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Männlichkeitsbilder in SchulenMein Sohn wird ein Mann – und ich bin besorgt

Toxische Vorbilder lauern überall, auf dem Schulhof wie im Netz. Als nichtweißer Jugendlicher hat der Sohn unserer Autorin noch ganz andere Probleme.

Viele Schulen haben ein Problem mit Gewalt. Die Täter sind fast ausschließlich: Jungs Foto: Frank Hoermann/imago

Als ich vor gut 15 Jahren schwanger war und erfuhr, dass ich einen Sohn bekommen werde, habe ich mich gefreut. Insgeheim hatte ich mir das erhofft. Ich war einfach neugierig, ein männliches Aufwachsen von Anfang an mitzuerleben. Ich erinnere mich daran, wie süß ihn alle fanden, als er klein war. „Ach wie toll, diese schönen Locken!“ – „Guck mal, so große dunkle Augen!“

männertaz

Männer bauen Autokratien auf, Männer bilden Manosphären, Männer üben Gewalt gegen Frauen aus. Aber: Männer leisten auch mehr Care-Arbeit als früher, Männer supporten Frauen, Männer gehen sogar in Therapie (manchmal). Alte Männlichkeitsbilder geraten ins Wanken, zugleich klammern sich manche Männer um so mehr ans Patriarchat und verklären die Vergangenheit. Ein Schwerpunkt über Manfluencer und Maskulinismus, Körperlichkeit und Vater-Sohn-Beziehungen, männliches Altern und diverse Männeridentitäten. Alle Texte der Ausgabe erscheinen unter taz.de/männertaz

Ich ziehe meinen Sohn weitestgehend allein groß. Als Feministin, die selbst von männlicher Gewalt betroffen gewesen ist, habe ich das auch als Challenge betrachtet: Mir würde es doch wohl gelingen, einen tollen Mann aus meinem Kind zu machen. Einen, der Frauen und Mädchen mit Anstand und Respekt behandelt. Einen, der reflektiert ist und als Ally für weibliche Belange eintritt. Dachte ich.

Anfang 2023 sitze ich beim Elternabend einer Berliner Grundschule und bin irritiert. Eben wurde ein Workshop vorgestellt, der bald starten soll – speziell für Jungs. „Und was ist mit den Mädchen?“, ruft eine Mutter empört. „Ja, genau. Kriegen die auch einen tollen Workshop?“, fragt eine andere. „Für Mädchen gibt es doch schon so viele Angebote. Für Jungs kaum“, sage ich. Ich weiß das, weil ich erfolglos danach gesucht habe. Googelt man unseren Stadtteil und „Angebote für Mädchen“ erscheinen zahlreiche Treffpunkte, Gruppen und Workshops. Von Hausaufgabenhilfe und Yoga bis hin zu Empowerment-Training, Medienworkshops und Selbstverteidigung. Stellt man dieselbe Suchanfrage für Jungs, erscheinen in erster Linie allgemeine, geschlechtsunabhängige Freizeitangebote, allen voran Fußball.

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In dem Workshop soll es um den Umgang mit schwierigen Alltagssituationen gehen. Situationen, in denen Gewalt schnell eine Rolle spielen kann. Die Schule meines Sohnes hat schon seit Jahren ein Problem mit Gewalt. Viele Eltern beschweren sich immer wieder darüber und fordern Lösungen. Ich auch. Und ich bin mehr als froh, dass mit diesem neuen Trainingsangebot endlich eine angemessene Lösung in Sicht zu sein scheint.

