisprung hintereinander zu absolvieren sind.

Wer das Glück hatte, einmal Werner Herzogs Dokumentation „Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner“ zu sehen, weiß, dass Skispringen mitunter nicht die üblichen aseptischen Typen anzieht, die man gewöhnlich im Profisport vorfindet. Auch Szalays Protagonist begreift Skispringen eher als ästhetische Erfahrung statt als sportlichen Wettkampf, bei der von der Sprungweite weniger abhängt als vom sinnlichen Erleben der Flugphase.

Wahre Anfänger gibt es nicht

Den letzten Lesetag begonnen hatte die in Bayreuth lebende Autorin Derya Uzun, die von allen Bachmann-Lesenden dieses Jahrgangs bisher wohl am wenigsten öffentlich in Erscheinung getreten ist und auch als einzige über keinen eigenen Wikipedia-Artikel verfügt.

Doch wahre Anfänger gibt es eigentlich seit Jahren nicht mehr am Wörthersee und auch Uzuns Erzählweise zeugt von einer gewissen Marktkenntnis und folgt in ihrer vermeintlichen Autofiktioalität einem Trend, der auch in diesem Jahr voll zum Tragen kommt. Uzun schildert in Fragmenten ein traumatisches Mutter-Tochter-Verhältnis, das geprägt ist von Suizidversuchen der Mutter und dem Gefühl des Zurückgelassen-Seins der Tochter, die als Literaturwissenschaftlerin in – genau – Bayreuth lebt.

Es liegt an einigen sprachlichen Ungereimtheiten des Textes, dass sich die Fragmente nicht recht zu einem größeren Ganzen kombinieren lassen und man zwar die abgründigen Dimensionen des Sujets und der Figurenbeziehungen ahnt, aber alles auf eine Weise artifiziell und im negativen Sinne „geschrieben“ wirkt.

Was genau Jurorin Mithu Saynal meint, als sie erklärt, die Schilderung eines Selbstmordversuches mithilfe von „19-Cent Aldisalz“ sei ihr „Lieblingssuizidversuch“ und „wunderbar proletarisch“, wird indes nicht ganz klar.

Kastbergers Schimmelfimmel

Klaus Kastberger hat zu Mutter-Tochter-Beziehungen augenscheinlich keine passende Anekdote parat. Was überrascht, erfährt man im Laufe des Wettbewerbs doch so einiges Persönliches über den Germanisten: Von seinem Schimmelfimmel etwa, wie er den Zusammenbruch des Ostblocks in Wien erlebte und auch, dass er und Jurykollege Thomas Strässle ein SMS-Streitgespräch darüber unterhalten, welche der beiden „Alpenvölker“ denn nun die bessere Skination sei.

Überhaupt ist Österreich für Kastberger stetiger Referenzpunkt, in Österreich möge man runde Dinge, sagt er einmal, Düsseldorf sei nur erträglich, wenn man von dort nach Wien fahre, ein andermal. Sportspiele sind zu einem friedlichen Kampfplatz der Nationen geworden, heißt es bei Norbert Elias und Jury-Vorsitzender Kastberger, der in diesem Jahr zum letzten Mal in Klagenfurt mitdiskutieren wird, hat in Österreich natürlich Heimvorteil.

Ob sich der Bachmannpreis auch für Wolfgang Popp nach Heimspiel anfühlt, ist ungewiss. Zum Veranstalter des Bewerbs, dem ORF, unterhält Popp jedenfalls enge Beziehungen, ist er immerhin bei dem Radiosender Ö1 als Kulturredakteur beschäftigt. Aus seiner Geschichte wird die Jury nicht recht schlau, kündigt Popp doch gleich zu Beginn einen Regelvorstoß an, der dann nicht erfolgt: „Weil der Text, den ich hier gerade lese, nicht der Text ist, den ich eingereicht habe“.

Popps Erzähler reist gen Klagenfurt, zitiert Nietzsche und Rüdiger Safranski. Sie könne den Text nur ertragen, wenn sie ihn ironisch lese, kommentiert Brigitte Schwens-Harrant, werden doch zu deutlich sämtliche Namen von Frauen weggelassen.

Ein kleiner Rekord

20 Minuten lesen die Nominierten im Regelfall, überzogen hat an den drei Lesetagen niemand, zumindest war kein strafendes Glöckchen geläutet worden, deutlich unterschritten wurde die Lesezeit allerdings von Gesche Heumann, die mit einem nur zwei Seiten umfassenden Text den wohl kürzesten in der Geschichte des Bachmannpreises vorlegte. Heumann ist Malerin und zeichnet auch in ihrer Erzählung ein künstlerisches Milieu, „vom Beginn des Kunststudierens zu dem, was daraus geworden ist“, wie Brigitte Schwens-Harrant zusammenfasst.

Bei der Jury kommt der Text gut an, viel zu sagen gibt es nicht, außer, dass keiner der Ju­ro­r:in­nen wusste, dass Karl Marx an Karbunkeln litt, wie Heumann schreibt. Der mit vier Lesenden ohnehin verkürzte Lesetag endet so bereits vor der Zeit. Wer den Lindwurm bezwingen und als Sie­ge­r:in vom Platz gehen wird, wird am Sonntag bei der Preisverleihung bekannt gegeben.

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