„Von dem Anti-Aggressionsworkshop werden die Mädchen am Ende doch ebenfalls profitieren“, sage ich beim Elternabend. Ich bemühe mich um einen sachlichen Ton: „Gewalt geht in den allermeisten Fällen von den Jungs aus. Und sie sind es auch, die ganz unmittelbar darunter leiden.“ Dem körperlichen Aspekt der Gewalt durch männliche Mitschüler sind Mädchen meines Wissens nach kaum direkt ausgesetzt – zumindest an dieser Schule. Aber natürlich leiden auch sie unter der gewaltvollen Grundatmosphäre und der gewaltvollen Sprache, die hier üblich ist. Dass die Jungs für sie später mal eine eindeutige Gefahr darstellen werden, wenn sie nicht frühzeitig wieder verlernen, dass Gewalt die Lösung ist, zeigt die Kriminalstatistik.

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Mein Sohn nimmt schließlich an dem Workshop teil. Wie Yasin, Adem, Ibrahim und Mamadou erhält er eine Empfehlung der Klassenleitung. Einige von ihnen kenne ich, alle haben sie sogenannten Migrationshintergrund. Mein Sohn ist Kind von zwei nichtweißen Elternteilen. Von einem der Jungs hätte er beinahe mal Prügel kassiert, erzählt er mir. Andere, darunter mein Sohn, hatten sich laut Lehrkräften bisher von aktiver körperlicher Auseinandersetzung versucht fernzuhalten. Ob Emil auch mit dabei ist, frage ich ihn nach dem ersten Treffen. Emil hatte ich schon mehrfach als körperlich übergriffig erlebt. Nein, er sei nicht in der Gruppe, sagt mein Sohn. Emils Eltern sind beide weiß und deutsch.

Er soll Fehler machen dürfen, wie weiße Jugendliche auch

In dem Umfeld, in dem mein Sohn groß wird, setzen viele Jungen auf Einschüchterung und körperliche Dominanz, um sich Respekt zu verschaffen. Mein Sohn muss sich behaupten, wird dabei jedoch schneller als aggressiv bewertet als weiße Kinder. Nachdem ihn der andere Junge bedroht hatte, versuchte ich ihm Tipps zu geben: „Sprich mit einer Lehrkraft darüber“, schlug ich vor. Mein Sohn war genervt. „Du denkst auch, dass die was machen können, oder?“ Selbstverständlich, dachte ich. Doch er erklärte mir, dass kaum Zeit sei, auf einzelne Kinder und deren Konflikte näher einzugehen. Meist würden nur die Eltern informiert, was für den Jungen mutmaßlich Stress zu Hause bedeuten würde. Stress, den er dann wieder mit in die Schule brächte und an ihm auslassen würde. „Dann sag ihm deutlich, dass er dich in Ruhe lassen soll“, versuchte ich es weiter. Mein Sohn winkte nur müde ab. „Oder lauf' weg, wenn er versucht dich anzugreifen?“ Mir gingen die Ideen aus. Ich war überfordert mit der Situation.

Sein Vater hatte da ganz andere Tipps. „Du musst ihm einmal richtig eine verpassen, dann weiß er, dass du kein Opfer bist und dir nichts gefallen lässt.“ Als ich davon erfuhr, war ich desillusioniert. Weil ich verstand, dass mir im Gegensatz zum Vater die praktische Erfahrung mit solchen Situationen komplett fehlte. Und Auswege aus der Gewaltspirale nicht so einfach zu sein schienen.

„Es ist nicht so deep, Mama“, sagt mein Kind mit seiner tiefen Stimme. Inzwischen ist er ein Teenie und wird nicht mehr als süß wahrgenommen. Doch, es ist sehr wohl so deep, finde ich. Ich denke an Mouhamed Dramé, Lorenz A. oder auch William Tonou-Mbobda. Alles junge schwarze Männer, manche noch fast Kinder, die in Kontakt mit deutschen Institutionen ihr Leben verloren haben. „Ja, hätten sie besser reagiert, dann wäre das vielleicht nicht passiert“, sagen einige. Vielleicht. Aber Wut, psychische Ausnahmesituationen oder das Mitführen von Abwehrmitteln sollten kein Todesurteil darstellen. Mein Sohn soll Fehler machen dürfen – ohne dass sein Leben dadurch in Gefahr gerät. So wie weiße Jugendliche auch.

Natürlich habe ich oft mit ihm darüber gesprochen, wie er sich im Kontakt mit der Polizei verhalten muss, um sicher zu sein. Dass er ruhig bleiben soll. Die Nerven behalten. Selbst dann, wenn er respektlos behandelt wird. Viel zu früh hat er gelernt, sich in der Öffentlichkeit zu kontrollieren. Er hat lautstarke Auseinandersetzungen seiner Eltern miterlebt – und versucht, sie durch eigenes angepasstes Verhalten auszugleichen. Gut getan hat ihm all das nicht.

Mein wichtigstes Ziel ist, dass er niemals eine Gefahr für Frauen wird

Eine Zeit lang äußerte sich das in heftigen Wutausbrüchen. Zu Hause, hinter verschlossenen Türen. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich einordnen konnte, dass hinter dem tosenden Zorn eine tiefe Traurigkeit steckte. Auch da spürte ich wieder eine Hilflosigkeit. Wie würde ich ihm beibringen können, dass es in Ordnung ist traurig zu sein und zu weinen – auch als Junge?

Das Internet und die Algorithmen, in die mein Sohn schneller reingeraten war, als ich eingreifen konnte, sagen da etwas anderes. Die sogenannte Manosphere vermittelt penetrant fragwürdige Männlichkeitsbilder. Außerdem werden den Jugendlichen permanent riskante Trendswie Rooftopping oder ICE-Surfen in die Feeds gespült. Vor allem Jungen probieren sich da gern aus – mit entsprechend hohem Verletzungsrisiko.

Wie sehr sich durch die Erfahrungen mit meinem Kind mein Blick auf Jungs und Männer verändert hat, überrascht mich selbst. Ich habe lernen müssen, dass beste Absichten allein nichts ausrichten können. Lebensumstände, Umfeld, Einflüsse aus Gesellschaft und Medien – all das hat einen starken Einfluss auf die gesamte Entwicklung.

Trotz all der Gefahren und Herausforderungen, die sein Aufwachsen mit sich bringt, trotz meiner Ängste und Unsicherheiten in Erziehungsfragen: Ich bin froh, meinen Sohn zu haben. Mein wichtigstes Ziel – neben seiner Sicherheit und Unversehrtheit – ist, dass er niemals eine Gefahr für Frauen wird. Manchmal stelle ich das infrage. Dann ist er ernsthaft verletzt und kann kaum glauben, dass ich so etwas denke. Und wenn er mir dann nachdrücklich versichert, dass er Frauen schützen und gut behandeln wird, habe ich die leise Hoffnung, dass mein Sohn einmal ein guter Mann sein wird.

Möglicherweise ist das naiv. Aber ich glaube an ihn. Und daran, dass mein Anteil nicht darin liegt, alles richtig zu machen, sondern ihn ernst zu nehmen und zu versuchen, ihn wirklich zu verstehen. Auch dort, wo er für sich erst herausfinden muss, was für ein Mann er sein will.

Anm. der Redaktion: der Text wurde unter Pseudonym verfasst.

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20 Kommentare

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  • Einerseits gefällt mir dieser Artikel, andererseits "verstört" es mich auch, dass es immer noch so wichtig zu sein scheint (ich beziehe mich der Einfachheit halber auf Deutschland), ob wir mit oder ohne Penis geboren werden. "Irgendwie" hatte ich die Hoffnung, dass wir schon weiter sind und gesamtgesellschaftlich ebenso wie individuell Werte und Eigenschaften anstreben, die wir als Menschen anstreben und die uns als Menschen auszeichnen, nicht als Junge/Mann oder Mädchen/Frau oder d/d usw..

    Ein inspirierender Artikel, auch für mich als Frau ohne Kinder. (Mit "Frau" meine ich, seit Geburt als Frau gelesen und vermutlich nicht männlichen Geschlechts, körperlich zumindest definitiv nicht.)

    • @*Sabine*:

      Ja, absolut!



      Ich bin auch gerade stark am nachdenken darüber ob das, was andere hier gesagt haben, nämlich, dass Gewalt unter Jungs "normal" ist und man die Jungs "einfach raufen lassen" soll wirklich richtig ist.



      Denn ich muss ganz klar sagen: GEWOLLT habe ich das NIEMALS! Dieses raufen, sich andere "vornehmen", "sich verteidigen können" usw. - diese ganze Gewalt, sich überhaupt damit beschäftigen zu müssen, das kam immer daher, dass andere mir etwas aufzwingen wollten. Ich empfand das nie als "natürlich". Es war natürlich, dass andere mich angreifen. Aber eigentlich wurde ich damit schlicht allein gelassen.

  • "Die Schule meines Sohnes hat schon seit Jahren ein Problem mit Gewalt."

    Schule wechseln. Ggf. umziehen, wenn das für den Schulwechsel notwendig ist.

    "Auch dort, wo er für sich erst herausfinden muss, was für ein Mann er sein will."

    Mich würde mehr interessieren, was für ein Mensch er sein will. Wie er die Begegnungen und Beziehungen mit anderen Menschen, w/m/d, Alten und Jungen, Reichen und Armen, Bedeutenden und Unbedeutenden, Freunden und Freundinnen, Partnern und Nicht-Partnern etc. dann gestaltet, wird sich daraus ergeben. Außerdem weiß niemand von uns, ob er sein Leben lang ein Mann ist/sein wird/will.

  • Ihr macht euch zu viele Sorgen, und ich kann das als Mann über 50 inzwischen sagen. Wir haben uns in unserer Jugend auch die sprichwörtliche "Fre**e" poliert und sind deshalb weder zu Serienmördern noch zu Frauenhassern oder Ähnlichem geworden. Dass dieses Fehlerbild mit dem Konsum von irgendwelchen Vorbildern und Medien zusammenhängt, ist meiner Meinung nach Psychologie-Gesabbel. Kurz gesagt: Erfahrungen sammeln, da sein, wenn es Streit gibt, und dann klar sagen, was falsch gelaufen ist. Am Ende schlägt jeder seinen ganz eigenen Pfad ein, der sich richtig anfühlt. Doch dieser sollte niemals durch Zwang oder wohlmeinende Lenker geschaffen werden. Denn das kann ich euch aus meiner Erfahrung sagen: Die, die immer brav den Eltern gehorcht haben, sind in der Jugend oft Ärgernisse und später schlimme Menschen.Klar gibt es manchmal Ausnahmen, aber wie man sagt: Ausnahmen bestätigen die Regel.

  • Ach dekadente..



    Gewalt ist ein natürlicher Teil des menschlichen Verhaltensrepertoirs. besser als es komplett zu unterdrücken versuchen ist es besser es in Bahnen zu lenken.



    schick ihn in Kampfsport, wo er männl. Vorbilder bekommt, Selbstbewusstsein, Respektsverhalten, Reife und... oha... auch Kampferfahrung, wie auch die Erfahrung mit manchmal UNVERMEIDBARER Unterlegenheit und Niederlagen umzugehen.

    Jeder Versuch einer Totalunterdrückung dieses Verhaltensrepoertoires kann Schäden verursachen die über Bullying hinausgeht.

  • Hier entsteht der Eindruck als müsse Knabe - sofern Mann/Frau nicht ausdrücklich stark und vor allem rechtzeitig mit Erziehung gegenlenkt - mit beinahe tödlicher Sicherheit zum Gewalttäter werden.



    Ich kann mich nicht erinnern, dass solches bei meiner Erziehung explizit ins Auge gefasst wurde - freiwillig gewalttätig war ich dennoch nie. Nicht einmal gegen mein eigenes Geschlecht. Freilich bin ich noch in Zeiten aufgewachsen, als Prügeleien nicht so extrem ausarteten wie heutzutage...

    Eher klein und schmal als Kind, schon früh mehr mit Augen für Kunst und Ästhetik, gehörte ich im Zweifel zu den Unterlegenen. Manchmal hat es dann den Unterschied gemacht aus machtloser Wut heraus mal den Stärkeren "auf die Nase" zu hauen. Was für den so absolut unerwartet kam, dass der los ließ, daraus tatsächlich - war er fair -ein Respekt entstand.

    Irritierend für mich, dass derzeit in vielen Artikeln der Eindruck erweckt wird, dass "Mann" automatisch irgendwo schon gewalttätig sein muss. Wenn nicht generell per Faustrecht, dann zumindest mittels Fahrzeug, zu Haus oder wenigstens in seiner "wilden Phantasie", die stets ausbrechen könnte.



    Nee Leute, so einfach kanns dann doch nicht sein...

  • Danke für den Beitrag.



    Ich denke ebenfalls, dass neben den ganzen berechtigten Förderungen für Mädchen die Jungs oft zu kurz kommen.

    Und gerade der Ausschnitt mit dem Tipp vom Vater "Du musst ihm einmal richtig eine verpassen, dann weiß er, dass du kein Opfer bist und dir nichts gefallen lässt.“ - ich habe das exakt genauso erlebt.

    Ich war immer ein netter und höflicher Junge. Habe auf andere geachtet, mich mit niemandem angelegt. Vorbildlich.



    Und ich war einer von denen, die immer verspottet und gehänselt wurden.

    Mein Vater und meine Mutter haben mir dasselbe geraten wie die Autorin ihrem Sohn. Geholfen hat das nichts.



    Geholfen hat erst, als ich mir einen von den Jungs geschnappt hab, ihn am Kragen hochgezogen, ihm ins Gesicht gesehen und ihm gesagt hab er soll mit dem Mist aufhören.

    Manche respektieren Grenzen nur, wenn man sie zur Rechenschaft zieht.

    Das muss kein Knast sein. Da muss man niemanden ausweisen.



    Aber die Ansage muss klar sein.



    Und wir sollten diese Ansage als Gesellschaft machen, nicht als einzelne.

    Denn Lehrer, Eltern oder andere Kinder haben mir damals kaum oder gar nicht geholfen.



    Das war eigentlich das schlimmste: es gab einfach keinen anderen Ausweg.

    • @Sonderzeichen:

      *ergänzend vielleicht noch:

      ich glaube ich habe damals auch ein bisschen die Bindung zu meinem Vater verloren. Denn er hat mir eben nicht gesagt "kämpf für dein Recht, steh für dich ein" sondern im Gegenteil "manchmal muss man weglaufen".



      Eine schlechte Vorbereitung fürs Leben. Und nicht das, was ein Kind von seinen Eltern hören sollte. Völlig unabhängig vom Geschlecht.

      • @Sonderzeichen:

        Ja, leider ist es einfach so, dass man sich auch mal physisch wehren muss. Zwischen Ländern ist es manchmal auch nicht anders, siehe Ukraine.



        Völlige Gewaltfreiheit ist kein Lösung, aber es darf nur das allerletzte Mittel bei der Verteidigung sein.

  • Es ist bei dem Artikel selbstrenden nur ein Ausschnitt der Gedanken der Mutter zu lesen und ich kann sie gut nachvollziehen, allerdings kommt mir ein Aspekt zu kurz: Wie erziehen wir "gute Männer"? Wenn sie gerade zuhause in erster Linie als Mensch wahrgenommen werden und vermittelt bekommen, dass sie vollwertig sind mit allen Gefühlen, Bedürfnissen, Interessen und Gedanken und lernen diese wahrzunehmen, zu artikulieren und zu reflektieren und nicht auf Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft reduziert werden , auch wenn das zweifelsohne andere Menschen in der Gesellschaft tun werden. Das Ziel ist ihm felsenfest zu vermitteln, dass er ein wertvoller Mensch ist mit vielen Dimensionen und Aspekten und Tiefen. Dann kann er auch andere Menschen , zB auch Frauen, so wahrnehmen und ihnen begegnen. Ihm in irgendeiner Form glauben zu lassen, dass er aufgrund seines Geschlechtes potentiell gefährlich und gewaltvoll ist , lehrt in eher etwas in ihm selbst zu fürchten und nicht anzusehen. Und wenn die Schule so ein Problem mit Gewalt hat: Schule wechseln! Hat unser Leben zumindest enorm verbessert.

    • @letsmakeamove:

      "Wie erziehen wir "gute Männer"? "

      Hier ist wohl was verrutscht. Und was machen "wir" dann mit den weniger guten Männer und den dazwischen? Männlichkeit ist insgesamt unter Verdacht mit Vorbehalt gestellt, bis zum Beweis des Gegenteils. Dabei ist der Sohn der Autorin - kommt schon ganz gut zurecht, mit einer gesunden Skepsis gegenüber Gewalt und Mackertum - eher die Regel, nicht die Ausnahme.

  • Ich hab jetzt mehrmal überlegt ob ich hier kommentieren sollte, hab mehrmals angefangen aber irgendwie war alles was ich geschrieben hab immer zu dumpf und primitiv.



    Und was klügeres fällt mir auch nicht ein, aber ich schreib jetzt trotzdem mal was ich denke, vllt fällt dann ja jemand anderen doch noch was klüges ein...

    Ich denke, leider, das da der Vater mit seiner Einschätzung nicht ganz falsch liegt. Es gehört wohl leider etwas zum "Junge sein", sich mal durchsetzen zu müssen, und leider geht das auch meist nur mit Gewalt. Geht er zum Lehrer und petzt, würde es nämlich noch schlimmer werden, dann ist er der "Arsch" für alle. Macht er nix, läuft es ähnlich, es wird dann immer schlimmer. Es bleibt nur, sich zu wehren. Dabei muss er nicht "gewinnen", aber die anderen müssen das sehen.



    Als Junge aufzuwachsen hat vllt die ein oder andere Parallele zum Knastleben, in abgeschwächter Form...

    • @Rikard Dobos:

      Als jemand der in der Schulzeit die meiste Zeit körperlich "massiv unterlegen" war, kann ich nur zustimmen. Bei mir wurde es aufgrund der körperlichen Unterlegenheit immer versucht. Weil ich das aber nicht zugelassen habe, mich mal verbal, mal körperlich gewehrt habe, hat sich das nie verfestigt. Als ich dann Kraft- und Kampfsport gemacht habe, gab es diese Versuche gar nicht mehr. Es ist traurig, aber anders geht es oft nicht. Vollkommen unsichtbar werden, sodass man von allen ignoriert wird, kann auch keine Alternative sein.

    • @Rikard Dobos:

      Es gab mal eine Zeit da haben sich die Jungs gerauft, ala " Das fliegende Klassenzimmer". Heute tritt man jemanden der wehrlos am Boden liegt mit voller Wucht gegen den Kopf und ist danach der tolle Typ und sein "Opfer" ein halber Pflegefall und das Opfer du Opfer. Oben schrieb jemand Schule wechseln, ja das kann helfen, aber es kann Dich auch wieder einholen. Solange wir hier solche Unterschiede in der Sozialisierung haben wird das weitergehen und sich verschlimmern. Das ist weder dumpf noch primitiv sondern Realistisch betrachtet.

    • @Rikard Dobos:

      Ich sehe in Ihren Gedanken nichts falsches. Ich habe im Teenageralter Kurse zur Selbstverteidigung besucht. Ich war damals lange Zeit ein schüchternes, introvertiertes Kind, das mit gesenktem Kopf gedankenverloren durch die Welt gegangen ist und rückblickend vielleicht sogar deshalb ein perfektes Opfer war. Der Kampfsport hat zumindest meine äußere Erscheinung geändert, wie die Art wie ich gehe. Und das hat bei mir im späteren Leben viel verändert. Nahezu jeder Mensch gerät einmal in Konfliktsituationen, wenn er die eigenen vier Wände verlässt, aber es hat bei mir gereicht zu wissen, dass ich mich wehren könnte und andere haben mich durch diese Art des Auftretens nicht mehr als Opfer wahr genommen, selbst wenn sie gezielt eins gesucht haben. Und ja. Rennst du zum Lehrer bist du die schwache Petze. Das war früher so, das ist heute vermutlich nicht anders. Dieser Rat läuft faktisch ins leere. Ich habe mich nie mit meinen Fäusten wehren müssen. Aber das Wissen, dass ich es kann, hat gereicht, dass die, die Ärger wollten, um mich einen Bogen gemacht haben.

      • @XOfSpades:

        Einerseits ja. Aber es schränkt andererseits das eigene Leben doch erheblich ein, wenn man sich auf eine bestimmte Weise verhalten muss, um keinen Ärger zu bekommen.



        Ich weiß noch, dass ich zum Teil auch ein eher feminines auftreten hatte, und schon deswegen wurde ich oft Ziel von Angriffen. Aber der Umkehrschluss ist: ich muss maskuliner auftreten um keine verpasst zu bekommen. Ich ändere also mein Verhalten und mein Auftreten nicht weil ich anders sein will, sondern weil ich mich dazu genötigt sehe um nicht Opfer von Gewalt zu werden. Auch irgendwie recht arm, so gesellschaftlich betrachtet...

  • Wir müssen wieder lernen Jungs ernst zu nehmen und auch körperliche Auseinandersetzungen unter ihnen zuzulassen. Und zwar vom Kindergartenalter an. Das Aushandeln und auch Auskämpfen in einigermaßen kontrollierten Situationen führt dazu seinen eigenen Platz zu finden und mit Siegen und Niederlagen klar zu kommen. Ich selbst musste meistens mit Niederlagen klar kommen aber auch ich habe die Auseinandersetzungen oft gerne mitgemacht.



    Ich habe in meinem späteren Leben nie körperliche Gewalt ausgeübt auch weil wir dadurch gelernt haben Verantwortung für andere zu übernehmen.



    Verantwortung ist das Thema an dem es heute am meisten mangelt. Die Jungen erleben heute in Schule und Gesellschaft das Konsequenzen oft nicht existieren oder irgendwie verhandelbar sind . Grenzen gibt es viele, aber das Überschreiten ist egal.



    Jungs müssen wieder zur Verantwortung erzogen werden. Und sie müssen auch wieder Jungs sein dürfen und dafür Anerkennung bekommen.

  • "Mein wichtigstes Ziel ist, dass er niemals eine Gefahr für Frauen wird."

    Leute, ihr zäumt das Pferd vom falschen Ende her auf.



    Euer oberstes Ziel sollte sein, einen starken und selbstbewussten Menschen/Mann aus ihm zu machen, der in der Lage ist seine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und zu artikulieren und DANN ihm beizubringen andere, insbesondere Schwächere fair zu behandeln. Wenn ihr dem kleinen Kerl ständig im Ohr liegt, dass das oberste Gebot ist, auf weibliche Bedürfnisse zu achten, wird er sich selbst nicht ausreichend wahrnehmen und sein Potential nicht entfalten. Dies erzeugt Frust, der sich entweder nach innen richtet und sich selbst blockiert (Depression) oder ihr treibt ihn erst recht in die Arme der Andrew Tates dieser Welt.

    • @QuantumRider:

      Ja, das sehe ich genauso.



      Ein gefestigter Charakter wird viel besser mit sich und der Umwelt klarkommen. Das ist die Basis, und die muss man legen.

      Gewaltfreiheit und Respekt anderen gegenüber ist dann das Resultat.

  • "Mein wichtigstes Ziel ist, dass er niemals eine Gefahr für Frauen wird"

    Das macht mich nachdenklich